Permalink

4

21. April 2012

Das Tamron Tele SP 70-300mm in der Praxis. Ein Kurztest.

Erfahrungsbericht: Mit dem Tamron SP 70-300mm F/4-5.6 Di VC USD auf der Belle-Ile-en-Mer

Ich hatte das Tele mit dem langen Namen bei einem Tamron-Wettbewerb gewonnen, und kurz vor unserer Abreise zur Belle-Ile-en-Mer traf das Päckchen ein. Eine gute Gelegenheit, das Objektiv auf dieser Fototour auszuprobieren. Ich will hier niemanden mit Tech-Speak und MTF-Diagrammen vergrätzen, sondern kurz schildern, wie sich das Objektiv in der Praxis bewährt und natürlich auf die Bildqualität eingehen.

Hier die “Übersetzung” des Namens:
70-300mm: die Brennweite, die an APS-Kameras mit Faktor 1.6 112-480mm ergibt,  ist schon ganz ordentlich, um auch mal Tiere in der Distanz zu fotografieren.
F 4-5.6: im Vergleich zu teuren Festbrennweiten ist das natürlich nicht berauschend, andererseits sind viele Einsteiger-Zooms noch lichtschwächer. Eine Stufe lichtstärker würde allerdings auch das Gewicht verzwei-, bis -dreifachen.
SP: Super Performance, wie der Name andeuted, ist das die hochwertige Tamron-Objektivlinie.
Di: Digital optimiert, sind alle neueren Konstruktionen bei Tamron.
VC: Vibration Compensation, Tamrons optische Bildstabilisatortechnik.
USD: Ultrasonic Silent Drive, Tamrons Eigenentwicklung des Ultraschall-AF-Motors.
Dann gibt es noch LD, XLD und IF, was für eingebaute Speziallinsen und Innenfokussierung steht.

Dummerweise hat das 70-300 einen für Canon-Fotografen etwas unüblichen Filterdurchmesser von 62 mm. Die Zeit war zu knapp, noch Pol- und Graufilter zu besorgen, also habe ich es sozusagen nackt eingesetzt. Obwohl es für Vollformat-Sensoren ausgelegt ist, hatte ich es nur auf der Canon 7D getestet. Die Leistung mit APS-Format-Kameras dürfte auch die weitaus meisten Anwender interessieren.

Das Objektiv ist aus Kunststoff, recht voluminös und fühlt sich angenehm an. Es wirkt solide, zwar  nicht so robust und schwer wie die metallenen Profi-Teles von Canon, ist aber angesichts des Preises von knapp 350 Euro ein echtes Schnäppchen. Die 16 cm Länge wachsen beim Drehen am Zoomring schnell an: inklusive angesetzer Kamera und Sonnenblende hat man eindrucksvolle 35 cm Fotografiewerkzeug. Beim parallelen Einsatz mit Canon-Objektiven irritiert die Bedienung. Bei Canon sitzt der Zoom-Einstellring hinten, bei Tamron vorne. Außerdem ist die Drehrichtung beim Zoomen vertauscht.

Der Autofokus arbeitet schnell und leise, ausreichend für die meisten Situationen, wobei die Performance der Canon-Ultraschallmotoren nicht erreicht wird. In jedem Falle aber eine deutliche Verbesserung gegenüber den herkömmlichen Tamron-Objektiven.
Der Stabilisator dagegen arbeitet sehr effektiv nach dem System Bullterrier, was er einmal in den Fängen hat lässt er so schnell nicht los. Ich hatte z.B. den Vollmond am Nachmittagshimmel anvisiert und wollte den Bildausschnitt leicht ändern, der Mond aber blieb erst einmal stur auf der eingestellten Position. Drei Blenden/Zeitstufen Zugewinn scheinen mir hier realistisch zu sein. Aber aufgepasst, die so gewonnenen längeren Zeiten sind für die scharfe Abbildung sich schnell bewegender Objekte nicht nutzbar. Weil im Sucher alles so schön ruhig aussieht, habe ich mich auch manchmal dazu verleiten lassen, rennende Kinder und ähnliches mit zu langen Zeiten abzulichten. Hier sind die Canon-Profiteles leicht im Vorteil, da sie einen die Situation anpassbare, umschaltbare Stabilisierungs-Modi bieten.
Vignettierung ist in keiner Einstellungskombination vorhanden. Das wundert auch nicht, da das Objektiv für Vollformat-Sensoren ausgelegt ist und an der EOS 7D nur das Bildfeldzentrum nutzt.

Der wichtigste Punkt sind natürlich die Abbildungsleistungen. Wir sind noch dabei, das gesamte Bildmaterial zu sichten, ich kann aber schon sagen, dass die Aufnahmen mit dem Tamron scharf und kontrastreich rüberkommen. Es überflügelt das 100-400mm L-Objektiv von Canon und kommt dicht an das 2.8/70-200mm L heran, welches das Sechsfache kostet und doppelt so schwer ist.
Ich habe das 2.8/70-200 direkt gegen das Tamron frühmorgens im Gegenlicht am Strand getestet und war gelinde gesagt überrascht, wie dicht das Tamron in Schärfe und Kontrast dem teuren Original-Objektiv auf den Fersen ist. Auffallend ist auch die geringe Streulichtempfindlichkeit, was bei Gegenlichtaufnahmen gute Kontraste garantiert.
Verzeichnung spielt in der Landschaftsfotografie keine große Rolle. Ich habe deshalb ausgiebig in Le Palais und Sauzon fotografiert. Fazit ist, die Straßen-Aufnahmen haben keinerlei bemerkbare Verbiegungen der horizontalen oder vertikalen Geraden gezeigt.
Aber keine Rose ohne Dornen. Je nach Situation treten im Randbereich an kontrastreichen Kanten Farbsäume auf. Hier bin ich dankbar für Photoshop Lightroom, mit dem man die chromatische Aberration leicht aus den Raw-Dateien wieder herausrechnen kann. Zur Entlastung sei gesagt, dass das Canon 2.8/70-200mm noch stärkere chromatische Aberration aufweist.

Mein Fazit: Ein angenehm bedienbares, optisch und mechanisch hochwertiges Objektiv, das sich gut anfühlt und in der beliebten Klasse der 50/75-300mm Teleobjektive sehr weit vorne einordnet (das hab ich nachgeguckt!). Den Vergleich mit den Profi-Teles verliert es nur in puncto Lichtstärke, AF-Geschwindigkeit und Stabilisatorwahlmöglichkeit. Die Bildqualität dürfte hohen Ansprüchen genügen. Es hat ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis und kommt mit Fünf-Jahres-Garantie bei Registrierung. Das kann wichtig werden, falls es mal krankt. Unbedingt zugreifen, wenn noch ein gutes Tele fehlt!

Das hier gezeigte Bildmaterial (zum Vergrößern draufklicken!) ist entgegen dem normalen Workflow nicht geschärft, wirkt also etwas weicher, um die Unterschiede nicht zu verwischen. Die Farbabweichungen wurden auch nicht korrigiert.

Nachtrag 29. Mai 2013: Inzwischen haben wir das Objektiv über ein Jahr in Gebrauch, und können noch Folgendes anmerken:

Bei starkem Wind, langer Brennweite und aufgesetzter Sonnenblende fängt der Objektivtubus an, zu vibrieren. Vernünftiges Fotografieren ist mit dieser Kombination nicht mehr möglich.

Bestimmten Lichtsituationen mit Motiven, die sich wiederholende Muster zeigen, scheinen Autofokus und/oder Stabilisator manchmal zu Fehlmessungen zu verleiten. Zumindest hatten wir Serien eines Motives, die durchgehend unschärfer waren. Die nächste Einstellung war wieder O.K. Wir werden das im Blick behalten und bei Gelegenheit weiter testen, um die Ursache dafür zu finden.

Tamron AF 70-300mm 4-5.6 Di SP VC USD digitales Objektiv für Canon

Tamron AF 70-300mm 4-5.6 Di SP VC USD digitales Objektiv für Nikon

Artikel teilen

4 Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.