Der Lange Jan und die Gänse

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Bevor noch die Sonne in mein Fenster schien, scheuchte ich die Familie bereits aus den Betten. Das Licht versprach gut zu werden, ich wollte vor Ort sein und dazu mussten wir ein paar Kilometer fahren. Arme Amy, ausgerechnet am Geburtstag wurde sie unsanft geweckt.

Auf dem Weg zum langen Jan war schon reger Betrieb. Normalerweise sind nur die Fotografen so verrückt kurz nach 6:00 Uhr freiwillig los zu ziehen. Hier waren wir sogar spät dran. Die Vogelenthusiasten waren vor uns da. Um bloß nichts zu verpassen fuhren alle im Schneckentempo – wir auch, und konnten in Ruhe die Landschaft genießen.

Tiere und Tierfreunde am Leuchtturm

Schlanke, zarte Rehe standen im grünen, feuchten Gras und schauten zu uns herüber. Vögel zwitscherten und quakten. Vor uns zog ein Schwarm aus hunderten Gänsen theatralisch über das flache, karge Land und den langen Jan in der Ferne. Und ich wurde hektisch. Genau DAS Bild wollte ich haben, deswegen hatte ich mein warmes, gemütliches Bett verlassen. Ich schaffte es gerade noch. Danach landeten die Gänse auf der Wiese und quakten miteinander.

Vogelbegeisterte Touristen

Vogelbegeisterte Touristen

Gänse beim Langen Jan

Gänse beim Langen Jan

Unser Wohnmobil und Gänse

Unser Wohnmobil und Gänse

Es war immer noch sehr stürmisch beim Langen Jan - das Foto habe ich 30 Sekunden lang belichtet

Es war immer noch sehr stürmisch beim Langen Jan – das Foto habe ich 30 Sekunden lang belichtet

Unsere müden Teenager schlüpften wieder in die Betten, als wir auf dem Parkplatz standen. Wir schlüpften in Schuhe und Jacken und gesellten uns zu all den Leuten mit großen Teleobjektiven, Spektive und dicken Stativen. Unsere Ausrüstung sah dagegen ziemlich mickrig aus. Wir wollten damit ja den Leuchtturm ablichten, der stand still, nur das Licht, das mussten wir einfangen.

Als ich so von unten den 40 m hohen langen Jan hochschaute, sah ich die Wolken gerade über ihn hinwegjagen. Ich tat mein Bestes, mein Stativ im Wind zu stabilisieren. 30 Sekunden waren fast zu viel, so schnell zogen die Wolken über uns hinweg. Die Fotos sind aber super geworden.

Mir kam es schließlich so vor, als hätten sich ebensoviele Vogelbeobachter wie Vögel hier eingefunden. Ein richtiges Schwarmverhalten haben die. Und alle waren unglaublich ruhig und sie bewegten sich bedächtig. Fast, wie in einer Kirche oder einer Ausstellung, wenn die Leute etwas ganz Großartiges besichtigen. Taten sie ja auch! Die Stimmung war toll. Nur kamen wir uns seltsam vor. Nicht, dass mich Vögel nicht interessieren würden, ich mag sie auch. Aber soviel Technik und dann soweit weg von den Tieren und fast keiner redete… Wir waren die einzigen, die sich für den Leuchtturm interessierten.

Nach der Tour scheuchten wir die Kids aus den Federn und frühstückten gemeinsam. Mitten im Trubel der Vögel und Stativträger.

Warum heißt der Leuchtturm eigentlich „der lange Jan“?

Im Mittelalter stand an der südlichen Spitze Ölands ein Kloster des heiligen Johannes. Nach der Reformation wurde es verlassen und zerfiel. Um das Jahr 1780 herum verwendete man die Steine, um den Leuchtturm zu bauen. Die lokale Bevölkerung nannte ihn darum den langen Jan.

Das Erntefest auf Öland

Weiter ging es inmitten von Menschenmassen, das Erntefest war noch im vollen Gange. Wir besuchten einige Farmermärkte, fotografierten Zwiebeln in Grönhögen und fast wären wir in einem Maislabyrinth gelandet.

Überall farbenfrohe Kürbisse

Überall farbenfrohe Kürbisse

Überall farbenfrohe Kürbisse

Überall farbenfrohe Kürbisse

Ein Zwiebelbild

Ein Zwiebelbild

Auf der kargen Steppe im Inselinneren lag die prähistorische Burg Eketorp verlassen vor uns. Komisch, wollte keiner der zigtausend Wohnmobilisten hier vorbeikommen? Die Burg war für die Saison geschlossen, was bedeutete, die Türen waren offen und Anschauen kostete nichts. Nun, die Gebäude auf dem Gelände war geschlossen aber ansonsten durfte man überall herumlaufen und auf die Mauern steigen, was wir auch taten.

Eketorp – von Noah

Eketorp ist eine der neunzehn frühzeitlichen Befestigungen im Süden Ölands. Die Anlage liegt inmitten einer der weiten Steppen, was damals zwar die Sicherung des umliegenden Farmlandes erlaubte, das Fort selbst aber von allen Seiten angreifbar machte. Um dem entgegen zu wirken, wurden die defensiven Steinwälle ringförmig um die zentrale Siedlung angelegt. Im Inneren baute man flache Steinhäuser, oft die Befestigungsmauer selbst als Rückwand benutzend.

Nach der Errichtung der Festung in der Eisenzeit wurde die Anlage im Falle eines Angriffes, als sicherer Rückzugspunkt für die Farmer des Umlandes genutzt. Auch diente es als Sammelpunkt für Handwerker und Schauplatz für religiöse Zeremonien. Mit den Jahren wuchs die Population und die Anlage wurde ausgebaut. Unter harter Arbeit verlegte man das existierende Mauwerk nach außen, das ursprüngliche Durchmesser von 57 Metern auf 80 Meter erweiternd. Die inneren Steingebäude wurden gegen Häuser aus Holz ersetzt.

Heute ist die Ruine ein beliebtes Auflugszielziel für Touristen. Im Inneren wurde im traditionellen Baustiel ein Museum errichtet, in welchem viele der 24.000 vor Ort ausgegrabenen Artefakte ausgestellt werden. Auch wird daran gearbeitet die alte Siedlung detailgetreu zu rekonstruieren und für Besuchter zugänglich zu machen. Schon jetzt dient die Festung gelegentlich als Schauplatz für mittelalterliche Märkte und nachgespielte Schlachten.

In der Burg Eketorp

In der Burg Eketorp

In der Burg Eketorp

In der Burg Eketorp

Datumstafeln machen einem bewußt, wie alt die Burg ist

Datumstafeln machen einem bewußt, wie alt die Burg ist

In Eketorp

In Eketorp

Noah und Amy in der Burg Eketorp

Noah und Amy in der Burg Eketorp

Der Leuchtturm von Segerstad

Entlang der Ostküste bewegten wir uns wieder Richtung Norden. In Segerstad steht noch ein Leuchtturm, ein Foto davon ist in der Touristenlandkarte. Wir dachten, es wäre ein Ausflugsziel, ist es aber nicht. Motorisierte Fahrzeuge waren auf der Straße zum Leuchtturm nicht erlaubt. Das war auch besser so. Wir holten die Fährräder vom Träger und radelten munter los. Nach wenigen hundert Metern war das radeln nicht mehr so munter. Es rüttelte uns mächtig durch. Der Weg war mit dicken, faustgroßen, scharfkantigen Steinen geschottert. Das ging gut 2,5 km so. Wir mussten langsam darüber holpern, damit wir uns keine platten Reifen einhandelten. Die Durchblutung der Arme wurde dabei erfolgreich angeregt.

Dann folgte ein kleines Wäldchen und der Weg wurde schmaler. Gunter ignorierte das „Privat“ Schild, ich fuhr ihm hinterher, das behagte mir nicht. Ich haderte mit mir: soll ich an der Tür klopfen, oder nicht? Nerve ich die Leute dann Sonntags? Hätte ich mal besser die Nummer auf der Anzeige angerufen! Wir schossen schnell ein paar Fotos, schauten, ob man von außen etwas sehen würde – was natürlich wegen der hohen Bäume nicht funktionierte und bis zum Winter wollten wir nicht warten. Also rüttelten wir die 2,5 km wieder zurück zum Wohnmobil. Wahrscheinlich hätten wir zu Fuß auch nicht wesentlich länger gebraucht. So ein schöner Leuchttum, schade, dass wir dafür so wenig Zeit hatten.

Der Leuchtturm Segerstad

Der Leuchtturm Segerstad

Amys Geburtstag

Amy hatte immer noch Geburtstag. Den mussten wir doch feiern! Wir kauften Kuchen und Kaffeestückchen und tranken ganz gemütlich Kaffee und plauderten.

Den Wald „Halltorps Hage“ bei Ekerum erwanderten wir wegen des fortgeschrittenen Tages nur kurz. Die Eichen dort waren aber sehenswert, uralt, knorrig und einige schon abgestorben. Richtung Süden staute sich der Verkehr kilometerlang zur Brücke hin. Wir hatten freie Fahrt nach Norden.

Eine tote Eiche

Eine tote Eiche

Der Herbst kommt

Der Herbst kommt

Ich fand das cool, einen Eindruck zu bekommen, wie es wohl im Sommer hier aussieht. Und das Gute ist: es waren nur drei Tage und dann war der Wohnmobil-, Auto- und Touristenspuk wieder vorbei, und wir hatten die Insel wieder fast für uns allein. Tatsächlich habe ich noch NIE soviele Wohnmobile auf einem Haufen gesehen! Überall brechend volle, riesige Wiesenparkplätze und warnwestenbekleidete Platzeinweiser.

Das Pferd bei Kapelludden

Amy war dem aufdringlichen Pferd bei Kapelludden noch nicht begegnet. Deswegen fuhren wir nochmal dorthin. Mit unseren Bildern vom Leuchtturm waren wir zwar zufrieden, aber noch ein paar frühmorgendliche Fotos sind nie verkehrt. Wie erwartet, kam die Stute gleich zu Amy gerannt, und Amy hatte große Mühe, bei den ungestümen Annäherungsversuchen auf den Beinen zu bleiben. Spaß hat es ihr trotzdem gemacht.

Das Pferd und AmyDas Pferd und Amy

Das Pferd und Amy

Zum Ausklingen des Geburtstags schauten wir den Pferdefilm „Touching Wild Horses [DVD]“! Ein interessanter Film, sehr passend für den Tag! Die Nacht war extrem ruhig. Mit all den Herbstfestbesuchern war auch der Sturm weggezogen. Und wir hatten endlich die lärmend im Wind flatternde Plane von den Rädern genommen.

Gabi

hier schreibt Gabi

Ich liebe das Reisen, die Fotografie und meine Familie!
Am besten - alles zusammen!

Autor: Gabi

hier schreibt Gabi Ich liebe das Reisen, die Fotografie und meine Familie! Am besten - alles zusammen!

5 Kommentare

  1. Dann hatte Amy ja noch einen wirklich schönen Tag – für mein Empfinden, wie sieht sie das? Amy, Pferde gibt es hier auch wieder ganz viele, Hannah kann dich dann mit auf die Koppel nehmen 🙂 …
    Wir waren ja im Sommer in Eketorp, war aber auch nicht überlaufen, eher gemütlich. Da war dann einiges los, man konnte in die Hütten, die wunderbare Ausstellung im großen Langhaus (?) in der Mitte bestaunen und viel ausprobieren. Bogenschießen, Schwertkampf und Handarbeit. Ich hab mir Gabelhäkeln erklären lassen, von einem Mann! Und die Kleine hat sich in die Schweinchen verliebt, die dort überall rumliefen und sich streicheln ließen. Habt ihr auch die Pfeile in der Außenmauer entdeckt?
    Ach, ich bekomme Sehnsucht nach Öland :-). Schön, dass ich zumindest virtuell dort sein kann. Bin gespannt, welche Ecken ihr noch erkundet.
    Gabi, diese Vogelbegucker sieht man wirklich überall auf Öland und auch Gotland, scheint so eine Art Volkssport zu sein. Wahnsinns Technik, oder? In dem Museum am Langen Jahn kann man die Teile sogar kaufen, Stolze Preise. Aber ich finde cool, dass die auch in Ansammlung noch so still und rücksichtsvoll gegenüber der Natur/den Tieren sind.

    LG Gabi (auch in den Vorbereitungen zum Erntedankfest)

  2. Danke wieder, für einen interessanten Bericht.
    Eure Erzählungen und Fotos machen wieder mal ganz viel Lust auf’s Verreisen…..! Kann mich hier Gabi nur anschließen – es ist ganz wunderbar, daß wir wenigstens aufgrund Eurer Berichte mit „dabei sein“ können 🙂

    Schönes Wochenende !

  3. hallo, ja bei den Vogelguckern, zu den „verrückten“ gehörte ich auch lange Jahre. Das kenne ich von meinen etlichen Reisen mit Birdingtours, Fotos und Berichte auch auf meiner Homepage davon.
    Sehr interessant was ihr doch dort alles erleben könnt. Amys Geburtstag ist fast immer nur auf Reisen zu erleben.
    Das Pferd und Amy, ein schönes Geburtstagsgeschenk. Nur wie bringt ihr das Pferd im Wohnwagen unter ? :-)))
    Auch hier wieder, eine Aufnahme schöner als die andere.
    lg edeltraud

  4. Danke Euch Dreien!
    Ja, da habe ich an Dich gedacht Mutti!
    Gabi, Deine Begeisterung für Öland kann ich gut verstehen. Jetzt habe ich die auch und Gotland werden wir auch noch sehen, nur wahrscheinlich erst nächstes Jahr!
    Richarda – Du reist ja öfters mit uns, und ich freue mich immer sehr darüber! Danke!

    liebe Grüße

    Gabi

  5. Hallo liebe Familie Reichert,
    zufällig bin ich auf eurer Webseite gelandet. Eigentlich war ich auf der Suche nach Wohnmobil und Schottland….
    Und zufällig bin ich mit meiner Frau auch ein begeisterter Skandinavien-Reisender mit dem Wohnmobil und ich fotografiere gerne mit viel Glas. Wir waren im letzten Jahr im Sommer auf Öland und haben dort ebenfalls viele spannende Eindrücke gehabt. Und ich suche auch gerne Leuchttürme, also haben wir natürlich die beiden grossen Leuchttürme von Öland besucht und fotografiert.
    Einen Reisebericht gibt es natürlich auch , falls Interesse besteht, siehe Link.
    Und wir fahren auch gerne für ein paar Tage im Winter nach Schweden und haben dort im Jahr 2011 einen ebenso schneereichen und bitterkalten Winter erlebt.
    Und meine Frau kommt aus eurer Heimat, nämlich aus Winnweiler, wir wohnen aber zur Zeit in der Nähe von Hamburg.
    Klingt jetzt alles etwas wirr, aber ich bin überrascht über so viele Ähnlichkeiten.
    Viel Spass noch auf Öland, ich lese weiter mit.

    Viele Grüße
    Martin

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