Teil 4 des Rad-Reiseberichts – Von der Westküste an die Ostküste im Regen

Anzeige

Endlich hatte ich die Isle of Skye an der Westküste Schottlands erreicht. Ich wollte erst eine Woche dort verbringen und mein Zelt an allen schönen Ecken der Insel aufpflanzen, doch ich hatte einen gravierenden Fehler gemacht: Ich hatte meine Rechnung ohne das Wetter gemacht. Am ersten Tag waren 14 Sonnenstunden vorhergesagt, der tatsächliche Wert lag eher um die Null. Es regnete allerdings an diesem Tag noch nicht, was ihn wettertechnisch zum besten Tag auf Skye machte.

Ich kam morgens mit der ersten Fähre von Mallaig aus auf die Insel und entschloss mich, als erstes den Südzipfel von Skye zu erkunden. Die Straße verlief wie eine Wellenkurve. Es ging entweder herauf oder herunter, ein ebenes Stück war kaum zu finden. Je näher ich dem Ende der Insel kam, desto dünner wurde die Straße, bis sie schließlich in einem Schotterpfad endete, dem ich nicht weiter folgte. Am Straßenrand neben einem kleinen Häuschen fand ich eine Kiste mit der Aufschrift „Cake Box“. Wenn man einen Radfahrer fangen will, ist das genau der richtige Köder. Kaum hatte ich die Kiste gesehen war auch schon der Deckel auf und ich inspizierte den Inhalt. Ich fand eine Auswahl verschiedenster Kuchen und eine Honesty Box, in die ich eine Pfundmünze steckte.

Lisa-Jane mit ihrem Hund Toby

Lisa-Jane mit ihrem Hund Toby

Ich genoss gerade die Aussicht und futterte mein Stück Kuchen, da kam die Besitzerin der kleinen Hütte (und der Kuchenkiste) raus und fing an, sich mit mir zu unterhalten. Wir standen bestimmt 20 Minuten an ihrem Gartenzaun, ich auf der einen Seite, sie auf der anderen, und plauderten über die Insel, ihren Hund, Kuchen, und Gott und die Welt. Plötzlich schaute sie ganz erschrocken und ruft „Mist, ich hab ja mein Brot im Ofen ganz vergessen!“. Sie eilte in ihre Küche und winkte mich hinter ihr her. Das Brot war zum Glück noch nicht zum Brikett geworden, es roch sehr lecker. Lisa-Jane (das war ihr Name) schnitt ein paar Scheiben davon ab und bot sie mir an, dazu braute sie eine Kanne Kaffee. Im Gegenzug erzählte ich, wo ich bisher schon überall gewesen war und zeigte ihr Fotos von meiner Reise. Ich finde es toll, wie schnell man in Schottland Leute trifft und wie gastfreundlich sie alle sind!

Nach ein paar Stunden bei Lisa-Jane fuhr ich weiter. Ich folgte der einzigen Straße auf der Insel, die nach Norden führt, und fand mich gegen Abend in Carbost wieder, nicht weit von der Talisker Bay. In der Bucht selbst konnte ich leider nicht campen (es lagen überall Steine und Schafdreck auf den Wiesen herum), also gab ich mich mit dem Glen zufrieden, das hinter der Bucht lag. In dieser Nacht begann es ordentlich zu regnen. Zuerst störte mich das nicht weiter, ich saß ja in meinem Zelt und blieb trocken. Als es dann aber am späten Morgen immer noch nicht aufgehört hatte, fand ich mich damit ab, dass ich einen Tag im Regen verbringen würde, und fuhr los.

Die Straße, die von einem Ende der Isle of Skye zum anderen führt

Die Straße, die von einem Ende der Isle of Skye zum anderen führt

Mein Übernachtungsplatz unweit der Talisker Bay

Mein Übernachtungsplatz unweit der Talisker Bay

Ein typisches Abendessen - Müsli, Brötchen mit Frischkäse, und Schockoriegel

Ein typisches Abendessen – Müsli, Brötchen mit Frischkäse, und Schockoriegel

Blick in die verregnete Landschaft

Blick in die verregnete Landschaft

Eine kapelle bei Carbost

Eine kapelle bei Carbost

Dafür sind diese Spiegel doch da, oder?

Dafür sind diese Spiegel doch da, oder?

Viele meiner Pläne für Skye fielen ins Wasser (haha), denn was bringt die schönste Aussicht vom höchsten Hügel, wenn man nicht weit sieht und es schüttet. Leider bringen die Bilder das Wetter nicht ordentlich rüber, denn ich habe die Kamera ja nur dann aus der Tasche geholt, wenn es mal kurz nicht regnete. Ich machte an diesem Tag viele Pausen, jede Kneipe und jedes Café auf dem Weg steuerte ich an, um etwas Warmes zu mir zu nehmen und das Wetter draußen zu lassen. Die Leute, die ich in den Cafes traf, warfen mir abwechselnd beeindruckte und mitleidige Blicke zu, und wie immer wurde ich oft angesprochen.

Aufgrund des Wetters wollte ich doch nicht so lange auf der Isle of Skye bleiben, also machte ich mich am dritten Tag wieder auf den Weg nach Osten. An der Ostküste Schottland ist es generell trockener als an der Westküste.

Ausblick über ein Loch irgendwo zwischen der Westküste und der Ostküste

Ausblick über ein Loch irgendwo zwischen der Westküste und der Ostküste

Auf dem Weg zwischen den Küsten regnete es immer noch, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre – man kann sich ja in Pubs und Cafes unterstellen. Leider gab es keine Pubs und keine Cafes an der kleinen Straße, auf der ich unterwegs war. Es regnete, an jeder Kurve machte ich mir Hoffnung, dass dahinter eine Siedlung auftauchen würde, und immer waren es nur noch mehr Hügel, Lochs, und nasses Moorland. Nach 40 Kilometern kam ich endlich an einem Hotel vorbei, in dem ich ein halbe Stunde Trockenheit genießen konnte. Es war ein feiner Schuppen, also kosteten meine Fischsuppe und mein Kako so viel wie sonst geich drei volle Mahlzeiten, doch in dem Moment war es mir egal. Haupsache, es gab was Warmes! Ich hängte meine Regenjacke über eine Heizung, denn nach vielen Stunden Dauerbeanspruchung war auch meine sonst so verlässliche Regenjacke stellenweise nass geworden. Irgendwann ließ der Regen nach und ich konnte weiter fahren.

Ein Hotel mitten im Nirgendwo, dort konnte ich Rast machen

Ein Hotel mitten im Nirgendwo, dort konnte ich Rast machen

Am Ende des langen Tages erreichte ich die Black Isle bei Inverness. Es wurde spät und ich machte mich auf die Suche nach einem Schlafplatz, konnte aber keine freie Wiese finden, um mein Zelt aufzuschlagen. Zufällig stolperte ich aber über eine Gruppe Pfadfinderinnen, die in ihrem Clubhaus eine Party veranstalteten und mich kurzerhand dazu einluden. Es gab ausschließlich Cocktails und Speisen, die Schokolade enthielten, was meinem hungrigen Magen sehr gefiel (zum Glück habe ich eine hohe Toleranz für Süßes!). Ich durfte die Nacht auch noch im Clubhaus verbringen, wofür ich sehr dankbar war, denn ich konnte meine Regenklamotten gut trocknen und das Zelt mal lüften.

Mein Camp im Pfadfinderclubhaus, wo ich sehr dankbar für ein Dach über dem Kopf war

Mein Camp im Pfadfinderclubhaus, wo ich sehr dankbar für ein Dach über dem Kopf war

Der Leuchtturm bei Fortrose

Der Leuchtturm bei Fortrose

Ölbohrinseln vor der Black Isle

Ölbohrinseln vor der Black Isle

Am nächsten Tag war das Wetter gleich viel besser, und ich nutze den Sonnenschein, um die Black Isle zu umrunden. Abends wollte ich mir in einem Pub etwas Kaltes gönnen, stolperte aber mitten in eine große Hochzeitsgesellschaft. Drei Schotten, die nicht zur Hochzeit gehörten, winkten mich prompt zu ihrem Tisch herüber „Hey, wir gehören auch nicht dazu, setz dich zu uns!“

Drei Schotten luden mich ein einem Pub beim Culoden Battlefield zu einem Drink ein

Drei Schotten luden mich ein einem Pub beim Culoden Battlefield zu einem Drink ein

Mein nächstes Ziel war das Haus von meinen dritten Servas Gastgebern, die sehr ländlich lebten (sprich, mitten im Nirgendwo). Es war schön, auf einem so großen Grundstück entspannen zu können. Wobei wir uns nicht den ganzen Tag entspannten – ich half Phil, dem Vater der Familie, einen Tag lang beim Holzhacken und Rasenmähen. Außerdem gingen wir Vögel beobachten, backten Kuchen und Pizza, und ich machte mal wieder Wäsche.

Als nächstes ging es durch die Highlands wieder nach Süden, ich befand mich ja gerade in der Nähe von Inverness, recht weit im Norden. Doch das kommt im nächsten Beitrag. Bis dann!

Bei Phil und seiner Familie verbrachte ich zwei Nächte

Bei Phil und seiner Familie verbrachte ich zwei Nächte

So sieht die Landschaft bei Phil um die Ecke aus

So sieht die Landschaft bei Phil um die Ecke aus

Esra

Ist der älteste Sohn seiner Eltern und hinterlässt überall Fahrradspuren.

Autor: Esra

Ist der älteste Sohn seiner Eltern und hinterlässt überall Fahrradspuren.

2 Kommentare

  1. Ja, die Isle of Sky hat es in sich. Trotz des Wetters hast du mehr gesehen als ich 2007. Ich war mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, habe in Mallaig mit der Fähre übergesetzt und dann den Bus nach Portree genommen. Die Straßen wurden enger und kurviger – und mir war sooooo übel!!! Die nächsten zwei Tage bis zu meiner Weiterreise wagte ich es nicht nochmals mit dem Bus zu fahren und erkundete die Umgebung zu Fuß – was meinen Bewegungsradius doch etwas eingeschränkt hat…
    Ich bin schon auf den nächsten Teil deiner Reise gespannt!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


5reicherts.com speichert zur Bereitstellung einiger Funktionen Cookies auf Ihrem Rechner. Mit der weiteren Nutzung erklären Sie sich damit einverstanden. Info

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen