Das Auslandssemester neigt sich dem Ende zu, morgen ist das letzte Seminar an der Uni. Bald sitze ich wieder im Zug nach Deutschland und die Monate hier in Schweden werden früher oder später unter „Gute alte Zeit“ archiviert. Wie war es denn nun so, ein halbes Jahr in Skandinavien zu leben und zu studieren? Was waren die größten Unterschiede im Alltag? Ich habe mal ein paar Punkte zusammengeschrieben, die für mich das Leben hier wirklich schön (und manchmal umständlich) gemacht haben.
Die Walderreichbarkeit
Meine bescheidene Bleibe (ein Container, nett ausgebaut) liegt sehr zentral, die Stadtmitte ist keine zwei Kilometer entfernt. Trotzdem liegt wortwörtlich direkt vor meiner Haustür ein Hektar Wald. Überall in der Stadt sind Parks oder kleine Stücke Wald, die an den steilen Hängen der Hügel wachsen, die man nicht bebaut hat. Das Grün vor meinem Container ist aber kein Park mit angelegten Wegen und gepflegten Bäumen, es ist einfach eine kleine Enklave Wald in der Stadt, mit einer kleinen moorigen Fläche, einem Trampelpfad und einem Picknicktisch am anderen Ende, wo die Aussicht toll ist.
Und wenn man einen Kilometer nach Süden läuft und den Botanischen Garten durchquert, kommt man ins Naturreservat. Das ist einfach ein großer Wald, mit Seen und Wanderwegen, direkt im Süden der zweitgrößten Stadt Schwedens. Da ich gerne in der Natur herumlaufe, habe ich das Grünflächenangebot Göteborgs sehr genossen. Zuhause vermisse ich die Bäume – Rheinhessen ist die waldärmste Gegend in ganz Deutschland.
Allemansrätten (Das „Jedermannsrecht“)
Und wo wir gerade bei der Natur sind: In Schweden wird das Outdoor-Leben großgeschrieben. Wandern gehen, Kanufahren, Klettern, und Skifahren genießen hier allesamt Volkssportstatus. Und da die Schweden gerne in der Natur sind, ist es hier auch legal, auf allen wilden Grünflächen zu zelten.
Als Josi, meine Freundin, letztens hier war, haben wir also einfach die Räder genommen und sind mit einem geborgten Zelt irgendwo hingefahren. Nach ein paar Stunden waren wir am Meer, ein gutes Stück entfernt von der nächsten kleinen Siedlung, und hatten komplett unsere Ruhe. Wildgänse und Möwen haben die Luft mit einer wunderbaren Geräuschkulisse gefüllt, und das stille Wasser war nur ein bisschen zu kalt, um darin zu schwimmen (versucht haben wir es natürlich trotzdem).
Und während man in Deutschland das Zelt beim Wildcampen immer schön verstecken muss, dass auch ja kein übereifriger Spaziergänger morgens um halb sieben die Polizei zwecks Verjagen der Camper ruft, kann man hier in Schweden ganz entspannt auf jeder passenden Fläche im Freien das Zelt aufschlagen. Himmlisch!
Systembolaget und ökonomischer Vegetarismus
Um wieder thematisch von der Natur in die Stadt zurückzukehren: Das Einkaufsverhalten ist hier in Schweden definitiv anders als zuhause. In Deutschland plant man seine Einkäufe brav um den heiligen Sonntag herum, an dem die Pforten aller Supermärkte mit der Selbstverständlichkeit des Amens in der Kirche verschlossen bleiben. Hier in Schweden (genau wie im Großteil vom Rest der Welt) stößt dieses Konzept auf Stirnrunzeln. Hier hat nämlich alles auf, bis auf Systembolaget. Das ist der einzige Laden, der Alkohol mit mehr als 3,5 Umdrehungen verkaufen darf. Staatlich kontrolliert, mit astronomischen Preisen und drakonischen Öffnungszeiten (Der Laden macht samstags bereits um 15 Uhr zu!) kauft man hier das Bier nicht Kisten-, sondern Dosen-weise. Die billigste Fasche Vodka ist aus Plastik und kostet trotz Desinfektionsmittelgeschmack noch über 20€, und das billigste Dosenbier will immerhin noch mit über einem Euro bezahlt werden. Damit will der Schwedische Staat den Alkoholkonsum seiner Bevölkerung in Grenzen halten. Weniger Alkohol als die Deutschen trinken die Schweden jedoch nicht. Sie trinken ihren Alkohol nur eben an weniger Tagen im Jahr. Eine Party wird hier der Preise wegen auch ohne Alkohol vom Gastgeber organisiert, außer die Person ist reich wie ein Ölscheich. Es bringt einfach jeder Sein Bier selbst mit.
Was das Essen angeht, so ist das Angebot nicht viel anders als in Deutschland, nur muss eben das ganze Gemüse auf seinem Weg vom Süden nochmal tausend Kilometer mehr im Lastwagen verbringen und ist daher etwas kleiner und älter. Und wenn ein Stück Fleisch auf dem Kassenband liegt, weint das Portemonnaie bittere Tränen. Das führt dazu, dass ich mich hier weitgehend vegetarisch ernährt habe. Eine Packung Hühnchen hat nur zu seltenen Anlässen seinen Weg in meine Pfanne gefunden.
Bildertouren
Wenn man mitten in einer schönen Stad lebt und dazu noch Sohn zweier Fotografen ist, dann zieht es einen immer wiederbei gutem Licht nach draußen. Ich habe es sehr genossen, immer wieder mit der Kamera und gelegentlich dem kleinen Rollei Stativ die Stadt zu fotografieren. Ob bei Nebel im Winter oder der späten Dämmerung im Sommer, Göteborg hat immer ein Motiv zu bieten.
Fahrradinfrastruktur, Spikesreifen und die Fahrradküche
Wer mich kennt weiß, dass ich selten auf vier Rädern unterwegs bin. Zwei sind mir viel lieber, und deswegen habe ich mein Fahrrad auch mit nach Göteborg gebracht. Und ich muss wirklich sagen: zum Radfahren ist diese Stadt perfekt geeignet. Überall hin führt ein Radweg, teilweise auch schön getrennt von Fußwegen und Straße, damit sich dort keiner drauf verirrt. Die erstklassige Beschilderung lässt einen entspannt auch ohne Karte auf dem Handy fahren, denn jeder Stadtteil in der Nähe ist auf den Schildern aufgeführt. Viele Radwege haben auch einen Mittelstreifen, wie eine richtige Straße, und die Autofahrer in Göteborg sind sehr rücksichtsvoll, weil sie ja daran gewöhnt sind, mit Radlern die Stadt zu teilen. Es ist also ein Fahrradparadies! …Naja, nicht ganz. Manchmal ist der Radweg immer auf der falschen Straßenseite, man muss diese also dauernd wechseln. Und nicht jeder Weg ist brav getrennt vom Fußweg, was bedeutet, dass die Klingel schnell ausleiert.
Im Januar war auf jeden Fall noch ein Stück Spezialausrüstung notwendig: Spikesreifen. Zwar wird immer und überall gestreut (zum Glück kein Salz), aber doch will man bei eisigen Konditionen die kleinen Stahlnoppen am Reifen haben. Das tiefe Summen der Reifen auf Asphalt ist dann überall zu hören, denn viele Radfahrer von hier lassen sich nicht von ein paar Grad unter Null und Schneegestöber aus dem Sattel treiben.
Und wer ohne Rad gekommen ist, kann ganz schnell eins bekommen, man muss nur zu „Cykelkötek“ gehen: der Fahrradküche. Das ist eine große, öffentliche Fahrradwerkstatt in der Nähe des Zentrums, wo alle alten, eingesammelten Räder der Stadt hingebracht werden. Wenn ein Mietshausbesitzer alle Jahre wieder die hinterlassenen Drahtesel vor seiner Immobilie abflext, dann landen die in der Fahrradküche. Und dort kann man für 5€ Mitglied werden, sich eines der rostigen, klapperigen Gestelle mit zwei platten Reifen aussuchen, und es mithilfe eines riesengroßen Magazins an Werkzeugen und kostenlosen Ersatzteilen wieder in einen fahrbaren Untersatz verwandeln. Genau das habe ich für Josi getan, damit sie hier auch ein Rad hatte, als sie mich mehrmals besuchen kam.
Alles in allem kann ich kaum etwas Negatives über dieses Semester sagen. Die Uni war Top, die Kurse spannend, und ich habe tatsächlich auch zwei, drei echte Freunde kennen gelernt, mit denen ich auch weiterhin in Kontakt sein werde. Nur mein Konto, das hat hart einstecken müssen. Grün und blau geschlagen liegt es in der Ecke und will nach Hause, wo eine Fahrradtasche voll mit den günstigeren Lebensmitteln im Supermarkt nicht 40€, sondern 15€ kostet.