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Schiermonnikoog, die Insel der grauen Mönche

Der Nordertooren nach Sonnenaufgang

Auf der ersten 2018er Tour in die Niederlande hatten wir unsern Schwerpunkt auf die Leuchttürme entlang des Ijsselmeers gelegt. Der nördlichste Punkt dieser Reise war Harlingen. Hier hatten wir fast einen Blick auf die niederländischen, bzw. friesischen Nordseeinseln. Da wuchs auch in uns die Sehnsucht, neue Inseln zu besuchen.

Nach einem kurzen Heimat-Intermezzo, ein Arzttermin wollte unbedingt wahrgenommen werden, sind wir wieder in den Niederlanden gelandet und haben den festen Vorsatz, uns einige westfriesische Inseln genauer anzusehen.

Bunte Boote im Fischereihafen von Lauwersoog

Unser Stellplatz in Lauwersoog

Lauwersoog ist unser erster Fährhafen, von dem aus wir nach Schiermonnikoog übersetzen wollen. In Lauwersoog gibt es laut der Campercontakt-App einen hoch bewerteten Wohnmobil-Stellplatz, hier kommen wir spät am Nachmittag an. Auf den letzten Metern vor der Einfahrt zum Stellplatz erwische ich eine falsche Abbiegung, und wir verpassen durch diese zwei Minuten Rangiererei den letzten freien Platz direkt am Wasser. Das ist zwar ärgerlich, macht aber eigentlich nichts. Wir stehen gut, die Aussicht ist trotzdem klasse, wenn man seinen Hintern aus dem Wohnmobil bewegt und die drei Meter zum Ufer hinuntergeht. Der Platz ist ruhig und gemütlich, die Leute nett. Der Fährplan nach Schiermonnikoog hängt in der Toilette aus. Zum Fährableger ist es mit den Rädern nur ein Katzensprung rüber auf die andere Seite der Durchgangsstraße.

Bunte Fischerboote im Hafen von Lauwersoog

Ein Segelboot im weichen Abendlicht

Das Licht ist abends, wie am Meer so üblich, einfach weich und sanft. Wir radeln durch den Fischereihafen, bewundern und fotografieren die dort festgemachten kunterbunten Fischerboote und haben einen guten Blick zur Fähre hinüber. In der zunehmenden Dämmerung suchen wir uns den besten Weg zum Fährterminal und schauen nach den Öffnungszeiten. Jetzt wissen wir auch, wie wir zur Insel kommen.
Zurück auf unserem Platz unterhalte mich mit niederländischen Campern, die auch am nächsten Tag zu der 19 Kilometer langen, autofreien Insel möchten. »Die erste Fähre geht um 6:00 Uhr, das muss ja nicht sein, 10 Uhr reicht auch noch,« meint mein Gesprächspartner.

Das stimmt schon, 6:00 Uhr Abfahrtszeit ist schon ungemütlich, das heißt, fast noch mitten in der Nacht aufstehen und sich fertig machen. Aber, gleichzeitig wird mir auch klar, dass das genau unsere Fähre ist, die wir nehmen werden. Wenn wir schon nicht bis in die Abenddämmerung auf Schiermonnikoog bleiben können, die letzte Fähre zurück geht um 19:30 Uhr, dann wollen wir uns wenigstens einen schönen Sonnenaufgang gönnen.
Wir versuchen also früher als sonst einzuschlafen, was natürlich nicht klappt. Erst mal sind wir das nicht gewöhnt, und ich bin immer vor solchen Unternehmungen total aufgeregt.
Verschlafen ist keine Option, also werden alle verfügbaren Weckgeräte auf 4:30 Uhr scharf gestellt. Als der Wecker rappelt ist es draußen noch dunkel und kalt. Wir sind die Einzigen, die schon auf den Beinen sind, und wir versuchen, keinen Lärm zu machen, als wir die Räder aus der Heckgarage holen. Mehr aus Vernunftgründen, weniger wegen dem noch schlaftrunkenen Appetit, gönnen wir uns ein ordentliches Frühstück. Dann brauchen wir auf der Insel nicht gleich wieder zeitraubend nach einem Café Ausschau zu halten.

Das gemütliche Innere der Fähre

Die Luft ist kühl und feucht, Nebelschwaden ziehen tief über den kalten Boden. Im leeren Fährbüro holen wir am Ticketschalter Fahrkarten für uns und unsere Räder. Wir stellen uns in die Radreihe und warten. Außer uns steht noch niemand an der Fähre an. Über uns funkeln ganz dezent ein paar schüchterne Sterne. Es ist so unwirklich still und friedlich. Nur die Fähre brummt ein klein wenig vor sich hin. Ein Radfahrer stößt schließlich noch zu uns. Er ist Vogelbeobachter und wohnt ganz in der Nähe. Dem Typen frage ich ein paar Löcher in den Bauch, nehme ich mir vor. Und er sprudelt nur so vor Begeisterung über Schiermonnikoog und die dortige Vogelwelt,und steckt mich damit an. Jetzt kann ich es kaum noch erwarten auf Schiermonnikoog anzukommen.

In den still daliegenden Wassergräben pennen die Enten noch vor Sonnenaufgang

Die Überfahrt kostet inklusive Rad etwa 27 Euro pro Person. In der Nebensaison ist es nur unwesentlich günstiger. Das Rad muss natürlich mit, da überlegen wir nicht lange. Ich kann ja mit meinem verschraubten Knie noch nicht so weit laufen und mit dem Fahrrad sind wir einfach viel flexibler und schneller an den interessanten Orten..
Ein LKW, der Lebensmittel anliefert, fährt noch auf die Fähre, ansonsten sind wir allein. Die Fähre legt ab und draußen ist es noch stockdunkel. In Salon blättern wir in einem Touristenmagazin herum und sehen uns die Fotos von der Insel und den beiden Leuchttürmen an. Im Souvenirshop kaufe ich zur Sicherheit noch eine Landkarte. Wir möchten wenn möglich beide Leuchttürme im weichen Morgenlicht aufnehmen, da hilft es, wenn man nicht lange nach dem richtigen Weg suchen muss.

Ich bin mit dem Vogelbeobachter tief ins Gespräch verwickelt und nehme gar nicht wahr, wie schön das Licht draußen in der einsetzenden Morgendämmerung wird. Die Farben des frühen Morgens am Meer breiten sich über den ganzen Horizont aus und verwandeln das ruhig daliegende Meer in eine abstraktes pastelliges Gemälde. Ach, das tut so was von gut, auf der Reling zu lehnen und diesen Tag friedlich zu beginnen.

Über die frühmorgendlichen Wiesen zieht der Bodennebel – Foto mit dem Smartphone aufgenommen!

Die Sonne lauert noch unter dem Horizont auf ihren Auftritt, als wir im Hafen von Schiermonnikoog anlegen. Wir klemmen unser Gepäck an die Räder und radeln munter und erwartungsvoll los. Ein paar Enten unterhalten sich gedämpft schnatternd in einem wassergefüllten Graben. Ansonsten ist es ruhig und windstill. Wir hören nur unseren Atmen, das Surren der Räder und das Rauschen des Fahrtwindes in den Haaren. Die Leuchttürme sind unser Hauptmotiv an diesem Tag, aber die nebelverhangenen Felder im Morgenlicht sind uns einen Fotostopp wert. Dauernd kreuzen selbstbewusst aufgeplusterte Fasane unseren Fahrradweg. Warum sind nur die Vögel auf Inseln kein bißchen scheu? Das gleiche Verhalten kennen wir schon aus der Bretagne von der Belle Ile und der Ile d‘Ouessant.

Der Zuidertooren war irgendwann mal weiß

Trotz der neu erworbenen Wegekarte verfahren wir uns auf der Suche nach dem weißen Leuchtturm. Beim Blick über den endlos weiten Weststrand sehen wir zwar den roten Leuchtturm in den Dünen stehen, am weißen sind wir anscheinend vorbeigefahren. Der Südturm, der Zuidertoren, wie er in der Landessprache heißt, steht mitten in der Ortschaft und ist gar nicht so leicht auszumachen.
Der im Jahre 1854 erbaute Turm ist 31,5 m hoch und schon seit 1910 außer Betrieb. Zwischenzeitlich diente der Leuchtturm als Wasserturm, jetzt wird er als Antennenmast genutzt. Trotzdem ist es noch ein echter Leuchtturm, wenn auch mit anderen Aufgaben betraut.

Der rote Leuchtturm im morgendlichen Gegenlicht

Ein paar Schleierwolken verziehen sich, das Licht wird langsam besser und wir machen uns auf, den Weg zum roten Noordertoren zu suchen. Mitten in der weitläufigen Dünenlandschaft ragt der 37m hohe Leuchtturm weithin sichtbar in den Himmel hinauf. Auch hier ist alles friedlich. Nur ein Jogger läuft uns über den Weg und etliche weitere Fasane. Es macht großen Spaß den Leuchtturm aus allen möglichen Blickwinkeln zu fotografieren, die Bedingungen sind ideal. Das Motiv, das Licht und die ganze Umgebung. Wir lassen uns Zeit und genießen die Ruhe.

Das Lechtenhaus des noch aktiven Nordturms

Hinterher fahren wir ziemlich weit Richtung Osten der Insel und bewundern die gewaltige Weite des großen Strandes. Wir schieben die Räder über den festen Sand bis zum Wasser. Keine Ahnung, warum ich mein Rad unbedingt mitnehmen wollte. Wahrscheinlich, weil mir das Laufen noch viel Mühe bereitet. Jedenfalls kommen wir auf die Idee, über den nassen Sand zu radeln. Und weil es so prima klappt, fahren wir freudig ausgelassen in absoluter Einsamkeit Kilometer nach Kilometer direkt an der Wasserkante entlang. Was für ein geniales Erlebnis. Es ist gerade mal 10:00 Uhr und was haben wir schon alles gesehen. Die Insel Schiermonnikoog hat uns schon jetzt schwer beeindruckt.

Backsteinkirche auf Schiermonnikoog

Langsam begeben wir uns vorbei an Pferdekoppeln zurück ins Zentrum von Schiermonnikoog. Im Ort ist jetzt mehr los. Die 9:30 Uhr-Fähre hat eine volle Ladung Passagiere auf die Insel losgelassen. Fast jeder Tourist ist mit dem Rad unterwegs. Was für ein chaotisches Gewusel. Ich halte Ausschau nach dem Schiermonikooger Muschelmuseum, finde es aber nicht. In der Touristeninfo gibt es auch keine Info dazu. Also lenken wir die Räder zum westlichen Zipfel der Insel. Dort eignet sich der Sand weniger zum Radfahren, er ist viel zu locker. Dauernd versinken die Reifen in den trockeneren Stellen, das Vorankommen ist mega anstrengend. Oft müssen wir schieben.

Scheidenmuscheln und Algen im feinen Sand

Abgekämpft und hungrig fahren wir wieder zurück ins Ort.Es ist Zeit für das Mittagessen. Im Fish & Chips Schnellrestaurant holen wir uns Hamburger und Pommes. Das Essen ist in Ordnung, aber die Bedienung ist nicht gerade ein Musterbeispiel von Freundlichkeit und Herzlichkeit. Ich kann mir zur Entschuldigung ganz gut vorstellen, dass die hier arbeitenden Leute nach einer langen Hochsaison ganz schön genervt sind. Immerhin ist es schon September. Später trinken wir in einem kleinen Café noch gemütlich einen Cappucino, hier sind die Bedienungen viel besser drauf.

Ein Fasan post für die Kamera

Entlang des Wattenmeers führt ein Radweg zu der Bake Kobbduinen. Jetzt ist deutlich mehr Verkehr auf den Radwegen. Überholen ist oft schwierig, jeder fährt grad wie er lustig ist. Wenn freie Bahn ist, sind wir zwei- bis dreimal so flott unterwegs. Das langsame Fahren fällt uns schon schwer, wir müssen dauernd mit irgendwelchen Kapriolen der anderen Radler rechnen. Am Ende des Weges binden wir unsere Drahtesel auf einem riesigen Fahrradparkplatz an und wandern eine Weile zwischen Dünen, Heidelandschaft und Kühen. Die Sonne brennt heiß vom blauen Himmel und wir kommen tatsächlich ins Schwitzen.

Direkt am Meer habens die Bäume schwer

Wir schwingen uns wieder auf die Räder und fahren auf gut Glück die Radwege im südlichen Teil der Insel ab. Irgendwann landen wir am Fähranleger, und weil es gerade passt, nehmen wir die 16:30 Uhr-Fähre zurück zum Festland. Nochmal drei Stunden bis zur letzten Überfahrt des Tages wollen wir doch nicht warten.
Nach der Rückkehr ruhen wir uns kurz aus, machen was zu Essen und erkunden hinterher noch etwas die Gegend um Lauwersoog.

Zwei fröhliche Reisende

Das Fazit dieses bemerkenswerten Tages: Graue Mönche haben wir nicht gesehen und das Muschelmuseum nicht gefunden. Der Rest war aber Spitze. Unser Highlight war die Ruhe und das samtig weiche Licht des frühen Morgens. Wenn du eine Tagestour nach Schiermonnikoog planst, rede mit deinem Schweinehund und krabbele für die erste Fähre vor Tagesbeginn aus dem Bett. Denn morgens um halb sieben ist die Welt noch in Ordnung.

Der rote Nordertooren in den Dünen ist noch aktiv

Fakten über Schiermonnikoog

Schiermonnikoog ist über 1000 Jahre alt, seit 800 Jahren in etwa der heutigen Form. Sie ist mindestens seit dem 15. Jahrhundert im Besitz der Zisterziensermönche.

Mit 37 km² Fläche ist die 19 km lange und 4 km breite Insel die kleinste der holländischen bewohnten Wattinseln. Die Form der Insel ändert sich stetig. Momentan wächst sie in östlicher Richtung in das Gebiet von Groningen. Darum musste 2005 die Grenze zwischen Friesland und Groningen verlegt werden, damit Schiermonnikoog weiter bei Friesland bleiben kann.

Der Zuidertooren fungiert heutzutage als Antennenmast

Während der bewegten Geschichte befand sich Schiermonnikoog mehrfach in Privatbesitz, gehörte auch zeitweise einem deutschen Grafen, der vergeblich versuchte, den Tourismus anzukurbeln.
Im 2. Weltkrieg besetzte die deutsche Wehrmacht Schiermonnikoog und errichtete einige Bunker. Nach dem Krieg fiel die Insel an Holland und erst in den 60er Jahren ging es mit dem Tourismus aufwärts.
Ein malerischer Ort, weitläufige Naturschutzgebiete und der stellenweise über einen Kilometer breite Sandstrand locken jährlich 300‘000 Besucher auf die Insel.

Vor Sonnenaufgang herrscht auf der Insel eine traumhafte Stimmung

Gabi

hier schreibt Gabi

Ich liebe das Reisen, die Fotografie und meine Familie!
Am besten - alles zusammen!

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Autor: Gabi

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