Wir sind „Womodidakten“

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Wie Du vielleicht gesehen hast, gab es letzte Woche ein Portrait über unsere Familie und das freie Lernen auf Spiegel Online. Die Journalistin Nike Laurenz nahm sich einen ganzen Tag Zeit um mit uns zu reden und schrieb dann über unseren Lebensstil und über Esras Abitur als Freilerner. Alles in allem ist es ein positiver Artikel, doch es gibt ein paar Sachen, die wir noch anmerken wollen.

Sind alle Teetrinker Kaffeeverweigerer?

Wir sehen uns selbst nicht als Schulverweigerer, sondern als Freilerner. Wobei uns der Begriff Freilerner auch nicht ganz passend erscheint. Es war nie so, dass die Kinder die Schule komplett verweigert hätten – sie war zwar ein relativ unangenehmer und unproduktiver Ort.  Esra wäre sicher bis zum Abitur dort geblieben, wenn wir nicht vorher das Reisen und das Freilernen für uns entdeckt hätten. Noah allerdings war sehr unglücklich in der Schule.

Wir verweigerten trotzdem nichts, wir entschieden uns einfach für etwas anderes. Zudem liberalisierten wir uns als Eltern gleichzeitig indem wir uns trauten von einem gut bezahlten 9-to-5-Job in die Selbständigkeit zu gehen und dabei noch ortsunabhängig zu arbeiten!

Außerdem ist  jemand, der lieber Tee trinkt statt Kaffee, ja auch kein Kaffeeverweigerer.

Wie hätten wir uns den Spiegel Titel gewünscht?

Wie hätten wir uns den Spiegel Titel gewünscht? na, so in etwa!

Die Schulpflicht in Deutschland

Was viele nicht wissen: Deutschland ist in Europa mit der Schulpflicht, als Schulanwesenheitspflicht nahezu alleine. Nur Schweden hat seit zwei Jahren ein ähnliches Gesetz auf die Beine gestellt. In allen übrigen Ländern herrscht stattdessen Bildungspflicht. Kinder und Jugendliche müssen zwar Bildung erlangen, doch den Weg dahin wählen sie weitgehend frei. Ein Blick über unsere Grenzen genügt, um zu erkennen, dass Kinder auch ohne obligatorischen Schulbesuch zu wohlgebildeten und ausgeglichene Menschen heranwachsen können, denn überall sonst funktioniert das System Bildungspflicht bereits hervorragend.

Wir haben die letzen Jahre als Autodidakten gelernt und waren viel mit unserem Wohnmobil unterwegs, deshalb habe ich uns scherzhaft als Womodidakten bezeichnet.

Wir finden den Titel des Spiegel-Online Artikels sehr bewertend

Nike Laurenz hat sich während unseres langen Interviews alle Mühe gegeben, einen sachlichen, neutralen Standpunkt zu vertreten und das ist ihr auch gelungen! Herzlichen Dank dafür!

Doch wir merkten auch, dass es schwierig ist, in Deutschland über das Freilernen zu berichten ohne das Thema Schulpflicht anzusprechen. In jedem anderen europäischen Land wäre es möglich gewesen über unser Leben und unsere Erfahrung mit dem Freilernen zu sprechen ohne das Thema Schule zu thematisieren.

Wir fanden die Richtung, die der Artikel nimmt, sehr gut, doch der Titel überraschte uns am Tag der Veröffentlichung schon sehr. Wir erkannten uns so überhaupt nicht in ihm wieder. Der Titel polarisiert und fordert Emotionen heraus.

Leute, die uns gut kennen, haben ungläubig bis entsetzt auf den Artikel reagiert, weil er nur eine Facette von uns zeigt. Leute, die uns weniger oder gar nicht kennen, fanden den Artikel hingegen gut.

Die Kommentare sind das eigentlich Interessante

Richtig lustig wird es erst bei den über 200 Kommentaren. Neben den üblichen Hassmails, Neidern, systemtreuen Betonköpfen, und den üblichen Versuchen, uns in die religiöse Sektenecke zu stecken, waren auch erstaunlich viele positive und verständnisvolle Kommentare dabei.

Schule oder Freilernen? Nein, beides!

Grundsätzlich ist uns aufgefallen, dass es ausschließlich um Schule ODER Freilernen ging. Kein einziges Mal wurde auch nur die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass beide Systeme koexistieren könnten. Quasi eine Liberalisierung des Schulwesens mit einer Auswahl an Lernmethoden als Chance.

Den zweiten Punkt haben wir schon erwähnt, er glänzt in den Kommentaren mit Abwesenheit: Fast überall in Europa und der Welt ist Heimunterricht und Freilernen eine legale Option. Generell sind die Erfahrungen mit dem schulfreien Lernen positiv, und irgendwie hat keins unserer Nachbarländer Angst, dass extremistische Eltern das Homeschooling ausnutzen, um ihren Nachwuchs zu indoktrinieren.

Was als Artikel über Esras Weg zum Abitur als Freilerner begonnen hat, ist irgendwie zu einem Politikum herangewachsen. Wir wünschen uns darum nichts mehr, als dass jetzt wenigstens eine offene und sachliche Diskussion über dieses Thema beginnt, um dem Freilernen in Deutschland die Illegalität zu nehmen, und um unseren Kindern eine freiere Wahl des Bildungsweges und mehr Freude am Lernen zu ermöglichen.

Reaktionen auf den Artikel

Die Reaktionen außerhalb des Spiegel Forums waren unglaublich: das Telefon stand nicht still an diesem Tag. Wir bekamen Anfragen fürs Fernsehen, Radio und Zeitungen. Einige Anfragen sagten wir ab, anderen sagten wir zu. Wir werden hier im Blog über die Berichte informieren!

Dienstag den 3.3. 2015 in Sat 1 – Frühstücksfernsehen!

Gabi

hier schreibt Gabi

Ich liebe das Reisen, die Fotografie und meine Familie!
Am besten - alles zusammen!

Autor: Gabi

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3 Kommentare

  1. Hallo liebe Reicherts,

    danke für euren Beitrag in dieser Thematik.

    Wir haben seit einem halben Jahr Deutschland den Rücken kehren müssen, um der Schulpflicht zu entkommen und uns hat es wirklich gut getan.

    Wie ihr sind wir nicht gegen Schule, jedoch hören diese systemgeprägte Menschen oft als Erstes, ohne dass man es gesagt hat.

    Man kann doch gegen etwas sein und zwar gegen die „Schulgebäudeanwesenheitspflicht“ die ja u.A. das deutsche System so problematisch machen.

    Wir wünschen euch viel Spaß weiter auf euren Reisen.

    Viele Grüße aus dem Elsass,
    Johannes

  2. Liebe Reicherts,

    jetzt kurve ich schon seit bald 2 Jahren auf eurem schönen Blog herum, weil ich Ihn durch Zufall entdeckt habe und mich über jeden neuen Artikel /Bericht freue. Und allmählich sollte Ich auch einmal Hallo oder Grüß euch alle sagen.

    Ich habe mich über den Blog von Esra- wie er zum Abi gekommen ist – sehr sehr gefreut. Ich habe mein Abi über den zweiten Bildungsweg (Bayern) vor Jahren erkämpft, ich bereue es bis heute nicht. Leicht war es nicht, aber ich habs ;-). Schule empfand ich lange als beengend und beängstigend, auf viele negative Erfahrungen hätte ich gern verzichtet- da empfand ich das Kolleg erstmals als „Befreiung“… anders, mit dem Blick nach draussen.

    Und ich erinnere mich, dass unsere Lehrer uns immer gesagt haben: „Sie lernen nicht in der Schule- sie lernen draussen für das Leben. Wenn möglich- Reisen Sie und sehen sie sich die Welt an. Wir öffnen nur die Türen, durchgehen müssen Sie, und sie wären sehr dumm wenn Sie diese Chance nicht nutzen“.

    Und das ist ja genau das- also so empfinde ich das,was ihr mit den Reisen macht: Ihr lernt Leute kennen, Sprachen im Land, Fische fangen auf den Lofoten, – also learning by doing and seeing. Klassenzimmer draussen in der Welt wo das Leben stattfindet. Ich war über manche Kommentare im Spiegel mehr als entsetzt, jedoch waren die überwiegenden Stimmen positiv und ermutigend. Und unter Freilernen verstehe ich: Mit Lust und Liebe das Wissen in sich aufsaugen- neugierig sein und sich über das neue freuen.

    Macht weiter so 😀

    Herzliche Grüße aus München

    Mechthild Hauck

  3. Hallo Mechthild und Johannes,
    vielen Dank für Eure positiven Kommentare. Johannes, Dir und Deiner Familie weiterhin viel Freude und Erfolg im Ausland. Bei Dir Mechthild klingt noch ein anderer Aspekt an: es gibt trotz aller Schulkritik viele fähige Lehrer, und die sind ebenso Opfer unseres Schulsystems.Klar gibt es unter den Lehrern eine Menge linientreue Apparatschiks, aber mindestens ebensoviele, die sich ein offeneres, freieres Lernen wünschen, aber nicht aus dem System ausbrechen können.
    .

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