Endlich hatte ich die Isle of Skye an der Westküste Schottlands erreicht. Ich wollte erst eine Woche dort verbringen und mein Zelt an allen schönen Ecken der Insel aufpflanzen, doch ich hatte einen gravierenden Fehler gemacht: Ich hatte meine Rechnung ohne das Wetter gemacht. Am ersten Tag waren 14 Sonnenstunden vorhergesagt, der tatsächliche Wert lag eher um die Null. Es regnete allerdings an diesem Tag noch nicht, was ihn wettertechnisch zum besten Tag auf Skye machte.
Ich kam morgens mit der ersten Fähre von Mallaig aus auf die Insel und entschloss mich, als erstes den Südzipfel von Skye zu erkunden. Die Straße verlief wie eine Wellenkurve. Es ging entweder herauf oder herunter, ein ebenes Stück war kaum zu finden. Je näher ich dem Ende der Insel kam, desto dünner wurde die Straße, bis sie schließlich in einem Schotterpfad endete, dem ich nicht weiter folgte. Am Straßenrand neben einem kleinen Häuschen fand ich eine Kiste mit der Aufschrift „Cake Box“. Wenn man einen Radfahrer fangen will, ist das genau der richtige Köder. Kaum hatte ich die Kiste gesehen war auch schon der Deckel auf und ich inspizierte den Inhalt. Ich fand eine Auswahl verschiedenster Kuchen und eine Honesty Box, in die ich eine Pfundmünze steckte.

Lisa-Jane mit ihrem Hund Toby
Ich genoss gerade die Aussicht und futterte mein Stück Kuchen, da kam die Besitzerin der kleinen Hütte (und der Kuchenkiste) raus und fing an, sich mit mir zu unterhalten. Wir standen bestimmt 20 Minuten an ihrem Gartenzaun, ich auf der einen Seite, sie auf der anderen, und plauderten über die Insel, ihren Hund, Kuchen, und Gott und die Welt. Plötzlich schaute sie ganz erschrocken und ruft „Mist, ich hab ja mein Brot im Ofen ganz vergessen!“. Sie eilte in ihre Küche und winkte mich hinter ihr her. Das Brot war zum Glück noch nicht zum Brikett geworden, es roch sehr lecker. Lisa-Jane (das war ihr Name) schnitt ein paar Scheiben davon ab und bot sie mir an, dazu braute sie eine Kanne Kaffee. Im Gegenzug erzählte ich, wo ich bisher schon überall gewesen war und zeigte ihr Fotos von meiner Reise. Ich finde es toll, wie schnell man in Schottland Leute trifft und wie gastfreundlich sie alle sind!
Nach ein paar Stunden bei Lisa-Jane fuhr ich weiter. Ich folgte der einzigen Straße auf der Insel, die nach Norden führt, und fand mich gegen Abend in Carbost wieder, nicht weit von der Talisker Bay. In der Bucht selbst konnte ich leider nicht campen (es lagen überall Steine und Schafdreck auf den Wiesen herum), also gab ich mich mit dem Glen zufrieden, das hinter der Bucht lag. In dieser Nacht begann es ordentlich zu regnen. Zuerst störte mich das nicht weiter, ich saß ja in meinem Zelt und blieb trocken. Als es dann aber am späten Morgen immer noch nicht aufgehört hatte, fand ich mich damit ab, dass ich einen Tag im Regen verbringen würde, und fuhr los.

Die Straße, die von einem Ende der Isle of Skye zum anderen führt

Mein Übernachtungsplatz unweit der Talisker Bay

Ein typisches Abendessen – Müsli, Brötchen mit Frischkäse, und Schockoriegel

Blick in die verregnete Landschaft

Eine kapelle bei Carbost

Dafür sind diese Spiegel doch da, oder?
Viele meiner Pläne für Skye fielen ins Wasser (haha), denn was bringt die schönste Aussicht vom höchsten Hügel, wenn man nicht weit sieht und es schüttet. Leider bringen die Bilder das Wetter nicht ordentlich rüber, denn ich habe die Kamera ja nur dann aus der Tasche geholt, wenn es mal kurz nicht regnete. Ich machte an diesem Tag viele Pausen, jede Kneipe und jedes Café auf dem Weg steuerte ich an, um etwas Warmes zu mir zu nehmen und das Wetter draußen zu lassen. Die Leute, die ich in den Cafes traf, warfen mir abwechselnd beeindruckte und mitleidige Blicke zu, und wie immer wurde ich oft angesprochen.
Aufgrund des Wetters wollte ich doch nicht so lange auf der Isle of Skye bleiben, also machte ich mich am dritten Tag wieder auf den Weg nach Osten. An der Ostküste Schottland ist es generell trockener als an der Westküste.

Ausblick über ein Loch irgendwo zwischen der Westküste und der Ostküste
Auf dem Weg zwischen den Küsten regnete es immer noch, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre – man kann sich ja in Pubs und Cafes unterstellen. Leider gab es keine Pubs und keine Cafes an der kleinen Straße, auf der ich unterwegs war. Es regnete, an jeder Kurve machte ich mir Hoffnung, dass dahinter eine Siedlung auftauchen würde, und immer waren es nur noch mehr Hügel, Lochs, und nasses Moorland. Nach 40 Kilometern kam ich endlich an einem Hotel vorbei, in dem ich ein halbe Stunde Trockenheit genießen konnte. Es war ein feiner Schuppen, also kosteten meine Fischsuppe und mein Kako so viel wie sonst geich drei volle Mahlzeiten, doch in dem Moment war es mir egal. Haupsache, es gab was Warmes! Ich hängte meine Regenjacke über eine Heizung, denn nach vielen Stunden Dauerbeanspruchung war auch meine sonst so verlässliche Regenjacke stellenweise nass geworden. Irgendwann ließ der Regen nach und ich konnte weiter fahren.

Ein Hotel mitten im Nirgendwo, dort konnte ich Rast machen
Am Ende des langen Tages erreichte ich die Black Isle bei Inverness. Es wurde spät und ich machte mich auf die Suche nach einem Schlafplatz, konnte aber keine freie Wiese finden, um mein Zelt aufzuschlagen. Zufällig stolperte ich aber über eine Gruppe Pfadfinderinnen, die in ihrem Clubhaus eine Party veranstalteten und mich kurzerhand dazu einluden. Es gab ausschließlich Cocktails und Speisen, die Schokolade enthielten, was meinem hungrigen Magen sehr gefiel (zum Glück habe ich eine hohe Toleranz für Süßes!). Ich durfte die Nacht auch noch im Clubhaus verbringen, wofür ich sehr dankbar war, denn ich konnte meine Regenklamotten gut trocknen und das Zelt mal lüften.

Mein Camp im Pfadfinderclubhaus, wo ich sehr dankbar für ein Dach über dem Kopf war

Der Leuchtturm bei Fortrose

Ölbohrinseln vor der Black Isle
Am nächsten Tag war das Wetter gleich viel besser, und ich nutze den Sonnenschein, um die Black Isle zu umrunden. Abends wollte ich mir in einem Pub etwas Kaltes gönnen, stolperte aber mitten in eine große Hochzeitsgesellschaft. Drei Schotten, die nicht zur Hochzeit gehörten, winkten mich prompt zu ihrem Tisch herüber „Hey, wir gehören auch nicht dazu, setz dich zu uns!“

Drei Schotten luden mich ein einem Pub beim Culoden Battlefield zu einem Drink ein
Mein nächstes Ziel war das Haus von meinen dritten Servas Gastgebern, die sehr ländlich lebten (sprich, mitten im Nirgendwo). Es war schön, auf einem so großen Grundstück entspannen zu können. Wobei wir uns nicht den ganzen Tag entspannten – ich half Phil, dem Vater der Familie, einen Tag lang beim Holzhacken und Rasenmähen. Außerdem gingen wir Vögel beobachten, backten Kuchen und Pizza, und ich machte mal wieder Wäsche.
Als nächstes ging es durch die Highlands wieder nach Süden, ich befand mich ja gerade in der Nähe von Inverness, recht weit im Norden. Doch das kommt im nächsten Beitrag. Bis dann!

Bei Phil und seiner Familie verbrachte ich zwei Nächte

So sieht die Landschaft bei Phil um die Ecke aus
Dackel Grindel in Schottland
Wir reisen zum ersten Mal mit Dackel Grindel. Es macht sehr großen Spaß mit Hund in Schottland unterwegs zu sein. Wir treffen sehr, sehr viele Hunde und ihre Besitzer und kommen dadurch noch öfters ins Gespräch. Oftmals kommen Leute aus Läden heraus, um den Dackel zu knuddeln. Grindel liebt Sandstrände, sie bleibt immer dicht bei uns – es sei denn ein toter Vogel liegt in den Dünen und riecht gut – so können wir die Fotografie sogar mit Hund ausführen. An der Leine funktioniert es eher nicht. Grindel ist immer gut gelaunt, sie springt und rennt und buddelt Löcher. Wir hätten nicht gedacht, dass das soviel mehr Spaß macht mit Hund unterwegs zu sein. Nun, im Wohnmobil haben wir signifikant mehr Sand.
Wir sind noch wenige Tage in Schottland unterwegs und das soll nur mal eine kurze Meldung sein. Das Wetter ist weiterhin so gut, dass wir mehr draußen sind, als vor Notebook zu sitzen. Und wenn wir uns dann ins Mobil zurückziehen sind wir einfach nur platt. Die meisten Berichte werden also kommen, wenn wir wieder daheim sind.
Ratray Lighthouse mit Regenbogen
Wolken, Regen und Sonne, was will man mehr
Dackel Grindel am Strand – so eine Fotosession ist nicht unbedingt ungefährlich für die Kamera.
Dackel Grindel am Strand
Dackel Grindel am Strand
Wir haben einen Tischaufsteller mit Dackel Grindel und Leuchttürmen zusammengestellt. Schau ihn dir an!
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St Andrews, die Golfhauptstadt
Die Golfhauptstadt St Andrews
Von einem Parkplatz hoch oben auf dem Berg schauen wir auf St Andrews herab. Das kleine Städtchen am Meer sieht sogar aus der Ferne geschichtsträchig aus. Im Ort herrscht fast Verkehrschaos, den die Schotten gelassen nehmen. Es geht einfach etwas langsamer durch die engen Gassen. Ein großer Teil der Stadt ist für ein mittelalterliches Fest abgesperrt. An der Uni finden wir sogar mit unserem Mobil einen kostenlosen Parkplatz.
Wir stürzen uns in den Trubel auf der Suche nach gebrauchten Buchläden. St Andrews hat Flair, die Gebäude der 1410 gebründeten Univerität sind auf die ganze Stadt verteilt. Sie ist somit die älteste Uni Schottlands. Während der Studienzeit sind ein Drittel der Einwohner St Andrews Studenten. Hier hat sogar Prinz William studiert und in einem Kaffee, welches jetzt Werbung damit macht, traf er auf Kate. In einer Art grandiosem Innenhof feiert ein Paar Hochzeit. Die gutgekleidete Hochzeitsgesellschaft passt perfekt zum Ambiente.
Hochzeit in St Andrews
Burgruine in St Andrews
Küstenlinie in St Andrews
Die Initialen von Patrik Hamilton. Darauf tritt kein Student, denn das bedeute schlechte Noten. Patrik reiste nach Deutschland und traf dort auf Martin Luther, da er desssen Thesen vertrat wurde er im Alter von 24 Jahren verbrannt.
Abendstimmung in St Andrews
Mittelalterliches Fest?
Die Kathedrale von St Andrews
Die 1158 erbaute katholische Kathedrale war zeitweise das größte Gebäude Schottlands. Sie wurde nach der Schottischen Reformation im 16. Jahrhundert dem Verfall preisgegeben. Schon von weitem sehen wir die Ruinen. Tagsüber ist es möglich das Gelände der Kathedrale zu besuchen. Wir zahlen den Eintritt nicht, sondern schlendern so zwischen den Gräbern hindurch. Vom Hafen aus bekommen wir einen guten Überblick über die Kathedrale und die Burg. Die um 1200 erbaute Burg war Residenz, Gefängnis und Festung des Bistums.
Abendstimmung in St Andrews
Abendstimmung in St Andrews
Abendstimmung an der Kathedrake von St Andrews
Gräber auf dem Friedhof vor der Kathedrale
Gräber auf dem Friedhof vor der Kathedrale
Wir bleiben gleich zwei Nächte, um der Stadt fotografisch gerecht zu werden. Amy und Noah klappen zwischenzeitlich alle Gebrauchtläden ab, finden das gewünschte Buch jedoch nur neu.
Golfplätze und eine kleine Brücke
St. Andrews ist die „Heimatstadt des Golfsports.“ Der 1754 gegründete Royal and Ancient Golf Club ist für die Regelauslegung zuständig, 5 der besten Golfplätze der Welt gehören zu St. Andrews. Es dauert eine Weile, bis wir den ältesten Golfplatz mit der berühmten steinernen Brücke finden. Jeder Tourist möchte genau hier sein Foto machen. Wir stehen an, denn logischerweise möchten wir genau dieses Foto auch haben. Allerdings ohne uns, nur die Brücke mit den Bauten des Golfclubs im Hintergrund.
Gabi auf dem berühmten Golfplatz
Golfplatz St Andrews
Die berühmte Brücke auf dem Golfplatz
Jeder will auf der kleinen Brücke stehend fotografiert werden
Endlich ein Foto ohne Menschen
Die Gebäude des Golfclubs
Ein olympischer Strand
Der 2 Meilen lange Weststrand der Stadt ist bei Ebbe extrem weitläufig. Sonntagsausflüger tummeln sich auf dem nassen Sand. Der West Sands Beach war Kulisse für die Eröffnungsszene von „Chariots of Fire,“ die auch hier für die 2012er Olympischen Spiele nachgestellt wurde.
German Sausage
Wo Kate Wiilliam traf
viel Sand am Strand – Chariots of Fire
Abends im Hafen von St Andrews
Das mittelalterliche Fest ist nichts, was wir als Deutsche erwarten würden. Es ist einfach nur Trubel mit Kirmesbuden. Gerade in der Kulisse von St Andrews wäre so ein richtig schönes Fest mit Kostümen eine geniale Idee. Schade, dass die Schotten da Kirmesbuden lieber mögen.
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Leuchtturm in Elie, Schottland
Elie liegt am Firth of Forth in Fife (sprecht das mal laut aus ohne zu lachen!)
Als wir in Elie auf den Parkplatz am Leuchtturm und Strand fahren schlägt unser Herz schon höher. Der Strand und der kleine Leuchtturm sehen fotogen aus, das Licht spielt mit und am Himmel hängen gut verteilt ein paar Wölkchen. Wir greifen das Stativ, satteln die Fotorucksäcke, nehmen Grindel an die Leine und ziehen los. Die Kids und der Dackel ziehen alsbald ihre eigenen Kreise, wir brauchen länger, da wir ständig neue Fotos sehen und festhalten.
Elie Lighthouse
Elie Lighthouse
Elie Lighthouse
Eine Umkleidekabine aus dem 18. Jahrhundert
Wir kommen mit ein paar Leuten ins Gespräch und lernen, dass die Trumruinen keine Burgfragmente sind, sondern die Überreste einer noblen Umkleidekabine sind. Der Lady’s Tower war die Umkleidekabine der Lady Anstruther in den 1770er Jahren. Jedesmal wenn sie badete, musste ein Diener mit einem Glöckchen bimmeln, damit ja keiner der Einheimischen in die Nähe kam.
Das Licht wird besser und besser, die Wolken spielen mit und bescheren uns einen fotografisch erfolgreichen Abend.
Umkleidekabine in Elie – links in der Ferne ist übrigens der Bass Rock zu sehen
Umkleidekabine in Elie
Am Parkplatz steht mal wieder das Schild „No overnight parking“. Da die Zufahrt mit einer zwei Meter hohen aufgeklappten Schranke versehen ist, fahren wir weg, obwohl wir lieber bleiben würden. Das Leuchttürmchen hat eine außergewöhnliche Form und steht zudem vorne auf den Felsen direkt am Meer – den wollen wir noch in der Nacht und am Morgen fotografieren. Wir quetschen uns schließlich auf einen Parkplatz am Hafen. Ich treffe beim spätabendlichen Spaziergang eine Familie, mit der ich bereits in North Berwick geredet hatte. Komisch, wenn jemand auf der Straße in einem Ort, wo du noch nie warst, deinen Namen ruft.
Die Kids schlafen noch und ich laufe früh allein den Strand entlang. Es ist friedlich und Grindel ist auf dem weichen Sandstrand unendlich glücklich. Sie buddelt, flitzt auch ohne Spielkameraden wild herum. Es macht einfach Spaß ihr zuzusehen und diese gute Laune aufzusaugen.
Ich fotografiere die Muster im Sand und den kleinen Leuchtturm. Wir frühstücken und fahren weiter gen Norden.
Muster im Sand in Elie, doch die Flut kommt schon
Grindel buddelt überall Löcher
Nach getaner Arbeit
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Sommer-Radtour, Teil 5: Von der Westküste an die Ostküste im Regen
Endlich hatte ich die Isle of Skye an der Westküste Schottlands erreicht. Ich wollte erst eine Woche dort verbringen und mein Zelt an allen schönen Ecken der Insel aufpflanzen, doch ich hatte einen gravierenden Fehler gemacht: Ich hatte meine Rechnung ohne das Wetter gemacht. Am ersten Tag waren 14 Sonnenstunden vorhergesagt, der tatsächliche Wert lag eher um die Null. Es regnete allerdings an diesem Tag noch nicht, was ihn wettertechnisch zum besten Tag auf Skye machte.
Ich kam morgens mit der ersten Fähre von Mallaig aus auf die Insel und entschloss mich, als erstes den Südzipfel von Skye zu erkunden. Die Straße verlief wie eine Wellenkurve. Es ging entweder herauf oder herunter, ein ebenes Stück war kaum zu finden. Je näher ich dem Ende der Insel kam, desto dünner wurde die Straße, bis sie schließlich in einem Schotterpfad endete, dem ich nicht weiter folgte. Am Straßenrand neben einem kleinen Häuschen fand ich eine Kiste mit der Aufschrift „Cake Box“. Wenn man einen Radfahrer fangen will, ist das genau der richtige Köder. Kaum hatte ich die Kiste gesehen war auch schon der Deckel auf und ich inspizierte den Inhalt. Ich fand eine Auswahl verschiedenster Kuchen und eine Honesty Box, in die ich eine Pfundmünze steckte.
Lisa-Jane mit ihrem Hund Toby
Ich genoss gerade die Aussicht und futterte mein Stück Kuchen, da kam die Besitzerin der kleinen Hütte (und der Kuchenkiste) raus und fing an, sich mit mir zu unterhalten. Wir standen bestimmt 20 Minuten an ihrem Gartenzaun, ich auf der einen Seite, sie auf der anderen, und plauderten über die Insel, ihren Hund, Kuchen, und Gott und die Welt. Plötzlich schaute sie ganz erschrocken und ruft „Mist, ich hab ja mein Brot im Ofen ganz vergessen!“. Sie eilte in ihre Küche und winkte mich hinter ihr her. Das Brot war zum Glück noch nicht zum Brikett geworden, es roch sehr lecker. Lisa-Jane (das war ihr Name) schnitt ein paar Scheiben davon ab und bot sie mir an, dazu braute sie eine Kanne Kaffee. Im Gegenzug erzählte ich, wo ich bisher schon überall gewesen war und zeigte ihr Fotos von meiner Reise. Ich finde es toll, wie schnell man in Schottland Leute trifft und wie gastfreundlich sie alle sind!
Nach ein paar Stunden bei Lisa-Jane fuhr ich weiter. Ich folgte der einzigen Straße auf der Insel, die nach Norden führt, und fand mich gegen Abend in Carbost wieder, nicht weit von der Talisker Bay. In der Bucht selbst konnte ich leider nicht campen (es lagen überall Steine und Schafdreck auf den Wiesen herum), also gab ich mich mit dem Glen zufrieden, das hinter der Bucht lag. In dieser Nacht begann es ordentlich zu regnen. Zuerst störte mich das nicht weiter, ich saß ja in meinem Zelt und blieb trocken. Als es dann aber am späten Morgen immer noch nicht aufgehört hatte, fand ich mich damit ab, dass ich einen Tag im Regen verbringen würde, und fuhr los.
Die Straße, die von einem Ende der Isle of Skye zum anderen führt
Mein Übernachtungsplatz unweit der Talisker Bay
Ein typisches Abendessen – Müsli, Brötchen mit Frischkäse, und Schockoriegel
Blick in die verregnete Landschaft
Eine kapelle bei Carbost
Dafür sind diese Spiegel doch da, oder?
Viele meiner Pläne für Skye fielen ins Wasser (haha), denn was bringt die schönste Aussicht vom höchsten Hügel, wenn man nicht weit sieht und es schüttet. Leider bringen die Bilder das Wetter nicht ordentlich rüber, denn ich habe die Kamera ja nur dann aus der Tasche geholt, wenn es mal kurz nicht regnete. Ich machte an diesem Tag viele Pausen, jede Kneipe und jedes Café auf dem Weg steuerte ich an, um etwas Warmes zu mir zu nehmen und das Wetter draußen zu lassen. Die Leute, die ich in den Cafes traf, warfen mir abwechselnd beeindruckte und mitleidige Blicke zu, und wie immer wurde ich oft angesprochen.
Aufgrund des Wetters wollte ich doch nicht so lange auf der Isle of Skye bleiben, also machte ich mich am dritten Tag wieder auf den Weg nach Osten. An der Ostküste Schottland ist es generell trockener als an der Westküste.
Ausblick über ein Loch irgendwo zwischen der Westküste und der Ostküste
Auf dem Weg zwischen den Küsten regnete es immer noch, was eigentlich nicht weiter schlimm gewesen wäre – man kann sich ja in Pubs und Cafes unterstellen. Leider gab es keine Pubs und keine Cafes an der kleinen Straße, auf der ich unterwegs war. Es regnete, an jeder Kurve machte ich mir Hoffnung, dass dahinter eine Siedlung auftauchen würde, und immer waren es nur noch mehr Hügel, Lochs, und nasses Moorland. Nach 40 Kilometern kam ich endlich an einem Hotel vorbei, in dem ich ein halbe Stunde Trockenheit genießen konnte. Es war ein feiner Schuppen, also kosteten meine Fischsuppe und mein Kako so viel wie sonst geich drei volle Mahlzeiten, doch in dem Moment war es mir egal. Haupsache, es gab was Warmes! Ich hängte meine Regenjacke über eine Heizung, denn nach vielen Stunden Dauerbeanspruchung war auch meine sonst so verlässliche Regenjacke stellenweise nass geworden. Irgendwann ließ der Regen nach und ich konnte weiter fahren.
Ein Hotel mitten im Nirgendwo, dort konnte ich Rast machen
Am Ende des langen Tages erreichte ich die Black Isle bei Inverness. Es wurde spät und ich machte mich auf die Suche nach einem Schlafplatz, konnte aber keine freie Wiese finden, um mein Zelt aufzuschlagen. Zufällig stolperte ich aber über eine Gruppe Pfadfinderinnen, die in ihrem Clubhaus eine Party veranstalteten und mich kurzerhand dazu einluden. Es gab ausschließlich Cocktails und Speisen, die Schokolade enthielten, was meinem hungrigen Magen sehr gefiel (zum Glück habe ich eine hohe Toleranz für Süßes!). Ich durfte die Nacht auch noch im Clubhaus verbringen, wofür ich sehr dankbar war, denn ich konnte meine Regenklamotten gut trocknen und das Zelt mal lüften.
Mein Camp im Pfadfinderclubhaus, wo ich sehr dankbar für ein Dach über dem Kopf war
Der Leuchtturm bei Fortrose
Ölbohrinseln vor der Black Isle
Am nächsten Tag war das Wetter gleich viel besser, und ich nutze den Sonnenschein, um die Black Isle zu umrunden. Abends wollte ich mir in einem Pub etwas Kaltes gönnen, stolperte aber mitten in eine große Hochzeitsgesellschaft. Drei Schotten, die nicht zur Hochzeit gehörten, winkten mich prompt zu ihrem Tisch herüber „Hey, wir gehören auch nicht dazu, setz dich zu uns!“
Drei Schotten luden mich ein einem Pub beim Culoden Battlefield zu einem Drink ein
Mein nächstes Ziel war das Haus von meinen dritten Servas Gastgebern, die sehr ländlich lebten (sprich, mitten im Nirgendwo). Es war schön, auf einem so großen Grundstück entspannen zu können. Wobei wir uns nicht den ganzen Tag entspannten – ich half Phil, dem Vater der Familie, einen Tag lang beim Holzhacken und Rasenmähen. Außerdem gingen wir Vögel beobachten, backten Kuchen und Pizza, und ich machte mal wieder Wäsche.
Als nächstes ging es durch die Highlands wieder nach Süden, ich befand mich ja gerade in der Nähe von Inverness, recht weit im Norden. Doch das kommt im nächsten Beitrag. Bis dann!
Bei Phil und seiner Familie verbrachte ich zwei Nächte
So sieht die Landschaft bei Phil um die Ecke aus
Edinburgh mit dem Rad erkunden
Mit dem Radl in die Innenstadt von Edinburgh
Mit unserer Womo-Kiste nach Edinburgh hineinzufahren, steht leider außer Frage. Deshalb suchen wir uns einen Campingplatz in der Peripherie und finden auch gegen Mittag tatsächlich noch einen nicht reservierten Platz auf dem Muttonhall Campground. Zwar ohne Strom und auf der aufgeweichten Wiese, dafür mit netten Nachbarn, und für die Lage noch nicht mal so teuer. Wir zahlen knapp unter 30 Pfund.
Das Wetter ist heute sonnig mit leichter Bewölkung, zum Stadtzentrum sind es nur zirka 8 Kilometer, mit dem Rad keine große Aktion, denken wir. Also Kamerarucksäcke aufgesetzt und los gehts. Komischerweise treten sich die ersten Kilometer extrem schwer, als würden wir mit angezogenen Bremsen fahren. Die Bäume am Straßenrand stehen auch alle leicht angewinkelt, aha, es geht offensichtlich stramm bergauf, dazu kommt noch Gegenwind.
scottisch Parliament
Royal Palast
Stadtansicht, Edinburgh
Stadtansicht, Edinburgh
Straßenkünstler
Edinburgh
Hügeliges Edinburgh
Laut Plan müssen wir einer Haupteinfallsstraße Richtung Innenstadt folgen, und allmählich wird auch der Verkehr dichter. Es geht mal ein sehr langes Stück bergab, wir machen Strecke, dann folgt wieder ein Anstieg. Das ruft uns in Erinnerung, dass Edinburgh auf und umgeben von Hügeln liegt. Inzwischen schwimmen wir voll im Autoverkehr mit. Radwege gibt es nur sporadisch, und dann sind sie oft zugeparkt. Meist wird die Bus-Spur zum Radweg deklariert, aber auch da parken Lieferwagen. Mal hört die Spur auf, dann fängt sie wieder an. Mitten im jetzt dichten Verkehr macht das kaum Spaß, auch wenn es jetzt dauernd bergab geht.
Endlich treffen wir in der City ein, später und mehr geschwitzt, als ursprünglich vorgehabt. Esra war einige Wochen vorher mit dem Rad in Edinburgh unterwegs und hat uns erzählt, dass kaum Autos in der Innenstadt herumfahren, und das es total einfach mit dem Verkehr wäre. Wir fragen uns ernsthaft, in welcher Stadt er wohl gewesen ist, die er mit Edinburgh verwechselt hat. Stop-and-Go Verkehr und hektisch herumrasende Lieferwagen überall machen das Vorankommen zur Qual. Wir binden unsere Räder kurzerhand an ein Geländer unterhalb des Schlosses und erkunden zu Fuß weiter.
Edinburgh Festival und Trubel in den Gassen
Die Royal Mile von der Burg zum königlichen Holyrood-Palast ist für den Autoverkehr gesperrt, aber völlig überfüllt. Das Edinburgh Festival steht bevor, es ist der Tag der Generalproben und Unmengen von Touristen drängen sich schon jetzt durch die Straßen. Hunderte von Vorstellungen, Darbietungen, Installationen und Ausstellungen wird es in den nächsten Tagen zu sehen geben. Die Generalproben laufen aber schon heute. Auf dem Schloss üben Militärkapellen für das Edinburgh-Tatoo, in den Gassen zeigen Straßenkünstler ihre Performance, überall weisen Schilder auf unzählige weitere Attraktionen hin.
Aussicht vom Carlton Hill
Nach einer gehörigen Dosis Royal Mile schwingen wir uns wieder auf die Räder und fahren den steilen Carlton Hill hinauf. Die Aussicht von dort oben ist fantastisch, besonders bei dem guten Wetter. Der Hügel ist zudem vollgepflastert mit Monumenten: Nelson Monument, Dugald Stewart Monument, Robert Burns Monument, das National Monument und viele andere Gebäude, die für sich allein schon den Aufstieg lohnen. Dazu ein blauer Himmel und wattebauschige Wolken, es ist ein Traum.
Gunter auf dem Carlton Hill
Carlton Hill
Dugald Stewart Monument
Dugald Stewart Monument
Kanone auf dem Carlton Hill, Edinburgh
Die Edinburgher Burg im Abendlicht
Viel später als geplant stürzen wir und wieder in die Wirren der Innenstadt, um noch ein paar Bilder mit der Burg im Abendlicht einzufangen. Dann suchen wir unseren Rückweg. Der Abendverkehr ist nicht viel besser als der am Mittag, und jetzt geht es auch nicht enden wollend bergauf. Scheiß Hügel! Der Fotorucksack zieht uns städnig den Berg hinunter. Müde und durchgeschwitzt trotz der kühlen, feuchten Luft kämpfen wir uns voran. Das letzte Teilstück gerät zur rasanten Schussfahrt, da merken wir, wie steil der erste Teilabschnitt wirklich ist.
Bus in Edinburgh
Edinburgh Castle
Edinburgh Castle
Fazit: Die Idee, mit dem Rad nach Edinburgh reinzufahren war gut. Der Bus hätte länger gedauert. In der Stadt selbst allerdings wäre es vielleicht besser gewesen so einen Tourbus zu nehmen, der nach und nach alle Attraktionen anfährt. Oftmals war uns das Rad in den bevölkerten Gassen im Weg. Insgesamt haben wir an einem Tag jedoch Vieles abklappern können und bekamen einen sehr guten ersten Eindruck der Stadt. Wir haben nur wenige Besichtungen in Museen und so gemacht und überhaupt nicht in Läden gebummelt.
Abend am Lagerfeuer
Kaum sind wir an unserem Mobil angelangt, begrüßt uns die Dackeldame Grindel stürmisch. Amy und Noah machten tagsüber die Region um den Campingplatz unsicher. Die drei besuchten ein Arboretrum, damit Grindel nicht zu viel Stadttrubel aushalten muss. Jedenfalls stürzt Grindel aus dem Mobil und rennt wie wild schwänzelnd um uns herum. Irgendwas riecht allerdings bei den Nachbarn super gut. Schupps da ist sie im Vorzelt der Nachbarn. Wir kommen ins Gespräch. „Habt ihr Lust auf ein Bier?“ fragt die freundliche Dame. „ja, klar!“ nach dem letzten Hügel der Radtour sagen wir nicht nein. Gerade noch hatte Gabi sich einen netten Abend am Lagerfeuer gewünscht, schon sitzen wir in bequemen Campingstühlen am knisternden Feuer. Unser Abendessen schiebt sich bedenklich Richtung Mitternacht. Am nächsten Morgen schlafen wir uns dafür erstmal aus und überlegen, noch einen Tag zu bleiben.
Forth Bridge
Die Entscheidung wird uns aber abgenommen, der Campingplatz ist leider ausgebucht. Wir machen uns darum auf in Richtung Forth Bridge. An deren Südende in South Queensferry herrscht absolutes Gedränge, und wir parken notgedrungen illegal auf einer Bushaltestelle, um ein paar Fotos zu schießen. Auf der anderen Seite der Brücke in North Queensferry geht es etwas entspannter zu, und wir parken fast direkt unter den Verstrebungen der älteren Eisenbahnbrücke. Die Fahrerei in den zahlreichen Kreiseln ist nervig. Doch diesmal haben wir uns ernsthaft vorgenommen, die Brücken zu fotografieren. Da lassen wir uns nich vom Verkehr abhalten.
Während ich was zu Essen zubereite, geht Gabi auf fotografische Entdeckungstour und findet tatsächlich was Außergewöhnliches: den kleinsten noch in Dienst stehenden Leuchtturm der Welt, der auch zu besichtigen ist.
Firth Bridge
Firth Bridge
Firth Bridge
New Firth Bridge mit heftigem Autoverkehr
Der kleinste noch in Betrieb befindliche Leuchtturm der Welt, North Queensferry
Die Firth Bridge aus dem kleinsten in Betrieb befindlichen Leuchtturm
Die Firth Bridge und unser Wohnmobil
Gabi: Ich packe das Rad aus dem Kofferraum und radle los. Es muss doch noch einen besseren Blick auf die Brücke geben? Gerne hätte ich auch hier übernachtet. Doch jede Sehenswürdigkeit im besten Licht aufzunehmen, schaffen wir sowieso nicht. Die Wolken sind fotogen, der Himmel ist blau und immer wieder kommt die Sonne raus. Schade, dass gerade Ebbe ist, mit Wasser wäre es schöner. Ich fahre also durch den Ort und schleppe das Rad unzählige Treppen hoch um zur Autobrücke New Forth Bridge zu kommen. Ein Schild informiert mich, dass ich mich als Radfahrer an die Geschwindigkeitbegrenzung von 20 MPH halten muss. Ich hab keinen Tacho am Rad, so schnell fahre ich eh nicht. Immer wieder halte ich, um die vor mir liegende rote Forth Bridge aufzunehmen. Jedesmal wird mir Angst und Bang: die Brücke wackelt und zwar richtig heftig. Metall schlägt klirrend auf Metall, es scheppert und die Lastwagen donnern lautstark an mir vorbei. In einer BBC Dokumentation wurde berichtet, dass die Kabel dieser Brücke marode sind. Sie reißen eins nach dem anderen. Es sind zwar sehr viele einzelne Kabel vorhanden, doch die kritische Masse ist nah. Eine neue Brücke wird bereits neben der alten gebaut. Sie soll nächstes Jahr fertig werden. Ein Radreisender fotografiert auch gerade, wir schwätzen eine Weile. Er ist dieses Jahr 50 geworden und fährt von John o‘ Groats nach Cornwall. Ich bin froh, die Brücke alsbald wieder zu verlassen. Im Wohnmobil wartet das Essen auf mich und ich bin ziemlich hungrig.
Nach dem Essen fahren wir weiter an der Küste entlang Richtung St. Andrews. Es ist schon Abend und wir beschließen, in Elie einen Stopp einzulegen. Auch hier steht ein interessanter Leuchtturm, der im Abendlicht leuchtend eine magische Anziehungskraft auf uns ausübt. Ein gelungener Abschluss eines motivreichen Tages. Doch darüber berichten wir besser im nächsten Blogbeitrag…
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Sommer-Radtour, Teil 4: Mit dem Rad durch die Highlands
Diesen Teil des Reiseberichtes schreibe ich von zuhause aus. Nach etwa 80 Tagen hat die Reise ein Ende – zwar habe ich es in dieser Zeit nicht ganz um die Welt geschafft, doch wenn man bedenkt, dass ich über die Hälfte der Zeit bei Freunden und netten Leuten verbrachte, dann sind 3.700km gar nicht so übel, finde ich. Jetzt wird als erstes der Reisebericht vollendet!
Raus auf Glasgow, rein in die Highlands!
Regenwetter
Nach einer Woche in Glasgow hatte ich genug vom Stadtleben und entschied, meine Reise in Richtung Norden fortzusetzen. Der durchgehend blaue Himmel entschied mehr oder weniger zur gleichen Zeit, dass er nun lange genug blau gewesen war, und es fing an zu regnen, kaum war ich aus den bebauten Gebieten heraus. Frechheit!
Aber was will man machen. Auf einer Radtour muss man wasserfest sein. Unterstellen kann man sich nicht wenn man im Niemandsland unterwegs ist, ich wühlte also meine Regenklamotten aus meinen Taschen und stellte sie auf die Probe. Der Outdoorausrüster Vaude hatte mir ein paar Produkte zum Testen gegeben, unter anderem eine Regenjacke, eine Regenhose und meine wasserdichten Schuhe. Bisher hielt alles so dicht, dass ich abends im Zelt immer mit trockenen Klamotten mein Abendessen verzehren konnte, auch wenn es den Tag über sehr viel geregnet hatte.
Die Landschaft wurde immer beeindruckender, je weiter ich nach Norden fuhr
Viel Verkehr war ja nicht…
Leute treffen durch Servas
Ich hatte mir vorgenommen, mal Servas auszuprobieren. Das ist eine Organisition, die im Namen der Völkerverständigung Reisende und gastfreundliche Leute zusammenbringt. Ich hatte ein älteres Paar kontaktiert, das in einem kleinen Dörfchen mitten in den Highlands wohnte. Ich fand das Haus ohne große Schwierigkeiten und wurde von Bob und Maureen empfangen, einem ehemaligen Universitätsdozenten und einer ehemaligen forensischen Psychiaterin. Bob war nebenbei als Guide in einem nahegelegenen Kriegsgefangenenlager aus dem Zweiten Weltkrieg tätig, und nach dem Abendessen gab er mir eine private Tour über das Gelände.
Im Cultybraggan Camp waren damals bis zu 4.000 Deutsche Kriegsgefangene untergebracht, und als sogenanntes „Black Camp“ wurde es vornehmlich als Lager für die besonders hartgesottenen Nazis genutzt. Unter anderem gab es einen Vorfall, wo fünf Gefangene einen Mitgefangenen ermordeten, der ihnen als Verräter der nationalsozialistischen Idee vorkam. Das Camp bestand aus etlichen Nissen Hütten, einfachen Gebilden aus Wellblech. Bob erzählte, dass man die Bauteile für eine solche Hütte auf einen Lastwagen bekäme, den man man nach dem Zusammensetzten der Teile gleich in der Hütte parken konnte. Praktisch!
Einige der Nissenhütten im Cultybraggan Camp, in dem mich Bob am Abend herumführte
Maureen und Bob beim Kuchenvernichten
Ich blieb zwei Nächte bei Bob und Maureen und zog dann durch die Highlands weiter. Der Tag an dem ich weiter fuhr war einer der besten Radfahrtage auf der bisherigen Tour. Die Straße (dort oben gibt es oft nur eine Straße, auf der findet der gesamte Verkehr statt. So viel war es aber nicht) wand sich zwischen Bergen und Tälern nach Westen, in Richtung der Isle of Skye. Teilweise fuhr ich einige Kilometer lang bergauf, doch das zahlte sich immer aus, wenn ich auf der anderen Seite wieder herunter rasen konnte.
Das Wetter war ziemlich gut und es war Wochenende, also waren viele Freizeitfahrer unterwegs. Busse und Wohnwagen rollten gemächlich durch die Landschaft, und etliche Motorräder summten wie Bienen und Wespen darum herum. An einem Aussichtspunkt bot ein stolzer Jaguar-Besitzer an ein Foto von mir zu machen, und als er fertig war röhrte und brummte es wie auf einer Rennstrecke, als ein Supersportwagen nach dem anderen auftauchte. Ein Schottischer Sportwagenclub machte gerade eine kleine Tour.
Langsam begannen sich vor mir Berge aufzutürmen
Eine Gruppe betuchter junger Leute fuhr ihre Sportwagen spazieren
Ein Jaguarfahrer war so nett, ein paar Bilder von mir zu machen
Es dauerte eine Weile, bis ich durch dieses Tal gefahren war
Eine Bergabfahrt, die ich nach langem Klettern wohl verdient hatte
Ich kam an zahllosen Lochs vorbei
Ich hab die Westküste erreicht!
Nocheinmal Servas – Rumtuckern in einem 95 Jahre alten Wagen
Irgendwann kam ich nach Mallaig, von wo aus die Fähre zur Isle of Skye fährt. Da es allerdings schon spät war und das nächste Boot erst am folgenden Tag fahren würde, rief ich noch einen Servas-Gastgeber an. Ranald und Su wohnten in Arisaig, gerade um die Ecke, und nahmen mich gerne auf. Genau wie Bob und Maureen waren sie schon ein wenig in die Jahre gekommen, wie viele andere Servas-Gastgeber im Norden Schottlands. In kleinen Siedlungen mitten im Nirgendwo ziehen die jungen Leute eben alle weg. Macht ja auch nichts, immerhin haben ältere Leute meist die lustigsten Geschichten zu erzählen.
Ranald stellte sich als exzentrisches Unikum von einer Person heraus, genau wie seine Frau Su. Er hatte einen 95 Jahre alten Wagen in der Garage stehen, einen „Varley Woods“. Ranald erklärte mir stolz, dass es wahrscheinlich der letzte Wagen dieser Firma auf der ganzen Welt sei.
„Willst du mal darin fahren?“, fragt er mich dann. Was für eine Frage! Natürlich!
Ranald kurbelt sein Auto an
Wir zogen uns lustige Hüte über die Ohren, ich schnappte meine Kamera, und los ging’s im rollenden Museumsstück. Knatternd und etwas ruckelig rollte der Wagen aus der Garage. Eineinhalb Tonnen einfachste Technik, jedoch nicht ohne Stil. Wer Sicherheit groß schreibt, fühlt sich in so einem Fahrzeug nicht wohl – Anschnallgurte und Nackenstützen wurden erst viele Jahrzehnte nach dem Bau dieser Maschine erfunden, und Bremsen hatte sie auch nur hinten. Wenn man feste genug auf das Pedal trat, hielt der Wagen sogar nach einer Weile an…
Die Gangschaltung war nicht synchronisiert, man konnte einen bestimmten Gang also nur bei der genau richtigen Geschwindigkeit einlegen. Wenn Ranald zu schnell oder zu langsam zum Schalten fuhr, ließ ihn die Gangschaltung das mit einem lauten Knirschen wissen. Es kam aber auch nur einmal vor, da er nach vielen Monaten der Restauration erst wieder das Gefühl dafür bekommen musste.
Während der halbstündigen Tour bekam ich ein Gespür dafür, wie weit sich Fahrzeugtechnik im letzten Jahrhundert weiterentwickelt hatte. Dennoch hatte sich das Grundprinzip des Automobils kaum geändert: Ein Verbrennungsmotor unter der Haube, der Benzin in Kraft und Abgase umwandelt, vier Reifen, ein Lenkrad und drei Pedale. Wir haben vielleicht die Kurbel an der Stoßstange abgeschafft und die Autos sicherer und schneller gemacht, doch neu erfunden wurden sie nie.
Nach zwei Nächten bei Su und Ranald nahm ich die Fähre auf die Isle of Skye und fuhr dann nach Osten, an die andere Küste. Darüber schreibe ich dann im nächsten Bericht.
Ranald in seinem 1920er Varley Woods