Mit dem Rad durch Südnorwegen – wie Esra & Josi im Sommer das Fjell erkundeten
Eine 1600 Kilometer lange Rundreise mit Rad und Zelt war letzten August das Beste, was uns trotz Coronapandemie eingefallen ist. Also packten wir spontan die Radtaschen und zogen los, so lange das Reisen möglich war.
Josis Liebe zu Höhenmetern
Es ist August, und obwohl wir in Norwegen sind scheint uns bei 27 °C die Sonne auf die Fahrradhelme, während wir langsam das Gauset-Tal am Fuße des Hardangervidda-Bergplateaus hinter uns lassen. „Ich liebe es, Berge hochzufahren!“ teilt mir Josi mit, sichtlich außer Atem. Alle Indizien der bisherigen drei Tage auf Tour sprechen entschieden gegen diese Aussage, doch sie beharrt darauf. Sie wolle ihre Sichtweise auf Anstiege ändern, und als ersten Schritt hat sie beschlossen, nicht mehr negativ auf steile oder langwierige Bergstraßen zu reagieren. Stattdessen ruft sie ab jetzt jedes Mal, wenn sich ein besonders fieser Abschnitt nach einer Kurve präsentiert „Ah, super!“ oder „Da freu ich mich drauf.“

Josi liebt Höhenmeter.
Was als humorvoller Selbstbetrug startet, entfaltet bald eine unerwartet performative Wirkung. Nach ein paar Tagen kann ich ihr fast glauben, dass sie gerne mit mir Steigungen hochfährt. Es hilft natürlich, dass Berge hochzufahren tatsächlich einige schöne Seiten hat: Wir sehen innerhalb von 20 Kilometern einen Landschaftswechsel von dichten Wäldern zur kargen subpolaren Bergtundra, was sehr spannend zu beobachten ist. Oben angekommen breitet sich die stolze Genugtuung nach getaner Arbeit aus, wenn wir weit ins Tal hinabschauen, aus dem wir kamen. Dann sind da die Aussichten, die wir als hügelscheue Radler nicht genießen könnten. Und natürlich die langen, rasanten Abfahrten, die nochmal ein ganz eigener Spaß für sich sind.
Doch zurück zum Gauset-Tal: wir fahren den Anstieg rauf, weil wir nach unserem Start in Oslo zur Hardangervidda wollen, dem größten Bergplateau Europas. Unsere Route lassen wir spontan entstehen, und diese Routen-Idee kam uns am Tag zuvor. Was wir oben vorfinden werden ist kalkuliert ungewiss – zwar endet die Straße irgendwann im Nirgendwo, doch es soll einige vielversprechende Pfade jenseits der Schotterpisten geben. Der Anstieg ist mit all unserem Gepäck ausgesprochen anstrengend, einmal entscheidet sich Josi sogar für ein zehnminütiges Nickerchen am Straßenrand, um Kräfte zu regenerieren. Damit vorbeikommende Autofahrer die Szene nicht als Notfall interpretieren, stehe ich bereit, um Josi aufzuscheuchen, falls sich Motorengeräusche nähern. Aber hier fährt zum Glück sowieso kaum jemand entlang.

Ein sehr notwendinges Straßenrandnickerchen.
Wir erreichen 1.000 m über dem Meer, hier ist Schluss mit Bäumen und das Sonnenlicht geht mittlerweile auch rapide zur Neige. Woran es nicht im Geringsten mangelt sind Stechmücken – die karge, sumpfige Landschaft brütet diese Biester in raren Mengen aus. So haben wir zwar einen wunderschönen wild liegenden Zeltplatz, können ihn aber nicht genießen, ohne gefressen zu werden. Unser Mückenschutzmittel stemmt sich vergebens gegen die Wolke aus Mücken, uns bleibt nur der taktische Rückzug ins Zelt. Egal, wir sind sowieso todmüde, also essen wir schnell was und gehen früh ins Bett.

Der Platz sah zwar nett aus, war aber mückenverseucht.

Kleine Erzfeinde der Camper.
Kann man sich eigentlich verfahren, wenn der Weg das Ziel ist?
Am nächsten Morgen bringen wir die letzten hundert Höhenmeter hinter uns und genießen das herrliche Wetter in dieser eigentlich unwirtlichen Landschaft. Die mickrige, gekrümmte und vor allem karge Vegetation lässt uns wissen, dass hier normalerweise nicht 27 °C bei blauem Himmel herrschen. Viele Norwegerinnen und Norweger hat es an diesem Augusttag auch aufs Fjell verschlagen, die Menschen wandern, fahren zu ihren Booten auf den Bergseen oder sammeln Moltebeeren.

Schöne Aussichten auf der Hardangervidda.
Wir sind nicht auf der Suche nach Beeren, sondern nach einem Weg, der uns Richtung Westen führt. Geduldig fahren wir die Schotterstraßen ab, finden aber statt weiterführenden Quad-Wegen (die auf einigen Karten eingezeichnet waren, und auf denen wir sicherlich 20 mühselige Kilometer bis zur nächsten befestigten Straße geschafft hätten) nur schlammige Wanderpfade. Hmm. Die andere Option, einen der größeren Seen hier oben per Fährservice auf einem kleinen Boot zu überqueren, scheitert an der Aussage eines Wanderers, dass am anderen Ende des Sees seines Wissens nach auch keine weiteren Wege existieren.
Tja. Das hätten wir wohl besser recherchieren können. Mir macht es nicht so viel aus wie Josi, dass wir eine Sackgasse hochgefahren sind. Da unser Start- und Endpunkt Oslo ist und wir sowieso einfach eine große Rundtour aus Spaß am Radfahren machen, sind ein paar Extrakilometer keine Tragödie. Josi sieht das anders: „Wenn ich schon über tausend Höhenmeter hochfahre, dann soll das gefälligst auch irgendwo hinführen! Du willst mir nicht sagen, dass wir den ganzen Anstieg von gestern jetzt wieder runterfahren können?!“
„Ähm… doch. Tut mir leid, ich dachte…“
„Dann hast du falsch gedacht!“
Viel erfreuter wird Josi nicht, als ich ihr auf der Karte zeige, dass wir einfach das „falsche“ Tal hochgefahren sind, und dass das nächste Tal, fünf Kilometer weiter östlich, auf eine schöne asphaltierte Straße über das Fjell führt. Meine einzige Verteidigung ist: „Du hast doch gesagt, Du liebst jetzt Höhenmeter?“

Im Tal neben dem Gauset-Tal geht es asphaltiert bis oben.
Nachdem ich also gelernt habe, dass Josi die Höhenmeter nur unter der Kondition liebt, dass diese auch irgendwo hinführen, gebe ich mein Bestes, die Route vorsichtiger zu planen. Die Tage auf dem Fjell sind wunderschön, wir haben durchweg das beste Wetter und genießen grandiose Aussichten hinter jeder Kurve. Jeden Tag sammeln wir im Schnitt 1.500 Höhenmeter, weil die Straßen immer wieder vom Plateau herunter und sofort wieder rauf führen, aber wir machen auch viele Pausen und finden sogar zahlreiche Gelegenheiten, in Flüssen oder Bergseen zu baden. Das eiskalte Wasser ist aber nur durch die unnatürlich hohe Umgebungstemperatur irgendwie erträglich.

Dieses Wasser ist wirklich sehr frisch.
Da die Hardangervidda für einen Großteil des Jahres eine lebensfeindliche Schneelandschaft ist, ziehen es die meisten Menschen vor, sie zu besuchen, statt auf ihr zu leben. Private Ferienhütten sehen wir überall, als wären sie mit einem gigantischen Pfefferstreuer entlang der befahrbaren Wege verstreut worden. Dauerhaft bewohnte Siedlungen sind andererseits eine Seltenheit, und nur hie und da in Tälern zu finden. Das Fernstraßennetz ist ebenso geprägt von seiner Umwelt und daher nicht unglaublich komplex – um die Fjordlandschaft im Westen zu erreichen, haben wir genau eine Straße zur Auswahl: Die E7. Doch obwohl wir uns tagelang auf der einzigen Verkehrsader weit und breit bewegen, ist das Radfahren hier entspannt, Autofahrer lassen fast alle beim Überholen reichlich Platz, und manchmal werden wir bei steilen Steigungen angefeuert oder bekommen einen Daumen hoch von den Kollegen auf dem Motorrad.

Die E7. Die Stäbe helfen im Winter dabei, die Straße wiederzufinden.
Unliebsame Mitteilungen
Unsere Freude, dass wir hier so ungestört Radfahren können, wird von einem großen Schild in der kleinen Ortschaft Haugastøl ausgelacht. Zynisch teilt uns das Schild mit, dass in 50 Kilometern mehrere Tunnel kommen werden, die für Radfahrer gesperrt sind, und dass die Radwege um die Tunnel herum wegen Steinschlag gesperrt sind. Alternativen gibt es keine, abgesehen von einem mehrere hundert Kilometer langen Umweg mit groben Schotterpisten und der Option, 200 Kilometer zurück zu fahren, wo wir herkamen. Super! Wir spazieren in das Hotel, welches neben dem unerfreulichen Schild steht, und erkundigen uns an der Rezeption nach der Lage. „Ach, das steht da schon seit ein paar Jahren, ich weiß nicht, ob das jemals behoben wird“, teil uns die Dame mit.
Wir entscheiden uns, die Lage bei einem Kaffee zu reevaluieren. So viel wir die Landkarte auch drehen und wenden, es tauchen einfach keine weiteren Straßen auf ihr auf, und Google Maps beharrt ebenso stoisch darauf, dass wir doch einfach einen kleinen Umweg von vier Tagen nehmen sollen. Da wir aber die Fähre nach Hause bereits gebucht haben und deswegen in zweieinhalb Wochen wieder in Oslo sein müssen, können wir nicht auf gut Glück eine halbe Woche an Umwegen einbauen. Während wir so die Karte studieren und das Schild verfluchen, hören wir das Klicken von zwei sehr teuren Fahrrad-Freiläufen näherkommen. Das Geräusch gehört zu zwei obszön teuren Rennrädern, deren Fahrer aus der „verbotenen“ Richtung kommen und genau wie wir eine Kaffeepause einlegen wollen.
„Könnt ihr uns vielleicht etwas über die Situation mit dem gesperrten Radweg sagen?“ frage ich die beiden, nachdem ich ein Kompliment in Richtung ihrer leichten, eleganten Karbonräder gemacht habe (nach einer Weile auf einem vollbeladenen Reiserad lösen solche Rennräder sehnsüchtige Gefühle in mir aus).
„Ach, das mit den Tunneln ist schon länger so“ kommentiert einer der beiden und bestätigt, was die Rezeptionistin sagte. „Aber ihr habt sicher Licht dabei, oder?“
Er erklärt uns, dass der Radweg tatsächlich einer Schutthalde in einem Steinbruch gleicht, und nur mit gewissen Kletterkünsten und einer Portion Risikofreude passierbar ist. Die eigentlich für Fahrräder gesperrten Tunnel, andererseits, seien zumindest Richtung Westen kein Problem für uns. „In den Tunneln gilt ein Tempolimit von 50 km/h, und nach Westen sind die durchgehend abschüssig, sodass ihr das Tempo locker halten könnt. Nur bergauf würde ich das nicht empfehlen.“ Die beiden sind heute mit ihrem Auto durch die Tunnel hochgefahren, um auf dem Fjell Rad zu fahren, doch sie sind beide auch schon die Abfahrt mit dem Rad gefahren.
Diese Information ist genau das, was wir hören wollten. Das miesepetrige Schild können wir also getrost ignorieren und unsere Reise wie gehabt fortsetzen. Es folgen noch ein paar Dutzend Kilometer durch die teilweise noch mit Schneeteppichen gespickte Berglandschaft, bevor sich vor uns das Måbødal eröffnet. Wie ein großer Riss klafft es in dem Bergplateau und offenbart tiefe Blicke in eine enge Tallandschaft, in der es wieder Bäume, Felder und Blumen gibt. Die nächsten 30 Kilometer versprechen, sehr mühelos zu werden (dieser Aussage möchten unsere Bremsen vehement widersprechen).

Der Vøringsfossen.
Auf zum nähsten Abschnitt der Reise: die Fjordlandschaft.
Auf dem Weg nach unten, der sich mit dem Worten „viel Wind im grinsenden Gesicht“ gut zusammenfassen lässt, kommen wir noch an einer Sehenswürdigkeit vorbei, die in direktem Zusammenhang zu dem steilen Tal steht: der Vøringsfossen . Dieser Wasserfall zeichnet sich durch seine Höhe von über 160 Metern aus, von der er tosend in eine Schlucht fällt. Wir legen hier eine kleine Pause ein und genießen die exquisite Aussicht zusammen mit etwas weniger exquisiten Speisen (Knäckebrot und Dosenfisch), bevor wir uns in die Tunnel wagen. Mit jeweils zwei hellen Rückleuchten am Rad, einer Warnweste auf dem Rücken und mit kalter, klammer und muffiger Tunnelluft in der Nase fahren wir durch die Röhren, die uns am Tag davor so ein Kopfzerbrechen bereitet haben. Wie ein Korkenzieher windet sich einer der Tunnel in die Tiefe, insgesamt weicht der Gradient der Straße nicht signifikant von abschüssigen 8% ab. Wir lassen die Finger von den Bremsen und rauschen ins Tal.
Im Nu sind wir also am Ufer des Eidfjords. Gerade haben wir noch von der Tundra aus ins tiefe Tal geschaut, jetzt stehen wir unten und begutachten die kolossalen, nackten Granitwände, die überall um uns herum in die Höhe ragen. Kaum zu glauben, dass wir gerade erst da oben standen. „Jetzt wird es wahrscheinlich erstmal viel flacher für uns, wir fahren ja nur am Fjordufer entlang“ informiere ich Josi mit einem ahnungslosen, fehlgeleiteten Optimismus.

Bevor wir in die Berge fahren führen uns Waldwege oft zu guten Stellen zum Wildcampen.

Einen Abend verbringen wir im Garten eines älteres Paares, die uns spotan am Straßenrand zum Zelten in ihrem Garten einladen.

Esra sowieso.

Die Straße im Gauset-Tal.

Irgendwann geht es auf Schotter weiter.

Frühstückszeit!

Wir campen in den ersten zehn Nächten immer so, wie es spontan passt.

Geschafft!

Ein Schild informiert uns über die kommenden Höhenmeter.

Wir können fast jeden Tag baden.

Hier ist die Aussicht besonders schön.

Die sommerlichen Temperaturen setzen dem Restschnee schwer zu.

Im Tal angekommen. Jetzt schauen wir hoch, nicht mehr runter.
Slowenien – Auslandssemester in Ljubljana
Auslandssemester in Ljubljana, Slowenien
Auslandssemester in der Corona-Krise
Ein Semester im Ausland zu verbringen ist für sich schon eine aufregende Vorstellung, selbst ohne die Rahmenhandlung einer anhaltenden globalen Pandemie. Entsprechend unentschieden war ich auch, als ich mich vergangen September entschied, trotz europaweiter Bewegungseinschränkungen und drohender Lockdown-Maßnahmen, meinen schon lange geplanten universitären Auslandsaufenthalt in Slowenien anzutreten. Wie schlimm könnte es schon kommen? Außerdem würde ich zuhause sowieso nicht viel verpassen, womit ich mich nicht im digitalen Sommersemester in Mainz schon herumgeschlagen hätte.
Blick von der „Drachenbrücke“ im Stadtkern von Ljubljana
Franziskanerkirche am Prešeren Square
Semesterbeginn in Ljubljana
Das Leben in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens, fing für mich mit positiven Aussichten an. Ich hatte mich in einer Hausgemeinschaft eingemietet, welche spezifisch an international Studierende gerichtet war. So fand ich mich, selbst wenn das anderweitige Sozialleben durch die Pandemie stark beeinträchtig war, in der Gesellschaft einer bunten Truppe Studenten und international Schaffender aus ganz Europa wieder.
Slowenien hatte die erste Welle der Pandemie durch schnelles Handeln heil überstanden, die Infektionszahlen wahren niedrig und der universitäre Unterricht war zumindest in Teilpräsens geplant. Eine willkommene Abwechslung nach dem monatelangem Onlineunterricht in Mainz.
Der Optimismus hielt sich aber nicht lange, und nach nur einer Woche regulärer Präsenz und dem besorgniserregenden Anstieg der Fallzahlen, verhängte die lokale Regierung einen zweiwöchigen harten Lockdown. Alle – bis auf die essenziellen Geschäfte – wurden geschlossen, eine nächtliche Ausgangsperre verhängt, und die Ausreise erst aus der Region, dann aus der Stadt selbst kontrolliert und eingeschränkt.
Von dort an folgte im Wochentakt entweder eine Verschärfung der Maßnahmen oder die Verlängerung des Lockdowns, welcher sich bis Anfang Februar halten sollte.
Prächtiger Ginko auf dem Fakultätsgelände
Weihnachtsbeleuchtung in der Altstadt
Der Drache ist das Wappentier von Ljubljana und überall in der Stadt anzutreffen
Erasmus-WG im Lockdown
Somit hat es sich dann ergeben, dass ich mich auch im Wintersemester fast vollständig digital mit der Universität auseinandersetzen würde, und all meine Seminare über Zoom stattfanden. Glücklicherweise waren meine Dozenten in Slowenien gut auf die Möglichkeit eines weiteren Lockdowns vorbereitet gewesen, und gaben jeweils ihr Bestes, um uns auch ohne direkten Kontakt ein gutes Lehrangebot zu bieten. Da ich nur zwei Kurse wählen konnte, welche sich direkt mit meinen Fachanforderungen in Deutschland deckten, hatte ich die Freiheit, weitere Seminare rein nach Interesse zu belegen. So konnte ich etwa auch einen Block über chinesische Kunst belegen, oder in Fakultäten über die heimischen Fachgebiete hinaus schnüffeln. Impulse, welche ich in Mainz bisher nicht so deutlich wahrgenommen hatte.
Authentisches Erasmus Erlebnis trotz Corona Krise
Trotz der vielen Einschränkungen bekam ich durch das WG-Leben dann auch doch noch eine Idee der authentischen Erasmus-Experience. Durch den Lockdown konnte unsere Hausgemeinschaft selten ausgehen, also saßen wir oft gemeinsam in den Küchen, versammelten uns an den Wochenenden zum kommunalen Kochen und Trinken, und frönten allgemein dem entspannten Umgang. Da wir alle aus verschiedenen Ecken Europas kamen, aber in der gleichen Situation feststeckten, war ein guter Rahmen gegeben, um tolle Menschen kennen zu lernen und Freundschaften zu knüpfen.
Es stellte sich heraus, dass ich ein Apartment mit einer weiteren Mainzerin, sowie einer Studentin aus der Slowakei teilte, und dass wir alle drei unsere Freude am Kochen hatten. Da sämtliche Bars und die meisten Geschäfte geschlossen hatten, und auch Ausflüge außerhalb der Stadt untersagt waren, investierten unsere freigewordenen Stipendiengelder freudig in gutes Essen und kulinarische Genussmittel aus dem nahegelegenen französischen Supermarkt, Asia-Läden und den Takeaways unserer Wahl. Die gastronomischen Eskapaden belohnten uns auch mit einigen der besten Erinnerungen aus dem Semester, wie etwa dem einen oder anderen entspannten Gyoza-Abend, riesigen Pizzen oder aufwendigem Brunch. So erntete unsere Wohnung schließlich auch die Bezeichnung des „Gourmet-Apartments“ von der Hausgemeinschaft.
Foccacia, beim gemeinschaftlichen Zusammensitzen immer wieder gerne gesehen
Das „Green Captial“ Ljubljana
Auch wenn ich gerne öfter die Gelegenheit dazu gehabt hätte das weitere Land zu erkunden, war auch Ljubljana selbst ein angenehmer Ort, um dem Lockdown auszusitzen. Die Stadt bleibt mit ihren knapp 300.000 Einwohnern sehr überschaubar, und ist problemlos mit dem Fahrrad zu erschließen. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel waren im Notfall unkompliziert und günstig zu benutzen. Durch die Maßnahmen waren zwar fast alle Restaurants geschlossen, und auch zu Studienzwecken musste man dank der digitalen Lehre selten an die Fakultäten, aber trotzdem waren die alten Straßen und Parks immer wieder einen Spaziergang wert.
Ljubljana ist eine sehr grüne Stadt; kaum einen Kilometer hinter unserer Bleibe in den Suburbs etwa öffneten sich die Laufwege in einen dichten Wald aus Kiefern und Eichen. Hier konnte man fast vergessen, dass man sich nur wenige Minuten von der nächsten Hauptstraße entfernt befand. Perfekt für einen schnellen Tapetenwechsel – um den eigenen vier Wänden zu entkommen, das Unterholz zu durchforsten und die Waldluft zu genießen.
Die Innenstadt Ljubljanas
Auch die eigentliche Innenstadt Ljubljanas ist erfrischend grün und gut ausgebaut – durchzogen von Bäumen und Parks, von historischen Fassaden, zahlreichen Brücken und architektonischen Sehenswürdigkeiten. Kein Wunder also, dass die Stadt 2016 zum European Green Captial erkoren wurde. „Green“ trifft auch auf das weitere Slowenien zu, denn die Fläche des Landes ist zu gut 60 Prozent mit Wald bedeckt. Vom zentral gelegenen Tivoli-Park aus, selbst beliebter Freizeit- und Hiking-Spot für Touristen und Anwohner, öffnet sich unmittelbar ein ganzes Netzwerk an Wanderwegen in die umliegenden slowenischen Alpen, und man ist in kürzester Zeit in der Natur. So konnte mir auch die ein oder andere kurze Fahrradtour außerhalb der Stadtgrenzen schon das Gefühl vermittelt, in einer anderen, alpin-romantischen Welt gelandet zu sein – schneebedeckte Gipfel am Horizont, dichte Eichenwälder und schnuckeligen Kirchen auf Hügelspitzen soweit das Auge reicht.
Slowenische Hügellandschaft
Die slowenische Landschaft
Gegen Ende meiner Zeit in Slowenien wurden der Lockdown dann endlich etwas gelockert. Es war uns wieder erlaubt die Kommune zu verlassen, und wir nutzten das Auto einer Mitbewohnerin, um einige weiter entfernte Ecken des Landes zu erkunden. Während der Winter im Flachland Ljubljanas eher trist und verregnet daherkam, grüßten uns die Bergspitzen mit reichlich Schnee und phänomenalen Ausblicken. Schon auf dem Weg zu den Eventzielen konnte das Land mit pittoresken Alpenlandschaften beeindrucken, gespickt von tiefblauen Seen und weiten Weidenlandschaften. Das Wandern scheint in Slowenien allgemein ein Volkssport zu sein, also hatten wir keine Probleme damit, genügende Infrastruktur und Inspiration für Touren zu finden.
Die Berge Sloweniens sind im Winter tief eingeschneit – hier bei Velika Planina
Wanderung nach Krim, Slowenien
Besonders eine Wanderung nach Krim halte ich in guter Erinnerung, einem Berg im Umfeld von Ljubljana, welcher schon von unserer Haustür aus ersichtlich war. Ich und einige Mitbewohner hatten den ganzen Winter über ein Auge auf den Gipfel geworfen, und uns über den Lockdown fest vorgenommen, ihn vor der Abfahrt mindestens einmal zu erklimmen. Nach einigen Lockerungen und der Überstandenen Prüfungsphase konnten wir die Stadt schließlich auch wieder verlassen, und begaben uns morgens in der Früh, nach kurzer Anfahrt, auf die dreistündige Wanderung zur Spitze. Der Plan war es, rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf der Aussichtsplattformen zu stehen. Oben angekommen begrüßte uns dann das atemberaubende Nebelmeer, welches morgens die slowenischen Märsche bedeckt; ein unvergleichbares Stimmungsbild, und ein Highlight der Reise, nicht zuletzt wegen der wundervollen Menschen, die mich auf den Wanderungen begleitet haben.
Ausblick vom Krimberg
Empfehlenswert – Auslandssemster in Slowenien
Letztendlich war mein Semester in Slowenien also auch trotz der strengen Maßnahmen und einem primär digitalen Semester eine unglaublich bereichernde Erfahrung, sowohl akademisch als auch in persönlicher Hinsicht, und ich bin froh, es durchgezogen zu haben. Ein Land im Urlaub zu bereisen ist eine schöne Sache, aber es ist noch einmal etwas Anderes, tatsächlich dort zu Leben und einen neuen Alltag aufzubauen; mit den Leuten, die man dabei auf ganz eigene Weise kennen lernt, und den Orten, mit denen man täglich interagiert. Ich möchte das Erlebnis auf jeden Fall nicht missen, und weiß schon jetzt, dass ich in Zukunft zurückkehren werde.
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Softwaretipp: Mit FreeCommander XE und TeraCopy Daten übersichtlich verwalten
Aktualisiert im Mai 2021
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Winterliche Allee in Schweden
Wir haben den Artikel im April und Mai 2021 ausführlich überarbeitet und aktualisiert!
FreeCommander XE und TeraCopy
Oft fragen uns Freunde, ob wir ihnen helfen können, ihre Bilddaten auf dem Rechner wieder zu finden. Wir quälen uns dann mit dem vorinstallierten Windows Explorer herum, der nur ein Ordnerfenster hat. Ja, klar, mit dem Windows Explorer würden wir auch den Überblick verlieren.
Schon seit Jahren nutzen wir deshalb den kostenlosen Dateiexplorer FreeCommander und wir möchten ihn NIE wieder missen! Vor allem in der Kombination mit der Freeware Tera Copy macht die Organisation der Daten sogar Spaß. Warum diese beiden Programme so enorm hilfreich für die Übersichtlichkeit sind, beschreiben wir dir in diesem Blogbeitrag.
Zusätzlich zeigen wir dir kurz deren Installation und Konfiguration, damit du direkt mit den Programmen zurecht kommst. Du wirst dich wundern, wie genial es sich anfühlt, wenn du endlich einen richtigen Überblick hast.
Und los geht’s…
1. FreeCommander XE
Der FreeCommander XE ersetzt nicht nur den Windows-Explorer, er bringt auch eine Reihe Funktionen mit, die der Windows-Explorer schmerzlich vermissen lässt. (Dein Windows-Explorer bleibt natürlich auf dem Rechner und du kannst ihn weiterhin nutzen).
Hier die Hauptvorteile des FreeCommanders:
FreeCommander mit Baumansicht der Ordner-Favoriten
Der Freecommander lässt sich außerdem extrem ausführlich an die eigenen Vorlieben und Gewohnheiten anpassen. Egal ob Spaltenauswahl, Farbgebung, Schriftgrößen, Befehle in der Werkzeugleiste, alles kannst du auf deine persönlichen Vorlieben ausrichten.
Einstellungen für Darstellung des FreeCommanders
Wir nutzen den Freecommander hauptsächlich zum
Natürlich kann der Freecommander noch viel mehr. Unter https://freecommander.com/de/details-2/ findest du eine ziemlich komplette Liste mit allen Funktionen und Features. Da ist vielleicht das Eine oder Andere noch dabei, was dich interessiert.
Dateien mit dem Freecommander synchonisieren
Daten auf Computer und Netzlaufwerk synchronisieren mit Freecommander
Baumansicht eines Fensters
Ausschnitt von der Freecommander-Ansicht
So kannst du dir deine Dateien mit dem FreeCommander anzeigen lassen:
FreeCommander Dark Style – Layout
2. TeraCopy
Kennst du das? Du willst einen großen Ordner mit Fotos kopieren, startest den Kopiervorgang und dann kannst du erstmal nichts weiter am Explorer arbeiten, weil er mit dem Kopieren beschäftigt ist. Nach der Tasse Kaffee, die du dir gegönnt hast, um die Wartezeit zu überbrücken, kommt du an den Bildschirm und siehst: Der Kopiervorgang wurde aufgrund eines Fehlers unterbrochen. Also, Fehler suchen und wieder den Kopiervorgang starten. Das kostet so wahnsinnig viel Zeit. Sowas würde dir mit dem kostenlosen Programm TeraCopy nicht passieren. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich die Arbeit mit unseren enormen Datenmengen ohne dieses praktische Tool schaffen würde. Soviel Kaffee könnte ich gar nicht trinken.
TeraCopy ist ein sehr schnelles Kopier-Tool, das während des Kopierens die Arbeit mit dem Datei-Manager nicht blockiert und Kopierprobleme erst hinten anstellt, also nicht einfach abbricht. Mehrere Kopiervorgänge lassen sich gleichzeitig starten und werden nacheinender abgearbeitet. Für sehr umfangreiche Kopieraufgaben kann TeraCopy nach Erledigung den PC auch spät in der Nacht selbsttätig herunterfahren. TeraCopy lässt sich als Standardkopierer in den FreeCommander integrieren, so dass es nicht extra aufgerufen werden muss.
Teracopy Version 3.6, viel Information auf einen Blick, es geht aber auch kompakter
Installationsanleitung: FreeCommander und TeraCopy
Ohne vernünftige Installation und Einrichtung können auch die besten Programme nicht gescheit funktionieren und verursachen unnötigen Frust. Deshalb zeigen wir dir hier unsere Schritt-für-Schritt-Anleitung für einen guten Start.
„Mit der richtigen Vorbereitung spart man eine Menge Arbeit hinterher“
(https://FreeCommander.com/downloads/FreeCommanderXE-32-de-public_setup.zip)
Aus dem geöffnetem zip-Ordner kopierst du die FreeCommander.ini-Datei und fügst sie in dein FreeCommanderXE-Verzeichnis ein. Das findest du einfach im FreeCommander-Menü unter Hilfe im Untermenü: Über unter Pfade. Du klickst den Pfad zur .ini-Datei an und kopierst die neue freecommander.ini in den FreeCommanderXE-Ordner. Dabei überschreibst du die eventuell existierende FreeCommander.ini.
Jetzt schließt du den FreeCommander uns startest ihn neu. Die Cannot create file-Meldung bestätigst du einfach. (Schau dir den Screenshot unten an!)
Im Fenster unter Hilfe-Über findest du den Pfad zum ini-Verzeichnis, den du direkt anklicken kannst
TeraCopy Installation
Damit werden alle Kopier- und Verschiebevorgänge von TeraCopy ausgeführt und FreeCommander wird nicht mehr durch interene Kopiervorgänge ausgebremst. Du kannst mehrere Kopiervorgänge auf einmal anstoßen und sparst viel Zeit.
Die FreeCommander-Einstellungen für die korrekte Darstellung auf hochauflösenden Monitoren:
FreeCommander Installation – unbedingt als Administrator anklicken!
FreeCommander Installation – bei hoher Bildschirmauflösung wichtige Einstellung!
Ein Tipp zum Verhindern von versehentlichem Verschieben von Ordnern
Sehr leicht verschiebt sich ein Ordner, den du versehentlich mit der Maus angepackt hast. Der ist dann scheinbar weg oder sogar gelöscht. Meist aber versteckt er sich in einem benachbarten Ordner, du musst ihn erst wieder finden. Selbst wenn du den Ordner mit der Maus festgehalten hast und ihn wieder auf seinen Ausgangspunkt legen willst, hat damit eventuell den Ordnerinhalt in einen neu angelegten Unterordner verschoben.
Das ist sehr lästig, und das kann dir leicht mit allen Datei-Explorern, auch dem Standard-Windows-Explorer passieren. Um das zu vermeiden, lässt sich entweder in den Freecommander-Einstellungen (Datei-/Ordner-Funktionen – Drag&Drop – Pop up Menü…) oder wahlweise in den TeraCopy Optionen (Confirm Drag & Drop) die Bestätigung für Kopier-/Verschiebe-Aktionen aktivieren.
Wenn du jetzt Ordner bewusst oder aus Versehen verschiebst, poppt vor der Ausführung ein Info-Fenster auf, in dem du die Aktion bestätigen musst. Das gibt dir die Gelegenheit, den Vorgang abzubrechen.
In unserer zum Download bereitgestellten Einstellungs-Datei (https://www.5reicherts.com/Downloads/FreeCommanderSimple.zip) ist die Bestätigungsmeldung bereits aktiviert.
Online-Hilfe FreeCommander
Noch ein Extra-Tipp: Der Fast Folder Eraser
Und noch ein letzter Hinweis: willst du größere Mengen an Dateien und Ordnern löschen, ohne dass dein Dateimanager in der Zeit lahmgelegt ist, dann lade dir das kleine Freeware-Programm „Fast Folder Eraser“ herunter. Der FastFolderEraser löscht die gewählten Daten dezent im Hintergrund.
Mir hat das Tool schon sehr geholfen beim Löschen von alten Lightroom Katalogen. Ein Lightroom Katalog produziert tausende, sehr kleine Datein, die schwierig zu löschen sind.
Fast Folder Eraser
Das war’s dann schon mit der Installation und Einrichtung von FreeCommander und TeraCopy. In einem weiteren Beitrag werden wir die verschiedenen Funktionen und deren Anwendung behandeln.
Freilernen und soziale Kontakte – kein Widerspruch
Freilernen und soziale Kontakte – ein Widerspruch? – Vom Leben lernen
Dies ist ein Artikel aus dem Jahr 2015.
Eine der Fragen, die Freilerner und Homeschooler am häufigsten zu hören bekommen, ist die nach den sozialen Kontakten. Viele Menschen glauben, dass Jugendliche zusammen mit 30 Gleichaltrigen in einem Klassenzimmer sitzen müssen, ansonsten verkümmern sie sozial und werden zu Sonderlingen ohne Freunde.
Ich dachte, ich schreibe mal etwas zu diesem Thema, immerhin wird dieser Glaube von vielen vertreten.
Ich habe einen sehr bunten Freundeskreis, in dem sich viele andere Freilerner befinden, aber auch „normale“ Leute jeden Alters. Ich lerne neue Leute auf Reisen kennen, auf Feiern, in Vereinen, auf Konzerten oder im Internet (oft sind es andere Freilerner, die sich über das Lernen austauschen wollen). Ich brauche die Schule dafür nicht.
Weniger Zeit mit anderen, dafür aber bessere Zeit
Der große Unterschied zwischen meinem jetzigen sozialen Leben und meiner Schulzeit ist, dass ich mir nun selbst aussuchen darf, mit wem ich meine Zeit verbringe. Ich sitze nicht mehr zusammen mit 30 zufälligen Menschen die Zeit ab, von denen mir nur eine Handvoll sympathisch sind. Meine jetzigen Freunde haben viel mehr gemeinsam mit mir als nur das Klassenzimmer. Ich kann mich mit den Menschen austauschen, die ähnliche Interessen haben.
In meiner Schulzeit habe ich zwar mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbracht als nun. Allerdings ist die Qualität der Zeit, die ich jetzt mit meinen Freunden verbringe, viel höher. Wir schlagen nicht zusammen die Zeit tot, wir unternehmen lieber etwas, machen Projekte oder unterhalten uns ungestört, statt dem Takt der Schule zu folgen. Übrigens geben andere Freilerner erstklassige Freunde ab, denn sie haben auch enorm viel Zeit zu ihrer Verfügung und sind daher eher für interessante Projekte zu haben. Man kann problemlos mehrere Tage oder gar Wochen oder Monate zusammen verbringen und diese Zeit nach belieben mit Aktivitäten füllen.
Dass Schule ein vortrefflicher Ort sei um neue Freunde zu finden und alte zu treffen kann sowieso nicht jeder Schüler bestätigen. Viele werden gemobbt oder fühlen sich der Klassengemeinschaft nicht zugehörig, aus welchem Grund auch immer. Wer ein wenig anders ist, wird schnell zum Außenseiter.
Warum wird eigentlich so ein Wert auf soziale Kontakte im gleichen Alter gelegt?
Ich bin zufrieden mit meinem Freundeskreis aus Leuten aller Altersgruppen. Im „echten Leben“ hat man immerhin auch nicht nur mit Menschen zu tun, die im gleichen Jahr geboren sind wie man selbst. In einem gemischten Umfeld kann man von den Älteren lernen und bekommt einen Sinn für Verantwortung, wenn man den Jüngeren hilft. Von Gleichaltrigen lernt man meist nichts – man lernt mit ihnen, aber das ist etwas anderes.
Alle Freilerner, die ich kenne (und es sind schon einige) sind aufgeschlossene, freundliche Leute mit einem gesunden Freundeskreis.
Es gibt natürlich auch solche Freilerner, die nicht sonderlich viel mit anderen Menschen am Hut haben und selbst ihr bester Freund sind. Das hat allerdings nichts mit Vereinsamung zu tun. Meist sind das genau die, die auch in der Schule immer einen kleinen Freundeskreis hatten und sich unter zu vielen Menschen unwohl fühlten. Manche Menschen sind mit weniger sozialer Interaktion zufrieden als andere.
Klar muss man auch mal schlechte Erfahrungen machen – aber jeden Tag?
Dann gibt es da noch eines meiner „Lieblingsargumente“: „Aber es ist nicht gut, wenn man sich seine Freunde immer selbst aussucht. Man muss auch lernen, mit Leuten umzugehen, die man nicht mag“
Ja, das zu lernen ist sicherlich wichtig. Aber muss ich wirklich Jahre lang jeden Schultag lernen, dass ich mir im Leben nicht aussuchen kann, mit wem ich meine Zeit verbringe? Das kann ich nämlich. Wer Jahrzehnte lang mit Leuten zusammenarbeitet, die er absolut nicht ausstehen kann, hat irgendwas falsch gemacht.
Im Alltag kann man sehr wohl auch unangenehme Erfahrungen mit meinen Mitmenschen machen und daraus lernen. Dazu muss ich nicht in die Schule gehen.
Ich will natürlich nicht sagen, dass man in der Schule zwangsläufig schlechte Erfahrungen machen muss. Natürlich nicht. Aber es gibt eben auch einige, die jeden Tag schlechte Erfahrungen machen müssen.
Wenn ich mir andere Freilerner anschaue, bestätigt sich immer wieder: Man muss nicht in die Schule gehen, um Freunde zu haben und sozial kompetent zu sein. Die Freundschaften werden eher besser, wenn sie nicht mehr davon diktiert werden, mit wem man wann im selben Klassenzimmr sitzt.
Auf dem Foto am Anfan des Beitrags sind ein paar meiner Freunde und ich zu sehen, allesamt Freilerner bis auf Andrew, der Schwarzhaarige in der Mitte.
Esra Reichert
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Mit dem Rad durch Südnorwegen
Mit dem Rad durch Südnorwegen – wie Esra & Josi im Sommer das Fjell erkundeten
Eine 1600 Kilometer lange Rundreise mit Rad und Zelt war letzten August das Beste, was uns trotz Coronapandemie eingefallen ist. Also packten wir spontan die Radtaschen und zogen los, so lange das Reisen möglich war.
Josis Liebe zu Höhenmetern
Es ist August, und obwohl wir in Norwegen sind scheint uns bei 27 °C die Sonne auf die Fahrradhelme, während wir langsam das Gauset-Tal am Fuße des Hardangervidda-Bergplateaus hinter uns lassen. „Ich liebe es, Berge hochzufahren!“ teilt mir Josi mit, sichtlich außer Atem. Alle Indizien der bisherigen drei Tage auf Tour sprechen entschieden gegen diese Aussage, doch sie beharrt darauf. Sie wolle ihre Sichtweise auf Anstiege ändern, und als ersten Schritt hat sie beschlossen, nicht mehr negativ auf steile oder langwierige Bergstraßen zu reagieren. Stattdessen ruft sie ab jetzt jedes Mal, wenn sich ein besonders fieser Abschnitt nach einer Kurve präsentiert „Ah, super!“ oder „Da freu ich mich drauf.“
Josi liebt Höhenmeter.
Was als humorvoller Selbstbetrug startet, entfaltet bald eine unerwartet performative Wirkung. Nach ein paar Tagen kann ich ihr fast glauben, dass sie gerne mit mir Steigungen hochfährt. Es hilft natürlich, dass Berge hochzufahren tatsächlich einige schöne Seiten hat: Wir sehen innerhalb von 20 Kilometern einen Landschaftswechsel von dichten Wäldern zur kargen subpolaren Bergtundra, was sehr spannend zu beobachten ist. Oben angekommen breitet sich die stolze Genugtuung nach getaner Arbeit aus, wenn wir weit ins Tal hinabschauen, aus dem wir kamen. Dann sind da die Aussichten, die wir als hügelscheue Radler nicht genießen könnten. Und natürlich die langen, rasanten Abfahrten, die nochmal ein ganz eigener Spaß für sich sind.
Doch zurück zum Gauset-Tal: wir fahren den Anstieg rauf, weil wir nach unserem Start in Oslo zur Hardangervidda wollen, dem größten Bergplateau Europas. Unsere Route lassen wir spontan entstehen, und diese Routen-Idee kam uns am Tag zuvor. Was wir oben vorfinden werden ist kalkuliert ungewiss – zwar endet die Straße irgendwann im Nirgendwo, doch es soll einige vielversprechende Pfade jenseits der Schotterpisten geben. Der Anstieg ist mit all unserem Gepäck ausgesprochen anstrengend, einmal entscheidet sich Josi sogar für ein zehnminütiges Nickerchen am Straßenrand, um Kräfte zu regenerieren. Damit vorbeikommende Autofahrer die Szene nicht als Notfall interpretieren, stehe ich bereit, um Josi aufzuscheuchen, falls sich Motorengeräusche nähern. Aber hier fährt zum Glück sowieso kaum jemand entlang.
Ein sehr notwendinges Straßenrandnickerchen.
Wir erreichen 1.000 m über dem Meer, hier ist Schluss mit Bäumen und das Sonnenlicht geht mittlerweile auch rapide zur Neige. Woran es nicht im Geringsten mangelt sind Stechmücken – die karge, sumpfige Landschaft brütet diese Biester in raren Mengen aus. So haben wir zwar einen wunderschönen wild liegenden Zeltplatz, können ihn aber nicht genießen, ohne gefressen zu werden. Unser Mückenschutzmittel stemmt sich vergebens gegen die Wolke aus Mücken, uns bleibt nur der taktische Rückzug ins Zelt. Egal, wir sind sowieso todmüde, also essen wir schnell was und gehen früh ins Bett.
Der Platz sah zwar nett aus, war aber mückenverseucht.
Kleine Erzfeinde der Camper.
Kann man sich eigentlich verfahren, wenn der Weg das Ziel ist?
Am nächsten Morgen bringen wir die letzten hundert Höhenmeter hinter uns und genießen das herrliche Wetter in dieser eigentlich unwirtlichen Landschaft. Die mickrige, gekrümmte und vor allem karge Vegetation lässt uns wissen, dass hier normalerweise nicht 27 °C bei blauem Himmel herrschen. Viele Norwegerinnen und Norweger hat es an diesem Augusttag auch aufs Fjell verschlagen, die Menschen wandern, fahren zu ihren Booten auf den Bergseen oder sammeln Moltebeeren.
Schöne Aussichten auf der Hardangervidda.
Wir sind nicht auf der Suche nach Beeren, sondern nach einem Weg, der uns Richtung Westen führt. Geduldig fahren wir die Schotterstraßen ab, finden aber statt weiterführenden Quad-Wegen (die auf einigen Karten eingezeichnet waren, und auf denen wir sicherlich 20 mühselige Kilometer bis zur nächsten befestigten Straße geschafft hätten) nur schlammige Wanderpfade. Hmm. Die andere Option, einen der größeren Seen hier oben per Fährservice auf einem kleinen Boot zu überqueren, scheitert an der Aussage eines Wanderers, dass am anderen Ende des Sees seines Wissens nach auch keine weiteren Wege existieren.
Tja. Das hätten wir wohl besser recherchieren können. Mir macht es nicht so viel aus wie Josi, dass wir eine Sackgasse hochgefahren sind. Da unser Start- und Endpunkt Oslo ist und wir sowieso einfach eine große Rundtour aus Spaß am Radfahren machen, sind ein paar Extrakilometer keine Tragödie. Josi sieht das anders: „Wenn ich schon über tausend Höhenmeter hochfahre, dann soll das gefälligst auch irgendwo hinführen! Du willst mir nicht sagen, dass wir den ganzen Anstieg von gestern jetzt wieder runterfahren können?!“
„Ähm… doch. Tut mir leid, ich dachte…“
„Dann hast du falsch gedacht!“
Viel erfreuter wird Josi nicht, als ich ihr auf der Karte zeige, dass wir einfach das „falsche“ Tal hochgefahren sind, und dass das nächste Tal, fünf Kilometer weiter östlich, auf eine schöne asphaltierte Straße über das Fjell führt. Meine einzige Verteidigung ist: „Du hast doch gesagt, Du liebst jetzt Höhenmeter?“
Im Tal neben dem Gauset-Tal geht es asphaltiert bis oben.
Nachdem ich also gelernt habe, dass Josi die Höhenmeter nur unter der Kondition liebt, dass diese auch irgendwo hinführen, gebe ich mein Bestes, die Route vorsichtiger zu planen. Die Tage auf dem Fjell sind wunderschön, wir haben durchweg das beste Wetter und genießen grandiose Aussichten hinter jeder Kurve. Jeden Tag sammeln wir im Schnitt 1.500 Höhenmeter, weil die Straßen immer wieder vom Plateau herunter und sofort wieder rauf führen, aber wir machen auch viele Pausen und finden sogar zahlreiche Gelegenheiten, in Flüssen oder Bergseen zu baden. Das eiskalte Wasser ist aber nur durch die unnatürlich hohe Umgebungstemperatur irgendwie erträglich.
Dieses Wasser ist wirklich sehr frisch.
Da die Hardangervidda für einen Großteil des Jahres eine lebensfeindliche Schneelandschaft ist, ziehen es die meisten Menschen vor, sie zu besuchen, statt auf ihr zu leben. Private Ferienhütten sehen wir überall, als wären sie mit einem gigantischen Pfefferstreuer entlang der befahrbaren Wege verstreut worden. Dauerhaft bewohnte Siedlungen sind andererseits eine Seltenheit, und nur hie und da in Tälern zu finden. Das Fernstraßennetz ist ebenso geprägt von seiner Umwelt und daher nicht unglaublich komplex – um die Fjordlandschaft im Westen zu erreichen, haben wir genau eine Straße zur Auswahl: Die E7. Doch obwohl wir uns tagelang auf der einzigen Verkehrsader weit und breit bewegen, ist das Radfahren hier entspannt, Autofahrer lassen fast alle beim Überholen reichlich Platz, und manchmal werden wir bei steilen Steigungen angefeuert oder bekommen einen Daumen hoch von den Kollegen auf dem Motorrad.
Die E7. Die Stäbe helfen im Winter dabei, die Straße wiederzufinden.
Unliebsame Mitteilungen
Unsere Freude, dass wir hier so ungestört Radfahren können, wird von einem großen Schild in der kleinen Ortschaft Haugastøl ausgelacht. Zynisch teilt uns das Schild mit, dass in 50 Kilometern mehrere Tunnel kommen werden, die für Radfahrer gesperrt sind, und dass die Radwege um die Tunnel herum wegen Steinschlag gesperrt sind. Alternativen gibt es keine, abgesehen von einem mehrere hundert Kilometer langen Umweg mit groben Schotterpisten und der Option, 200 Kilometer zurück zu fahren, wo wir herkamen. Super! Wir spazieren in das Hotel, welches neben dem unerfreulichen Schild steht, und erkundigen uns an der Rezeption nach der Lage. „Ach, das steht da schon seit ein paar Jahren, ich weiß nicht, ob das jemals behoben wird“, teil uns die Dame mit.
Wir entscheiden uns, die Lage bei einem Kaffee zu reevaluieren. So viel wir die Landkarte auch drehen und wenden, es tauchen einfach keine weiteren Straßen auf ihr auf, und Google Maps beharrt ebenso stoisch darauf, dass wir doch einfach einen kleinen Umweg von vier Tagen nehmen sollen. Da wir aber die Fähre nach Hause bereits gebucht haben und deswegen in zweieinhalb Wochen wieder in Oslo sein müssen, können wir nicht auf gut Glück eine halbe Woche an Umwegen einbauen. Während wir so die Karte studieren und das Schild verfluchen, hören wir das Klicken von zwei sehr teuren Fahrrad-Freiläufen näherkommen. Das Geräusch gehört zu zwei obszön teuren Rennrädern, deren Fahrer aus der „verbotenen“ Richtung kommen und genau wie wir eine Kaffeepause einlegen wollen.
„Könnt ihr uns vielleicht etwas über die Situation mit dem gesperrten Radweg sagen?“ frage ich die beiden, nachdem ich ein Kompliment in Richtung ihrer leichten, eleganten Karbonräder gemacht habe (nach einer Weile auf einem vollbeladenen Reiserad lösen solche Rennräder sehnsüchtige Gefühle in mir aus).
„Ach, das mit den Tunneln ist schon länger so“ kommentiert einer der beiden und bestätigt, was die Rezeptionistin sagte. „Aber ihr habt sicher Licht dabei, oder?“
Er erklärt uns, dass der Radweg tatsächlich einer Schutthalde in einem Steinbruch gleicht, und nur mit gewissen Kletterkünsten und einer Portion Risikofreude passierbar ist. Die eigentlich für Fahrräder gesperrten Tunnel, andererseits, seien zumindest Richtung Westen kein Problem für uns. „In den Tunneln gilt ein Tempolimit von 50 km/h, und nach Westen sind die durchgehend abschüssig, sodass ihr das Tempo locker halten könnt. Nur bergauf würde ich das nicht empfehlen.“ Die beiden sind heute mit ihrem Auto durch die Tunnel hochgefahren, um auf dem Fjell Rad zu fahren, doch sie sind beide auch schon die Abfahrt mit dem Rad gefahren.
Diese Information ist genau das, was wir hören wollten. Das miesepetrige Schild können wir also getrost ignorieren und unsere Reise wie gehabt fortsetzen. Es folgen noch ein paar Dutzend Kilometer durch die teilweise noch mit Schneeteppichen gespickte Berglandschaft, bevor sich vor uns das Måbødal eröffnet. Wie ein großer Riss klafft es in dem Bergplateau und offenbart tiefe Blicke in eine enge Tallandschaft, in der es wieder Bäume, Felder und Blumen gibt. Die nächsten 30 Kilometer versprechen, sehr mühelos zu werden (dieser Aussage möchten unsere Bremsen vehement widersprechen).
Der Vøringsfossen.
Auf zum nähsten Abschnitt der Reise: die Fjordlandschaft.
Auf dem Weg nach unten, der sich mit dem Worten „viel Wind im grinsenden Gesicht“ gut zusammenfassen lässt, kommen wir noch an einer Sehenswürdigkeit vorbei, die in direktem Zusammenhang zu dem steilen Tal steht: der Vøringsfossen . Dieser Wasserfall zeichnet sich durch seine Höhe von über 160 Metern aus, von der er tosend in eine Schlucht fällt. Wir legen hier eine kleine Pause ein und genießen die exquisite Aussicht zusammen mit etwas weniger exquisiten Speisen (Knäckebrot und Dosenfisch), bevor wir uns in die Tunnel wagen. Mit jeweils zwei hellen Rückleuchten am Rad, einer Warnweste auf dem Rücken und mit kalter, klammer und muffiger Tunnelluft in der Nase fahren wir durch die Röhren, die uns am Tag davor so ein Kopfzerbrechen bereitet haben. Wie ein Korkenzieher windet sich einer der Tunnel in die Tiefe, insgesamt weicht der Gradient der Straße nicht signifikant von abschüssigen 8% ab. Wir lassen die Finger von den Bremsen und rauschen ins Tal.
Im Nu sind wir also am Ufer des Eidfjords. Gerade haben wir noch von der Tundra aus ins tiefe Tal geschaut, jetzt stehen wir unten und begutachten die kolossalen, nackten Granitwände, die überall um uns herum in die Höhe ragen. Kaum zu glauben, dass wir gerade erst da oben standen. „Jetzt wird es wahrscheinlich erstmal viel flacher für uns, wir fahren ja nur am Fjordufer entlang“ informiere ich Josi mit einem ahnungslosen, fehlgeleiteten Optimismus.