Beiträge
Mit dem Rad durch Südnorwegen – wie Esra & Josi im Sommer das Fjell erkundeten
Eine 1600 Kilometer lange Rundreise mit Rad und Zelt war letzten August das Beste, was uns trotz Coronapandemie eingefallen ist. Also packten wir spontan die Radtaschen und zogen los, so lange das Reisen möglich war.
Josis Liebe zu Höhenmetern
Es ist August, und obwohl wir in Norwegen sind scheint uns bei 27 °C die Sonne auf die Fahrradhelme, während wir langsam das Gauset-Tal am Fuße des Hardangervidda-Bergplateaus hinter uns lassen. „Ich liebe es, Berge hochzufahren!“ teilt mir Josi mit, sichtlich außer Atem. Alle Indizien der bisherigen drei Tage auf Tour sprechen entschieden gegen diese Aussage, doch sie beharrt darauf. Sie wolle ihre Sichtweise auf Anstiege ändern, und als ersten Schritt hat sie beschlossen, nicht mehr negativ auf steile oder langwierige Bergstraßen zu reagieren. Stattdessen ruft sie ab jetzt jedes Mal, wenn sich ein besonders fieser Abschnitt nach einer Kurve präsentiert „Ah, super!“ oder „Da freu ich mich drauf.“
Was als humorvoller Selbstbetrug startet, entfaltet bald eine unerwartet performative Wirkung. Nach ein paar Tagen kann ich ihr fast glauben, dass sie gerne mit mir Steigungen hochfährt. Es hilft natürlich, dass Berge hochzufahren tatsächlich einige schöne Seiten hat: Wir sehen innerhalb von 20 Kilometern einen Landschaftswechsel von dichten Wäldern zur kargen subpolaren Bergtundra, was sehr spannend zu beobachten ist. Oben angekommen breitet sich die stolze Genugtuung nach getaner Arbeit aus, wenn wir weit ins Tal hinabschauen, aus dem wir kamen. Dann sind da die Aussichten, die wir als hügelscheue Radler nicht genießen könnten. Und natürlich die langen, rasanten Abfahrten, die nochmal ein ganz eigener Spaß für sich sind.
Doch zurück zum Gauset-Tal: wir fahren den Anstieg rauf, weil wir nach unserem Start in Oslo zur Hardangervidda wollen, dem größten Bergplateau Europas. Unsere Route lassen wir spontan entstehen, und diese Routen-Idee kam uns am Tag zuvor. Was wir oben vorfinden werden ist kalkuliert ungewiss – zwar endet die Straße irgendwann im Nirgendwo, doch es soll einige vielversprechende Pfade jenseits der Schotterpisten geben. Der Anstieg ist mit all unserem Gepäck ausgesprochen anstrengend, einmal entscheidet sich Josi sogar für ein zehnminütiges Nickerchen am Straßenrand, um Kräfte zu regenerieren. Damit vorbeikommende Autofahrer die Szene nicht als Notfall interpretieren, stehe ich bereit, um Josi aufzuscheuchen, falls sich Motorengeräusche nähern. Aber hier fährt zum Glück sowieso kaum jemand entlang.
Wir erreichen 1.000 m über dem Meer, hier ist Schluss mit Bäumen und das Sonnenlicht geht mittlerweile auch rapide zur Neige. Woran es nicht im Geringsten mangelt sind Stechmücken – die karge, sumpfige Landschaft brütet diese Biester in raren Mengen aus. So haben wir zwar einen wunderschönen wild liegenden Zeltplatz, können ihn aber nicht genießen, ohne gefressen zu werden. Unser Mückenschutzmittel stemmt sich vergebens gegen die Wolke aus Mücken, uns bleibt nur der taktische Rückzug ins Zelt. Egal, wir sind sowieso todmüde, also essen wir schnell was und gehen früh ins Bett.
Kann man sich eigentlich verfahren, wenn der Weg das Ziel ist?
Am nächsten Morgen bringen wir die letzten hundert Höhenmeter hinter uns und genießen das herrliche Wetter in dieser eigentlich unwirtlichen Landschaft. Die mickrige, gekrümmte und vor allem karge Vegetation lässt uns wissen, dass hier normalerweise nicht 27 °C bei blauem Himmel herrschen. Viele Norwegerinnen und Norweger hat es an diesem Augusttag auch aufs Fjell verschlagen, die Menschen wandern, fahren zu ihren Booten auf den Bergseen oder sammeln Moltebeeren.
Wir sind nicht auf der Suche nach Beeren, sondern nach einem Weg, der uns Richtung Westen führt. Geduldig fahren wir die Schotterstraßen ab, finden aber statt weiterführenden Quad-Wegen (die auf einigen Karten eingezeichnet waren, und auf denen wir sicherlich 20 mühselige Kilometer bis zur nächsten befestigten Straße geschafft hätten) nur schlammige Wanderpfade. Hmm. Die andere Option, einen der größeren Seen hier oben per Fährservice auf einem kleinen Boot zu überqueren, scheitert an der Aussage eines Wanderers, dass am anderen Ende des Sees seines Wissens nach auch keine weiteren Wege existieren.
Tja. Das hätten wir wohl besser recherchieren können. Mir macht es nicht so viel aus wie Josi, dass wir eine Sackgasse hochgefahren sind. Da unser Start- und Endpunkt Oslo ist und wir sowieso einfach eine große Rundtour aus Spaß am Radfahren machen, sind ein paar Extrakilometer keine Tragödie. Josi sieht das anders: „Wenn ich schon über tausend Höhenmeter hochfahre, dann soll das gefälligst auch irgendwo hinführen! Du willst mir nicht sagen, dass wir den ganzen Anstieg von gestern jetzt wieder runterfahren können?!“
„Ähm… doch. Tut mir leid, ich dachte…“
„Dann hast du falsch gedacht!“
Viel erfreuter wird Josi nicht, als ich ihr auf der Karte zeige, dass wir einfach das „falsche“ Tal hochgefahren sind, und dass das nächste Tal, fünf Kilometer weiter östlich, auf eine schöne asphaltierte Straße über das Fjell führt. Meine einzige Verteidigung ist: „Du hast doch gesagt, Du liebst jetzt Höhenmeter?“
Nachdem ich also gelernt habe, dass Josi die Höhenmeter nur unter der Kondition liebt, dass diese auch irgendwo hinführen, gebe ich mein Bestes, die Route vorsichtiger zu planen. Die Tage auf dem Fjell sind wunderschön, wir haben durchweg das beste Wetter und genießen grandiose Aussichten hinter jeder Kurve. Jeden Tag sammeln wir im Schnitt 1.500 Höhenmeter, weil die Straßen immer wieder vom Plateau herunter und sofort wieder rauf führen, aber wir machen auch viele Pausen und finden sogar zahlreiche Gelegenheiten, in Flüssen oder Bergseen zu baden. Das eiskalte Wasser ist aber nur durch die unnatürlich hohe Umgebungstemperatur irgendwie erträglich.
Da die Hardangervidda für einen Großteil des Jahres eine lebensfeindliche Schneelandschaft ist, ziehen es die meisten Menschen vor, sie zu besuchen, statt auf ihr zu leben. Private Ferienhütten sehen wir überall, als wären sie mit einem gigantischen Pfefferstreuer entlang der befahrbaren Wege verstreut worden. Dauerhaft bewohnte Siedlungen sind andererseits eine Seltenheit, und nur hie und da in Tälern zu finden. Das Fernstraßennetz ist ebenso geprägt von seiner Umwelt und daher nicht unglaublich komplex – um die Fjordlandschaft im Westen zu erreichen, haben wir genau eine Straße zur Auswahl: Die E7. Doch obwohl wir uns tagelang auf der einzigen Verkehrsader weit und breit bewegen, ist das Radfahren hier entspannt, Autofahrer lassen fast alle beim Überholen reichlich Platz, und manchmal werden wir bei steilen Steigungen angefeuert oder bekommen einen Daumen hoch von den Kollegen auf dem Motorrad.
Unliebsame Mitteilungen
Unsere Freude, dass wir hier so ungestört Radfahren können, wird von einem großen Schild in der kleinen Ortschaft Haugastøl ausgelacht. Zynisch teilt uns das Schild mit, dass in 50 Kilometern mehrere Tunnel kommen werden, die für Radfahrer gesperrt sind, und dass die Radwege um die Tunnel herum wegen Steinschlag gesperrt sind. Alternativen gibt es keine, abgesehen von einem mehrere hundert Kilometer langen Umweg mit groben Schotterpisten und der Option, 200 Kilometer zurück zu fahren, wo wir herkamen. Super! Wir spazieren in das Hotel, welches neben dem unerfreulichen Schild steht, und erkundigen uns an der Rezeption nach der Lage. „Ach, das steht da schon seit ein paar Jahren, ich weiß nicht, ob das jemals behoben wird“, teil uns die Dame mit.
Wir entscheiden uns, die Lage bei einem Kaffee zu reevaluieren. So viel wir die Landkarte auch drehen und wenden, es tauchen einfach keine weiteren Straßen auf ihr auf, und Google Maps beharrt ebenso stoisch darauf, dass wir doch einfach einen kleinen Umweg von vier Tagen nehmen sollen. Da wir aber die Fähre nach Hause bereits gebucht haben und deswegen in zweieinhalb Wochen wieder in Oslo sein müssen, können wir nicht auf gut Glück eine halbe Woche an Umwegen einbauen. Während wir so die Karte studieren und das Schild verfluchen, hören wir das Klicken von zwei sehr teuren Fahrrad-Freiläufen näherkommen. Das Geräusch gehört zu zwei obszön teuren Rennrädern, deren Fahrer aus der „verbotenen“ Richtung kommen und genau wie wir eine Kaffeepause einlegen wollen.
„Könnt ihr uns vielleicht etwas über die Situation mit dem gesperrten Radweg sagen?“ frage ich die beiden, nachdem ich ein Kompliment in Richtung ihrer leichten, eleganten Karbonräder gemacht habe (nach einer Weile auf einem vollbeladenen Reiserad lösen solche Rennräder sehnsüchtige Gefühle in mir aus).
„Ach, das mit den Tunneln ist schon länger so“ kommentiert einer der beiden und bestätigt, was die Rezeptionistin sagte. „Aber ihr habt sicher Licht dabei, oder?“
Er erklärt uns, dass der Radweg tatsächlich einer Schutthalde in einem Steinbruch gleicht, und nur mit gewissen Kletterkünsten und einer Portion Risikofreude passierbar ist. Die eigentlich für Fahrräder gesperrten Tunnel, andererseits, seien zumindest Richtung Westen kein Problem für uns. „In den Tunneln gilt ein Tempolimit von 50 km/h, und nach Westen sind die durchgehend abschüssig, sodass ihr das Tempo locker halten könnt. Nur bergauf würde ich das nicht empfehlen.“ Die beiden sind heute mit ihrem Auto durch die Tunnel hochgefahren, um auf dem Fjell Rad zu fahren, doch sie sind beide auch schon die Abfahrt mit dem Rad gefahren.
Diese Information ist genau das, was wir hören wollten. Das miesepetrige Schild können wir also getrost ignorieren und unsere Reise wie gehabt fortsetzen. Es folgen noch ein paar Dutzend Kilometer durch die teilweise noch mit Schneeteppichen gespickte Berglandschaft, bevor sich vor uns das Måbødal eröffnet. Wie ein großer Riss klafft es in dem Bergplateau und offenbart tiefe Blicke in eine enge Tallandschaft, in der es wieder Bäume, Felder und Blumen gibt. Die nächsten 30 Kilometer versprechen, sehr mühelos zu werden (dieser Aussage möchten unsere Bremsen vehement widersprechen).
Auf zum nähsten Abschnitt der Reise: die Fjordlandschaft.
Auf dem Weg nach unten, der sich mit dem Worten „viel Wind im grinsenden Gesicht“ gut zusammenfassen lässt, kommen wir noch an einer Sehenswürdigkeit vorbei, die in direktem Zusammenhang zu dem steilen Tal steht: der Vøringsfossen . Dieser Wasserfall zeichnet sich durch seine Höhe von über 160 Metern aus, von der er tosend in eine Schlucht fällt. Wir legen hier eine kleine Pause ein und genießen die exquisite Aussicht zusammen mit etwas weniger exquisiten Speisen (Knäckebrot und Dosenfisch), bevor wir uns in die Tunnel wagen. Mit jeweils zwei hellen Rückleuchten am Rad, einer Warnweste auf dem Rücken und mit kalter, klammer und muffiger Tunnelluft in der Nase fahren wir durch die Röhren, die uns am Tag davor so ein Kopfzerbrechen bereitet haben. Wie ein Korkenzieher windet sich einer der Tunnel in die Tiefe, insgesamt weicht der Gradient der Straße nicht signifikant von abschüssigen 8% ab. Wir lassen die Finger von den Bremsen und rauschen ins Tal.
Im Nu sind wir also am Ufer des Eidfjords. Gerade haben wir noch von der Tundra aus ins tiefe Tal geschaut, jetzt stehen wir unten und begutachten die kolossalen, nackten Granitwände, die überall um uns herum in die Höhe ragen. Kaum zu glauben, dass wir gerade erst da oben standen. „Jetzt wird es wahrscheinlich erstmal viel flacher für uns, wir fahren ja nur am Fjordufer entlang“ informiere ich Josi mit einem ahnungslosen, fehlgeleiteten Optimismus.
Atlas der Verlorenen Sprachen – Review von Amy
Das Buch „Atlas der Verlorenen Sprachen“ erschien im Duden Verlag im Oktober 2020. Geschrieben wurde es von Rita Mielke, die Illustrationen steuerte Hanna Zeckau bei.
Fremde Sprachen und Kulturen haben mich schon immer begeistert, je älter desto besser. Daher passt dieses Buch perfekt zu mir.
In kurzen Kapiteln von zwei bis zehn Seiten werden jeweils einzelne ausgestorbene oder vor dem aussterben bedrohte Sprachen vorgestellt. Diese kleinen Kapitel sind unter größeren Kapiteln nach Kontinenten zusammengefasst. Es ist deshalb leicht, die Übersicht zu behalten, und vor allem ist das Buch perfekt dafür geeignet, es gelegentlich einmal aufzuschlagen und einfach ein Kapitel zu lesen.
Zudem fühlt es sich einfach nach einem liebevoll gedruckten Buch an: Die Seiten sind schön dick, wiederstandsfähig und farbig bedruckt. Am Anfang jeden Kapitels nimmt eine Karte eine gesamte Seite ein und zeigt, wo die jeweilige Sprache verbreitet ist – oder war. Farbige Zeichnungen und Tabellen sind überall vorzufinden und helfen einem bei der Orientierung und Verbildlichung der besagten Kulturen und Sprachen. Wenn ein Buch schon beim Aufklappen und in der Hand halten Freude bringt, bevor man es überhaupt gelesen hat, ist das ein gutes Zeichen.
Die Autorin Rita Mielke versteht sich meisterhaft darin, den Leser schon mit dem ersten Satz zu packen und festzuhalten. Die Kapitelanfänge sind abwechslungsreich und fantasievoll, und schafften es immer wieder, mich neugierig zu machen. Mal fängt sie mit der Entdeckung einer Sprache durch einen Sprachwissenschaftler an, mal hebt sie die Sprecher der Sprache hervor, oder erzählt eine kurze Geschichte über Missverständnisse oder fälschliche Darstellungen. Jedenfalls immer wieder etwas Neues.
Nach jedem Kapitel hatte ich das Gefühl einen weiteren kleinen Teil der Welt kennen gelernt zu haben, von welchen ich vorher – mal ganz ehrlich – nicht einmal wusste dass er existiert/e. Da eine Sprache nicht in einem Vakuum stattfindet, sondern durch ihre Sprecher geprägt ist – und diese selbst auch prägt, eine Wechselverbindung welche in diesem Buch oft hervorgehoben wird – lernt man hier auch viel über fremde Kulturen und Lebensweisen. Eine wichtige Rolle spielt hier oft, in welch einer Umgebung die Sprecher leben, wie sie mit ihren Mitmenschen und Nachbarn umgehen, und die vielen anderen Einflüsse, die ich oft gar nicht erwartet hätte. Einen starken Fokus auf die Linguistik hat das Buch natürlich trotzdem.
Alles in allem kann ich dieses Buch nur jedem empfehlen, der sich für die Sprachvielfalt auf unserem Planeten interessiert. Für mich persönlich ist es ein wunderbares Buch, und hat meine Erwartungen übertroffen. Jeder Aspekt dieses Buches scheint mit Liebe und Sachkenntnis entstanden zu sein und dies verführt mich immer wieder dazu, es noch einmal aufzuschlagen.
Wir haben dieses Buch als Rezensionsexemplar bekommen.
Das Übertreffen meines eigenen Ichs – Lebkuchenhaus-Baumeister
Dieses Jahr wusste ich Mitte Dezember noch nicht, was für ein Lebkuchenhaus ich bauen wollte. Was ich allerdings wusste war, dass ich das letzte Häuslein in irgendeiner Art und Weise überbieten wollte – ich denke nicht sonderlich kompetitiv gegenüber anderen Menschen, aber wenn es um das Übertreffen meines vergangenen Ichs geht, kann ich ausgesprochen ehrgeizig werden.
Der Plan war also, mein letztes Lebkuchenhaus zu übertreffen. Ich blieb bei der verspielten Comic-Fachwerkhausästhetik, nahm mir aber zwei neue Elemente vor: schiefe und gebogene Wände, und Buntglas aus Zucker.

Und noch einmal von der anderen Seite.
Das Lebkuchenhaus von 2018

Das ist das Haus aus dem Jahre 2018.
Wie backe ich gebogene Wände?
Die gebogenen Wände versuchte ich zuerst zu bauen, indem ich gefaltetes Papier unter das Backpapier mit dem Lebkuchenteig schob, so dass der Teig an beiden Enden vom untergeschobenen Papier angehoben und dadurch krumm wurde. Das Resultat sprach nicht für sich, die resultierende Lebkuchenhauswand war zwar krumm, aber hatte Beulen und Kanten. Ich löste das Problem indem ich eine Art Hängematte aus Backpapier baute, welche mich wunderbar gleichmäßig geformte Stücke backen ließ.
Bunten Zuckerfenster für mein Lebkuchenhaus
Die Zuckerfenster hatte ich in den Jahren davor schon gemacht, allerdings immer nur einfarbig, indem ich Zucker karamellisieren ließ und ihn dann in die Fensterausschnitte goss. Dieses Mal stellte ich mit Lebensmittelfarbe zuerst drei verschiedenfarbige Zuckerglasscheiben her, die ich dann in kleine Stücke zerbrach. Diese Stücke konnte ich dann in die Fensterlücken legen und ungefärbtes Karamell darüber gießen. Fertig waren die bunten Fenster. Nur die beiden gekrümmten Fenster in den runden Erkern (die ich mithilfe von Papp-Formen gemachte hatte) machten mir einige Probleme, denn ein rundes Fenster kann man nicht gießen – Flüssigkeiten konsolidieren nicht ohne weiteres auf einer gekrümmten Fläche, sondern sie laufen raus. Also platzierte ich die bunten Stücke in den krummen Fensterlücken und schmolz sie mit einem kleinen Bunsenbrenner (eigentlich für Crème Brûlée gedacht) nur so leicht an, dass sie miteinander fusionierten. Im Nachhinein kommentierte dann ein Nutzer auf Reddit, dass man statt dem ganzen Aufwand mit dem bunten Zucker auch einfach bunte Bonbons nutzen kann. Das werde ich nächstes Jahr probieren!
Der nachtaktive Bäcker & Architekt
Insgesamt war ich vier Nächte lang mit dem Haus beschäftigt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat. Diesmal werden wir nicht den Fehler machen, es zu lange stehen zu lassen, weil man so ein schönes Haus ja nicht zerschlagen kann. Das letzte Haus ist dieser Denkweise zum Opfer gefallen und war irgendwann im Frühling dann ungenießbar. Nein. Dieses Mal wird im Januar mit dem Abriss begonnen, immerhin sind viele hochwertige Zutaten in dem Teig gewandert, und die sollen auch gegessen werden. Bis dahin, fröhliche Weihnachten, ihr Lieben!
Der Lebkuchen-Leuchtturm
Wie es dazu kam, dass wir unsere Kinder aus der Schule nahmen
Die meisten unserer Leser wissen, dass wir unsere Kinder vor zehn Jahren aus der Schule genommen haben. Wir haben viel über unsere gemeinsamen Reisen und über die externen Schulabschlüsse geschrieben. In diesem Artikel rede ich zum ersten Mal über unsere Beweggründe: Wie kam es dazu? Hat sich dieser außergewöhnliche Weg für uns bewährt?
Aus unserer langen Erfahrung mit dem Lernen haben wir den ein oder anderen Ratschlag für dich mit eingebaut, egal ob du Schüler, Lehrer, Elternteil oder einfach „nur“ Fotograf bist.
1. Lernerfahrungen der Eltern
Ich selbst war in der Schule nicht glücklich, ich konnte dort nicht gut lernen. In den ersten Jahren war die Schule für mich ein unbedeutender Nebenschauplatz. Daheim gab es fast täglich Ärger, weil mein Vater abends immer betrunken nachhause kam, regelmäßig die Wohnung demolierte und wiederholt auch meine Mutter verprügelte. Wer denkt da schon an die Deutschhausaufgaben?
Ich war tagsüber müde und unkonzentriert, es hagelte schlechte Noten. Als ich zehn Jahre alt war, versuchten wir endlich, aus diesem nicht enden wollenden Elend zu fliehen. Wir schafften es, uns von ihm zu lösen – eine schwierige Geschichte, die ich hier nicht ausführen möchten. Jedenfalls waren wir danach jahrelang auf der Suche nach bezahlbaren Wohnungen. Wir zogen immer wieder in andere Ortschaften, möglichst weit weg von meinem Vater. Allein in der vierten Klasse wechselte ich wegen Umzügen dreimal die Schule. Tja, da blieb nicht viel Schulisches in meinem Kopf hängen. Die schlechten Noten demotivierten mich noch weiter. Keiner glaubte mehr an mich. Jeder dachte, ich wäre dumm und faul. Das war ich aber nicht!
Später beruhigte sich die Situation daheim, und wollte ich endlich richtig lernen. Wegen meiner schlechten Noten war ich auf der Hauptschule gelandet. Dort waren die Schulklassen extrem laut und unruhig. Das lag vor allem an den Lehrern, die sich nicht durchsetzen konnten.
Meine Lieblingsfächer waren die Naturwissenschaften. Jede Woche wartete ich sehnsüchtig auf den spannenden Biologie-, Chemie- und Physikunterricht. Diese kurze Stunde war mein einziger Lichtblick in der sonst nervigen Woche. Viele meiner Klassenkameraden sahen das nicht so. Die interessierten sich nicht für Physik oder Chemie, sondern unterhielten sich lieber lautstark und störten den Unterricht. Dem Lehrer fiel nichts Besseres ein, als die ruhigen Schüler nach hinten und die lauten nach vorne zu setzen. So landete ich in der letzten Reihe und bekam vom Unterrichtsstoff gar nichts mehr mit. Entsprechend gefrustet und sauer auf den Lehrer und die Klassenkameraden trottete ich Tag für Tag nach Hause.
Bis zur 9. Klasse hatte ich mich gefangen und ich kam besser mit der Schulsituation zurecht, konnte sogar zum Teil zeigen, was in mir steckt. Mein Zeugnis war so gut, dass ich zum freiwilligen 10. Schuljahr mit Realschulabschluss zugelassen wurde. Die Lehrer sagten mir trotzdem immer wieder: „Gabi, mach NIE etwas mit Sprachen. Deine Talente liegen in den Naturwissenschaften.“
Im Anschluss an die Schule absolvierte ich mit Begeisterung eine Ausbildung zur Biologielaborantin. Das hat richtig viel Spaß gemacht in der kleinen Gruppe interessierter Auszubildender und mit fähigen Lehrern. Jeden Tag war ich gespannt auf den Unterricht in Fächern, wie Anatomie, Mikrobiologie, Pflanzenschutz, Physiologie, Pharmakologie, Physik oder Mathematik. Hach, Naturwissenschaften jeden Tag!
Nach dem erfolgreichen Abschluss arbeitete ich ein paar Jahre in der Forschung der medizinischen Pflanzenzucht.
Der Beruf gefiel mir gut. Es war spannend, zu forschen. Aber ich wollte nicht die nächsten 40 Jahre im Labor arbeiten. Dort gab es zu viel Routine und zu wenig Entfaltungs- und Karrieremöglichkeiten. Ich war zu kreativ für eine Laborantin!
Also erfüllte ich mir den großen Wunsch, endlich mal ernsthaft zu lernen. Mit 25 Jahren kündigte ich meinen Job und ging in Mainz auf das Ketteler Kolleg, um mein Abi nachzuholen. Hier konnte ich erleben, wie angenehm das gemeinsame, selbstbestimmte Lernen auch in der Schule sein kann. Ich lernte gern und viel, schrieb zum ersten Mal in meinem Leben sogar in Deutsch und Englisch Einsen und war am Ende so gut, dass ich sogar ein Stipendium bekommen hätte, wäre ich nicht zu alt gewesen.
Die Erfahrung, dass das Abitur jederzeit auf dem zweiten Bildungsweg möglich ist, kam später unseren Kindern zugute.
Gunter quälte ein andere Art von Schulerfahrungen. Er war ein äußerst ruhiger, aber guter Schüler. Weil er früh eingeschult wurde, war er immer ein bisschen der Außenseiter. Bis auf die letzten paar Schuljahre fand er Unterricht total langweilig.
Seine prägende Erfahrung mit dem freien Lernen fing damit an, dass sein Klassenlehrer ihm über die Sommerferien ein Buch über Trigonometrie im Selbststudium ans Herz legte. Gunter war völlig fasziniert von der Möglichkeit, sich so lange wie möglich mit diesem Stoff zu befassen und im eigenen Lerntempo voranzukommen. Diese Sommerferien standen ganz im Zeichen von Mathematik. Alles was mit Trigonometrie zu tun hat, kann er heute, über 40 Jahre später, noch abrufen. Gunter schloss ebenso wie ich, die Hauptschule mit dem freiwilligen 10. Jahr ab und begann die Ausbildung zum Biologielaboranten. Du kannst dir bestimmt denken, wie wir uns kennengelernt haben? Gunter blieb im Job, fing aber an, nach der Arbeit für das Abitur zu lernen. Aufgrund fehlender Perspektiven für Biologen brach er irgendwann trotz guter Leistungen ab. Auch, weil ihm die Forschungsarbeit Freude bereitete und er an interessanten Projekten arbeitete.
Wir hinterfragten das deutsche Schulsystem zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Als unsere Kinder in die Schule kamen, gingen wir unvoreingenommen dran. Wir hätten aber die Signale, dass hier etwas nicht gut lief, dass sich unsere Kinder, genauso wie wir auch Jahre zuvor, sich mit dem Schulunterricht herumquälten, früher erkennen können und darauf reagieren müssen.
Wir hätten erkennen können, dass es für jeden, ganz eigene ideale Möglichkeiten, zum Lernen gibt.
3. Lernlustverlust in der Schule
Als Erstes kam Esra in den Kindergarten, das klappte auch ganz gut. Für den zwei Jahre jüngeren Noah war das schon schwieriger. Er wollte absolut nicht dorthin, es war toootal langweilig, und er versuchte uns jeden Tag davon zu überzeugen, dass er daheim besser spielen kann. Da ich von zuhause aus arbeitete und, seine kleine Schwester Amy noch zu kein für den Kindergarten war, war das auch kein Problem, und ich hatte wenig Gegenargumente. Im letzten Kindergartenjahr haben wir ihn dann gegen den Rat der Erzieherinnen abgemeldet. Er blieb von da an glücklich daheim.
Unsere Kinder haben sich alle auf die Schule gefreut. Irgendwie war die Zeit reif dafür. Sie waren alle drei extrem lernwillig und wollten endlich los legen.
In Esras Schultüte steckte die DVD-Filmbox von Pippi Langstrumpf. Mir war damals nicht bewusst, dass Pippi die berühmteste Freilernerin der Welt ist. Ein interessanter Aspekt, wenn ich so rückwirkend über unseren Lernweg nachdenke.
Jedenfalls verdünnisierte sich diese gewaltige Lernlust extrem schnell. Wir merkten es ganz besonders um das Ferienende herum. Lustige, wuselige, wissbegierige Kids verwandelten sich nach nur ein paar Wochen Schule in streitsüchtige, gereizte, uninteressierte und lustlose Kids. Die Grundschullehrerin offenbarte im Elterngespräch ihre Interpretation der Lage „Ist doch klar, dass die sich in der Schule langweilen. Könnt ihr nicht in den Ferien weniger interessante Sachen machen, als in Nord-Norwegen zu wandern oder auf Wal-Touren zu gehen?“
Auf unsere aufregenden Ferienzeiten verzichten, damit die Schule weniger langweilig wirkt? Was für eine Schnapsidee, und funktioniert hätte das eh nicht. Wir entschieden uns irgendwann für den gegenteiligen Weg. Wir verzichteten auf die fantasielose Schule und verbrachten mehr Zeit auf spannenden Reisen.
4. Lernen ist ein natürliches Bedürfnis
„Wie einfach kann Lesenlernen sein, und wie schwierig kann man es machen“
Amy fragte eine Weile vor ihrer Einschulung, ob der Bürgermeister das Lesenlernen verboten habe. Zu dieser Zeit hörten wir viel Bibi Blocksberg-Audiobücher, in denen der Bürgermeister eine wichtige Autoritätsperson ist. Wir verneinten und Amy löcherte danach uns und ihre Brüder mit tausend Fragen nach den Buchstaben und Wörtern. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich so das Lesen beigebracht. Sie verschlang ganze Bücher. In der Schule ging es mit dem Lesen abrupt wieder rückwärts. „Die Lehrerin hat gesagt, das können wir noch nicht lesen, wir hatten das K und das W noch nicht.“
Solche Sprüche brachten uns zum Zweifeln. Lag das Problem darin, alle Kinder auf den gleichen Wissensstand zu bringen? Die Lernschwachen zu beschleunigen und die Schnellen auszubremsen? Für die einen bedeutet das Stress, für die anderen Langeweile. Das erschien uns kein besonders erfolgreiches Schulkonzept zu sein.
Unsere eigenen Erfahrungen mit dem Lernen hatten uns in aufmerksame Eltern verwandelt. Und wir hatten schwedische Freunde, deren Kinder Freilerner waren und schon sieht man als Familie ganz andere Möglichkeiten der Lebensgestaltung. Es gibt eben nicht nur die strikte Fünf-Tage-Woche, in Schulen, wo eine Stunden nur 45 Minuten lang ist, aber sich wie 80 Minuten anfühlen.
Im Rückblick reagierten wir bei Noah viel zu spät. Noah besuchte bereits die siebte Klasse und war extrem verzweifelt, fast schon depressiv. Der Unterricht an der Gesamtschule war für ihn nur laut und langweilig. Wir hielten eine große Familienkonferenz ab und nahmen schließlich die Kinder mit deren Einverständnis, auf deren Flehen, aus der Schule.
Unsere Hörbuchliste für Kinder und deren Eltern
5. Herausforderung deutsche Schulpflicht
Aufgrund der unflexiblen deutschen Schulpflicht waren wir gezwungen, unser Land zu verlassen. Wie sich das für eine reisefreudige Familie anfühlt, erzähle ich ausführlich in einem anderen Blogbeitrag. Nur kurz vorweg: „Reisen können“ macht Spaß, „reisen müssen“ ist deprimierend und fühlt sich wie eine Flucht an.
Wir wünschen uns von ganzem Herzen, dass die strikte deutsche Schulpflicht endlich aufgehoben wird. Gerade jetzt in Zeiten von Corona würde es viel mehr Sinn machen. Meine Ideen zum Thema Schule in Zeiten von Corona sind ganz simpel und ohne finanzielle Mitten umsetzbar. Diese will ich in Kürze ausführlich darlegen.
6. Wahres Lernen sieht man nicht
Unsere drei Kids waren also einige Jahre mit und einige Jahre ohne Schule. Esra genoss die kürzeste Freilernerzeit, Amy hat die längste schulfreie Zeit erleben dürfen. Anfangs versuchten wir, die Kids in der Freilernerzeit zu „schulischem Lernen“ anzuregen. Das führte zu überhaupt nichts. Wir merkten sehr schnell, dass „sinnbefreites“ Lernen nur Widerstand und Frust zur Folge hat. Von den lieblos hingeschmierten Matheübungen und dem Lesen langweiliger Texte bleibt nichts im Gedächtnis hängen. Kannst du dich noch an die Themen der Sozialkunde Arbeit der 8. Klasse erinnern? Da kann man es auch gleich lassen und die Zeit kreativer oder ausgelassener nutzen.
Das wahre Lernen sieht man von außen nicht. Man kann es aber hören! Begeisterung schwirrt durch die Luft, Ausrufe des Staunens sind zu hören, aufgeregtes Fragen und sehr viel Lachen und gute Laune.
Nichteinmischen wurde unsere Devise.
7. Die Schulentwöhnung lief in einigen Phasen ab.
- Zuerst kam die Befreiung vom Zeitdruck mit Abhängen, Spielen und Nichtstun.
- Dann das Wiedererwachen der Neugier und Wissbegierde. In dieser Phase lernten die Kinder, auf was sie gerade Lust hatten. Und das ist beileibe nicht wenig gewesen.
- Der dritten Phase ging die selbstbestimmte Entscheidung für einen Schulabschluss voran. Jetzt lernten die Kinder in eigener Regie den Schulstoff, der ihnen für das Erreichen des Abschlusses noch fehlte.
Unsere Drei meldeten sich selbstständig zu den externen Prüfungen an und erlangten alle ihre Schulabschlüsse. Den Schulkram kann man effektiv lernen, wenn man den Abschluss als Ziel vor Augen hat. Dazu gibt es ein paar ausführliche Blogbeiträge von Amy und Esra. Freilerner lernen also nicht nur, was sie wollen. Nein, wenn sie sich selbstbestimmt für etwas entscheiden – und das ist der wichtige Aspekt – dann lernen sie auch für Fächer, die sie eher nicht interessieren. Aber völlig ohne äußeren Zwang. Wir haben unsere Kids nach einer Weile NIE wieder zum Lernen aufgefordert oder sie ermuntert. Hört sich an, als seien wir Rabeneltern – wir waren eher das Gegenteil.
8. Auch Freilerner können Abitur machen
Amy und Noah machten den Realschulabschluss quasi als Vorübung für das Abitur. Alle drei haben inzwischen die Abiturprüfung erfolgreich bestanden. Jetzt studieren sie an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Sie fallen auf im Unibetrieb. Entweder durch triviales Wissen, welches sie in den Freilernerzeiten angesammelt haben, oder durch eine gewisse Routine in der eigenständigen, effektiven Planung der Hausarbeiten.
Noah verbringt diesen Winter in Slowenien in seinem Auslandssemester. Wie das in Coronazeiten abläuft, ist ziemlich unvorhersehbar und irgendwie spannend. Zwei Wochen lang konnte Noah in richtigen Klassenräumen mit seinen Kommilitonen lernen, dann war Schluss damit, jetzt läuft alles digital. Da hätte er auch daheim bleiben können. Andererseits lernt er trotzdem neue Leute kennen und genießt den Aufenthalt im fremden Land.
Der Bericht zum externen Abitur von Amy
Der Bericht zum externen Abitur von Esra
9. Wer nicht lernt, lebt nicht
Wir als Eltern wissen jetzt, wie viel Freude das freie Lernen macht und wie effektiv es ist. Lernen ist ein normaler Zustand für Kinder, ausgelöst durch die natürliche Neugierde und Wissbegierde. Ich gehe einmal soweit zu behaupten, dass Lernen der natürliche Zustand aller Menschen ist. Bis ins hohe Erwachsenenalter hinein, wenn er nicht durch festgefahrene Routinen und Angst vor dem Neuen zerstört wird. Oder Angst vor Fehlern, wie sie in vielen Schule kultiviert wird.
Es ist erstaunlich, wie leicht alles ist, wenn die Kinder die Verantwortung für ihr Lernen übernehmen dürfen. Verantwortung klingt vielleicht für kleine Kinder zu „groß.“ Aber selbst im sehr jungen Alter wissen Kinder, wann etwas am besten für sie passt. Wie zum Beispiel Amy, als sie bereit war, Lesen zu lernen. Oder Noah, der ziemlich schnell wusste, dass er wesentlich besser lernen kann, wenn er Ruhe hat. Und er durfte das als Teenager ausführlich ausleben.
10. Die Lernumgebung – Eltern die an den Lernwillen ihrer Kinder glauben
Natürlich spielten wir als Eltern trotzdem eine tragende Rolle. Wir schafften für die Kinder eine angenehme inspirierende Lernumgebung.
Wir Eltern sind richtige Leseratten und Bücher sind in unserem Haus in jedem Raum zu finden. Wir lesen auch viel auf Englisch. Wenn Erwachsene vor der Klotze sitzen und ihren Kindern vorschlagen, sie sollen doch mal Bücher lesen, dann wird das nichts. Wenn Eltern viel lesen und ihren Kindern sagen, sie sollen doch mal mehr Bücher lesen, dann wird das auch nichts. Die Kids müssen sich schon selbst dafür entscheiden, aber es ist hilfreich, wenn spannende Bücher im Haus sind und die Flimmerkiste nicht den ganzen Tag ablenkt.
Als unsere Kinder noch klein waren, zelebrierten wir das abendliche Vorlesen. Die Jungs mochten am liebsten die klassischen Märchen und konnten sich nicht satthören. Einmal wurde Gunter beim Vorlesen durch das Telefon gestört. Der dreijährige Esra nahm sofort das dicke Buch in seine kleinen Hände und tat so, als lese er vor: „…wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett …“ Das hat uns voll aus den Socken gehauen. Er kannte Rotkäppchen Wort für Wort auswendig.
Natürlich beantworteten wir auch geduldig die Fragen der Kinder. Es ist ganz wichtig, auf die Fragen zu warten. Das sind die Dinge, die die Kinder interessieren, und die sie sich merken. Pädagogisch sinnvollen Kram zu erzählen, wenn es niemanden interessiert, bringt nichts und fördert eher Lernblockaden und Desinteresse.
11. Freies Lernen bedeutet nicht automatisch antiautoritär
Als die Kids noch jünger waren, gab es auch ein paar Regeln im Hause Reichert. Abgesehen von den elementaren Benimmregeln, erlaubten wir Computerspiele erst nach 18:00 Uhr abends. Wir kontrollierten nicht und vertrauten darauf, dass diese Regel eingehalten wurde. Das klappte ganz wunderbar. Naja, wir wissen es ja nicht zu 100 %, aber Geheimnisse müssen auch sein.
Filme schauen fiel auch in diese Kategorie. Wir Erwachsene schauten englische und amerikanische Filme immer mit Originalton, synchronisierter Ton klingt einfach unecht. Schauten wir zusammen mit den Kindern Filme, schalteten wir immer öfter auf Originalton. Das machte den Kids bald nichts mehr aus, und trieb den Spracherwerb enorm voran.
Wenn die drei allein DVDs schauten, tricksten sie uns manchmal aus. Sie stellten einfach den DVD Player auf doppelte Geschwindigkeit und konnten sich so in zwei Stunden gleich zwei ganze Filme anschauen.
12. Homeschooling ist nicht Freilernen
Was ich damit ausdrücken möchte: Wir machten daheim oder auf Reisen kein „Homeschooling“ Programm. Kein Schulkram, aber jede Menge interessante, anregende Sachen. Nicht andauernd mit den Eltern zusammen, sondern auch nur die Kids allein oder mit ihren Freunden. Mit der kindlichen Phantasie können wir Erwachsene eh nicht mithalten. Letztens, viele Jahre nach den Kinder-Spielzeiten zuhause, sprach mich Noahs bester Freund aus Kindertagen an. „Weißt du eigentlich, warum ich so gerne zu euch zum Spielen gekommen bin? Weil du dich nie in unsere Spiele eingemischt hast. Du hast uns einfach in Ruhe spielen lassen und nicht andauernd irgendwelche langweiligen Bastelsachen vorgeschlagen. Meine eigene Mutter wollte uns permanent sinnvoll und pädagogisch wertvoll beschäftigen. Das hat sowas von genervt!“
Wie einfach es doch sein kann. Während die Kids glücklich spielten und viel dabei lernten, ohne es zu merken, konnte ich in Ruhe meine Fotos entwickeln oder Reportagen schreiben.
13. Freilernende Erwachsene
Zurück zu unserer Freilernerfahrung und unserem Fazit: Für uns Erwachsene bedeutet das, dass wir uns mehr zutrauen sollten. Wenn wir etwas wirklich wollen, dann können wir es auch lernen und tun.
Da möchte ich gerne ein paar Beispiele anbringen. Gunter lernte nicht in einer förmlichen Ausbildung, wie man Computer zusammenschraubt, einrichtet und wartet – nein, wir brauchen leistungsfähige Rechner, dann beschäftigen wir uns mit dem Thema und irgendwann hat man den Dreh raus. Wie sagt man so schön: „Learning by doing“ (Lernen durch Handeln). Und letztes Jahr stellte Amy sich ihren eigenen Computer zusammen, nachdem sie angefangen hatte sich dafür zu interessieren und montierte und setzte ihn mit Gunters dezenter Assistenz alleine auf. Als die beiden fachsimpelten, qualmten mir schon die Ohren.
Mir geht es mit der Fotografie genauso. Immer wieder komme ich an Themen, in die ich mich einarbeiten muss, und dann mache ich das einfach. Wie zum Beispiel eigene Bücher designen und druckfertig machen. Durch das Internet und erschwingliche Software haben wir viel mehr und ganz neue Möglichkeiten, als wir das früher mit Lehrbüchern und Kursangeboten an der VHS oder im Fernsehen oder sowas hatten.
Amy und Esra studieren wegen der Corona-Krise notgedrungen von daheim aus. Sie schauen sich Vorlesungen zu Themen an und schreiben Hausarbeiten drüber. Wenn ich mir das so ansehe, machen Gunter und ich den ganzen Tag ziemlich das Gleiche. Wir recherchieren, bilden uns zu bestimmten Themen, die gerade relevant sind, weiter und wenden das Gelernte direkt an. Wie cool eigentlich – wir studieren mit Mitte 50!
14. Sich etwas zutrauen
Der erste Schritt, etwas Neues zu lernen ist, es sich zuzutrauen. Das alles haben wir bei eigenen Lernenerfahrungen und bei denen unserer Kinder beobachtet.
Der zweite Schritt ist, sich nichts einreden zu lassen. Von Freunden unserer Kinder haben wir oft Sprüche, wie diese gehört: „Ich kann keinen Film im Original schauen, in Englisch hab ich eine VIER!“ Dann gruselt mich das. Kann er den Film nicht auf Englisch schauen, weil er dann nicht genug versteht, oder fühlt er sich durch die schlechte Schulnote einfach disqualifiziert? Es kostete einiges an Überzeugungsarbeit, und die Teilnahme an Online-Games mit englischer Sprache, dann wurde aus dem ehemaligen Viererkandidaten jemand, der ohne Scheu englisch spricht. Ein Ziel, das nicht allzu oft in der Schule erreicht wird.
15. Y-Kollektiv-Reportage über Freilerner und Schulverweigerer: Funktioniert Schule zuhause?
Im Sommer war David vom youtube-Kanal Y-Kollektiv bei uns. Er arbeitete an einer Reportage über das Freilernen und wollte sehen, wie es nach dem Lernen ohne Schule weitergeht. Wir waren da die idealen Ansprechpartner. Alle drei Kids haben ihr Abitur abgelegt, und zwar in 100%iger Eigenleistung und Eigenverantwortung.
Schau dir unbedingt die Reportage „Scheiss auf Schulpflicht“ vom Y-Kollektive auf Youtube an.
Die Reportage hat bereits mehr als 1 Million Zugriffe!
In dieser Reportage werden zwei Familien vorgestellt. Die erste Familie hat noch junge Kinder, die gerade mit dem Freilernen beginnen. Wir sind die zweite Familie mit inzwischen erwachsenen Kindern (hört sich komisch an, oder?) Die Gegenüberstellung der beiden Familien war gut angedacht, kommt aber nicht ganz so wie geplant bei den Zuschauern an. Es würde uns sehr interessieren, was du von der Reportage hälst? Schreib es uns in die Kommentare!
Ich selbst hatte mir gerade durch einen Unfall den Arm und den Fuß mehrfach gebrochen, war also gar nicht fit und nicht so konzentriert bei der Sache, wie ich es gern gewollt hätte. Ich konnte meine Argumente nicht so präzise auf den Punkt bringen. Esra, Noah und Gunter kamen auch zu Wort, jedoch hat David und das Y-Kollektiv-Team deren Interviews nicht in der Veröffentlichung genutzt. Sehr schade.
16. Sind wir privilegiert oder haben wir nur eine Entscheidung getroffen?
Im Video fragt David, ob nur privilegierte Familien das Freilernen in Deutschland leben können. Diese Frage blieb lange in meinen Gedanken hängen. Sind wir privilegiert, weil wir Reisen und deswegen Freilernen können? Nein, meiner Meinung nach sind wir das nicht. Gunter und ich taten uns extrem schwer mit der Entscheidung, seinen gut bezahlten Job zu kündigen und auf das „sichere“ Einkommen zu verzichten. Würden wir es schaffen, als fünfköpfige Familie von der Reisefotografie zu leben? Und dazu müssten wir noch sechs Monate im Jahr außer Landes sein. Mit drei Teenagern eine nicht zu unterschätzende finanzielle Belastung.
17. Es geht um Prioritäten!
Wir brachten dafür große „Opfer.“ Wir verdienten nur einen Bruchteil dessen, was wir vorher zur Verfügung hatten, nehmen eine wesentlich geringere Rente in Kauf, übernahmen die Verantwortung für die Bildung unserer Kinder und riskierten eine Verfolgung durch die Behörden wegen „Schulverweigerung.“
Das waren schon extrem anstrengende Zeiten für uns Eltern. Das Lernen und die Bildung unserer Kinder war dabei das allerkleinste Problem. Jahrelang machte uns das Kindergeldamt mächtig Ärger. Es forderte unrechtmäßig Geld zurück und zahlte das uns monatlich zustehende Kindergeld nicht aus. Bei jedem Gang zum Briefkasten stand mir der Angstschweiß auf der Stirn. Ämter fordern einfach ohne große Vorlauffristen große Geldsummen zurück. Bei drei Kindern und zwei Jahren kommt da eine für Geringverdiener existenzbedrohende Summe zusammen. Und das wusste das Amt genau, die hatten unsere Steuererklärung. Auf Rückfrage sagten sie am Telefon tatsächlich, dass uns nichts zusteht, weil wir ein zu geringes Einkommen hätten und kaum Steuern zahlten. Schriftlich wollte uns die Dame diese Aussage aber nicht geben.
Also: Wir sind nicht privilegiert, wir haben uns für unseren Lebensentwurf mit allen Hochs und Tiefs ganz bewusst entschieden und nahmen dafür einiges in Kauf. Wir bereuten es nie – ganz im Gegenteil!
18. Travelhacks von Reisefamilien – Buchvorstellung
1000 Travel Hacks für Familien – Best of 40 Reise- und Auswandererfamilien
Antje und Boris von https://nooba.co stellten ein ganz wunderbares, sehr umfassendes Buch für angehende oder bereits reisende Familie zusammen. Ich war beim Lesen begeistert, wie vielfältig die Tipps der 40 am Projekt beteiligten Familien sind. Wir haben unsere Tipps vor allem im Bezug auf Lernen ohne Schule und professionell fotografieren mit der Familie gelegt.
Das EBook gibt es über Digistore für 29 Euro zu kaufen.(Affiliate Link)
19. Unsere Lerngeschichte im Kontext
Ich hoffe, dass ich mit diesem Blogbeitrag unsere Lerngeschichte in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht habe. Speziell für unsere kürzlich dazugestoßenen Leser. Viel Freude bei Lesen unserer anderen Freilerner Blogbeiträge.
20. Update 2025 – alle drei Kinder im Studium
Ein Update zu unserer Lerngschichte.
Esra schloß sein Masterstudium in Geographie mit Bestnote ab. Zur Zeit arbeitet er an seinem Doktortitel in Schweden in Limnologie – der Erforschung der Binnengewässern und Ökosystemen.
Noah ist dieses Jahr mit seinem Masterstudium in Anthropologie und Philosophie fertig geworden, auch mit Bestnote.
Amy befindet sich noch im Masterstudium.
Alle Drei lernen weiterhin mit großer Begeisterung.
Seiten
Es konnte leider nichts gefunden werden
Entschuldigung, aber kein Eintrag erfüllt Deine Suchkriterien
















