Für das Geo Saison Magazin beantworteten Esra und Noah ein paar Fragen zum Lernen ohne Schule. Im Magazin wurde letztes Jahr ein Auszug des Interviews abgedruckt. Im Blog haben wir mehr Platz, daher gibt es das jetzt in voller Länge.
Abitur- /Realschulabschluss ohne Schule – könnt ihr das empfehlen?
Unsere Erfahrungen mit dem Lernen ohne Schule sind durchgehend positiv. Wir wagen es trotzdem nicht, es generell zu empfehlen, denn es hängt stark von der Person ab. Im Gespräch mit anderen Schülern kristallisierten sich zwei Grundtypen heraus: die einen legen Wert auf die Routine und Bequemlichkeit, die ihnen das durchorganisierte Schulsystem bietet. Die anderen lernen lieber eigenständig und passen ihre Lernmaterialen und die Themen an ihre individuellen Stärken und Schwächen an. Es wäre natürlich ideal, wenn jeder Schüler einmal ein paar Monate Auszeit von der Schule nehmen könnte, um das selbstbestimmte Lernen auszuprobieren, doch leider macht die derzeitige Rechtslage in Deutschland das nahezu unmöglich. Für uns ist es eindeutig die richtige Lernmethode gewesen. Wir möchten vor allem „schulmüde“ Jugendliche anregen, das freie Lernen wenigstens als Option in Betracht zu ziehen.
Wie ist das überhaupt möglich – lernen ohne Schule?
Die Schule ist nicht der einzige Ort, wo man lernen kann. Wir würden sogar soweit gehen zu sahen, dass es bessere Orte zum Lernen gibt. Kleine Kinder lernen selbständig zu sprechen, zu laufen und vieles mehr, nur indem sie sich in einem geeigneten Umfeld aufhalten, beobachten und nachmachen. Das selbstbestimmte Lernen hört ja nicht mit sechs Jahren auf. Selbst Lesen und Rechnen lernen Kinder von selbst, wenn der Zeitpunkt stimmt.
Eine großer Teil des Stoffes, der in der Schule gelehrt wird, begegnet uns ständig im Alltag. Wir werden damit im täglichen Leben konfrontiert und eignen ihn uns auch ohne Schulunterricht an.
Deutsch? Wir sind alle konstant von geschriebenem Wort umgeben. Ständig sehen wir Wörter und Texte, sei es auf der Müslipackung beim Frühstück, auf Schildern beim Spazierengehen oder Autofahren oder auf und in ersten Kinderbüchern. Jedes Kind fragt sich irgendwann, was sich hinter diesen Zeichen verbirgt und geht der Sache nach. Unsere Schwester lernte zum Beispiel Lesen, indem sie uns immer wieder fragte: „Was ist das für ein Buchstabe? Und das?“ Irgendwann hatte sie es auch ohne Schule drauf.
Englisch? Im Zeitalter des Internets und der globalen Vernetzung ist es beinahe unumgänglich, dass man mit der Sprache in Kontakt kommt. Wir hatten das natürlich auf unseren Reisen. Unsere Eltern sprachen mit Leuten aus anderen Ländern Englisch, und wir hörten erstmal nur zu. Dann fingen wir an, uns für englische Bücher zu interessieren, und irgendwann konnten wir einfach Englisch lesen, schreiben und sprechen.
Geschichte und Erdkunde? Praktisch überall relevant wo es Menschen gibt.
Wir selbst hatten ja anfangs auch unsere Zweifel was das Lernen ohne „Büffeln“ betraf, das heißt Lernen aus Schulbüchern mit Lösen von künstlichen Fragestellungen, und haben auch die ersten Wochen nach unserem Austritt aus der Schule einen großen Teil unserer Zeit mit Computerspielen und Filmen verplempert. Wir hatten auf einmal viel Zeit, und diese war noch dazu unbegrenzt, also nicht nach sechs Wochen Ferien wieder vorbei.
Wir staunten, wie schnell sich unsere Tage mit sinnvollen Tätigkeiten anfüllten. Auch, wenn Erwachsene, das vielleicht nicht so sahen. Wir bastelten und bemalten zum Beispiel Warhammer Miniatur-Figuren an und hörten nebenbei Hörbücher. Um besser zu werden tauschten wir uns in Internetforen, natürlich auf Englisch, mit anderen Warhammer-Fans aus. Wir lernten das Schreiben in Englisch, übten uns im Planen von Projekten, arbeiteten künstlerisch handwerklich, saugten nebenbei Literatur in uns auf und fühlten uns dabei wohl.
Den größten Teil des für die Abschlüsse verlangten Stoffes haben wir durch unser allgemeines Interesse und unsere Neugierde drauf gehabt. Dann gibt es natürlich noch die Themen, wie Mathematik und Physik, die man mit dem Lehrbuch pauken muss. Doch auch das ist nicht mehr so im Informationszeitalter. Im Internet gibt es hervorragende Lehrvideos mit deren Hilfe wir jeden „Schulstoff“ lernen können. Das Gute daran ist, dass wir das Video wieder und wieder anschauen können, bis wir das Thema verstanden haben. Versuch das mal beim Lehrer!
Haben Eure Eltern euch unterrichtet? Wenn ja – wie lief das ab?
Nein, haben sie nicht. Wir sind als Familie gemeinsam monatelang in der Natur unterwegs gewesen. Trotzdem hatten wir die Freiheit, unseren Tagesablauf selbst zu gestalten und viel Zeit unseren Interessen und Ambitionen nachzugehen. Auch in der Zeit, vor den Prüfungen, haben wir selbst entschieden, wann und wie wir das Lernen dafür angehen. Lehrer in diesem Sinn hatten wir keine.
Was habt Ihr anderen Schülern voraus? Was haben sie Euch voraus?
Wir sind wahrscheinlich selbstständiger und auch besser organisiert. Der gewöhnliche Klassenunterricht vermittelt zwar viel Fachwissen, aber manche Dinge kann man dort einfach nicht verlässlich lernen: Eigeninitiative, wie man sich auf eigene Faust etwas beibringt, oder die Fähigkeit sich selbst mit aufkommenden Problem auseinander zu setzen. All dies sind unserer Meinung nach Kompetenzen, welche im späteren Leben unschätzbar wertvoll sind.
In der Schule gab es Projektwochen, wo genau das vermittelt werden sollte. Doch kaum waren die Projektwochen rum, stand da wieder der Lehrer vor uns und sagte, was wir wann zu tun hatten.
Wir haben als Freilerner viel mehr Zeit, uns selbst zu finden. Wir konnten die unterschiedlichsten Sachen ausprobieren und die Themen finden, die uns interessierten und Spaß machten. Auf diese Weise lernten wir vieles fast schon nebenbei und brauchten relativ wenig Zeit für die Prüfungsvorbereitung. Für das Abi lernte ich insgesamt ein Dreivierteljahr, Noah setzte sich zwei Monate mit dem Lehrstoff für den Realschulabschluss auseinander.
Auf den ersten Blick scheint das Leben in der Schule bequemer zu sein. Der Lehrplan steht fest, die Schulbücher werden angegeben. Man schreibt ständig Tests und übt die Prüfungssituation dadurch. Man weiss einfach besser, wo man steht.
Als wir zu den Abitur/Realschulprüfungen erschienen, hatten wir schon seit Jahren keinen Test mehr geschrieben oder irgendwelche Prüfungen abgelegt. Es fiel uns schwer, einzuschätzen inwiefern wir den Anforderungen des Lehrplans beim Lernen gerecht geworden waren, ganz zu schweigen von der ungemeinen Nervosität, die durch diese Unsicherheit hervorgerufen wurde.
Reisen bildet, sagt man. Was habt ihr auf Euren Reisen gelernt, was für das Abi/den Realschulabschluss wichtig war?
Als erstes fällt uns da Englisch ein. Permanent waren wir von Englisch umgeben. Es fing mit kleinen Gesprächen an, mit Schildern über Läden und so weiter. Doch schon bald lasen wir auch unsere Bücher in Englisch, und redeten problemlos mit Leuten über jedes Thema. Somit waren wir schnell auf einem Sprachniveau, welches mit schulischen Mitteln, wie dem Lernen von Vokabeln und Grammatik, kaum zu erreichen ist. Eine Stunde intensives Gespräch mit Muttersprachlern am Strand bringt mehr Sprachübung als vier Wochen Schulunterricht. Dadurch mussten wir für unsere Englischprüfungen im Prinzip nichts lernen und bestanden mit Bestnoten.
Auch in Fächern wie Geografie, Biologie und Geschichte half uns unser umfangreiches Allgemeinwissen. Dieses hatten wir uns unterwegs mühelos angeeignet – im Gespräch mit Forschern und Seeleuten, durch den Besuch kulturell signifikanter Schauplätze oder einfach beim Erkunden der Landschaften.
Da wir mehr in der Natur als in Museen unterwegs gewesen waren, musste ich hauptsächlich Geschichte, Mathe und Physik für das Abi lernen.
Und umgekehrt: Was lehrt euch das Reisen, was die Schule nicht kann? (Ein Beispiel wäre toll.)
Wir lernten aus eigenem Antrieb und Neugier sehr viel über die Länder, die wir bereisten, und über die Leute, die dort leben. Jede Gegend der Welt hat so seine Eigenheiten, und diese kommen einem durch einen langen Aufenthalt dort näher, als sie es durch Lesen eines Schulbuches je könnten.
Unsere Eltern sind Naturfotografen, sie fotografieren hauptsächlich Küste und das Meer. Wir verbringen viel Zeit mit Wanderungen und nehmen dabei natürlich den Müll, der überall herumliegt wahr. In unserem Reiseblog schreiben wir gemeinsam über Umweltthemen. So suchen wir uns interessante Leute, die wir zum Thema Müll interviewen können. Wir helfen dabei, Müll aufzusammeln, schauen uns genau an, was an den Stränden liegt. Wir sehen, wo wirklich viel Dreck und Plastik angespült wird, wo es Intitativen gibt, um die Strände zu reinigen. In der Bretagne wies uns eine Frau, Muscheln zum Essen sammelte drauf hin, dass die schwarzen Flecken auf den Felsen noch Ölrückstände vom Tankerunglück vor 20 Jahren seien. Die hatten wir vorher nicht wahrgenommen.
Auf den Lofoten lernten wir von einer deutschen Biologin alles über die Lärmverschmutzung im Meer und welche Auswirkungen das auf die Wale hat. Wir hatten den Kopfhörer der mit dem Hydrophon verbunden war auf den Ohren und hörten, wie laut das Kreuzfahrschiff in der Ferne war. Wir hörten auch den ohrenbetäubenden Lärm der seismischen Messungen für die Ölindustrie und bemerkten, dass an diesen Tagen überhaupt keine Wale im riesigen Vestfjord waren.
Interessant war es auch, gemeinsam „Moby Dick“ als Audiobuch zu hören, dann auf Waltour zu gehen und Pottwale zu sehen. Abends auf dem Campingplatz trafen wir eine Norwegerin, die aus einer Walfängerfamilie stammte und unterhielt uns noch stundenlang mit ihr. Durch solche Erlebnisse wird Interesse angeregt, welches wir dann natürlich vervollständigten, indem wir im Internet und in der Wikipedia recherchierten.
Ihr seid beide früher in eine staatliche Schule gegangen. Wie anders ist das Lernen auf Reisen?
Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, vor allem bei den Fächern, die wir auf Reisen „so nebenbei“ lernten. Wir nahmen kein Schulbuch in die Hand, bis die Prüfungen kurz bevorstanden. Wir verfolgten frei unsere Interessen und eigneten uns eine bleibende Allgemeinbildung an – weil wir es wollten, weil es uns Spaß machte, und weil wir selbstbestimmt entscheiden konnten, was wir wann machten.
Ein ganz wichtiger Faktor ist die Zeit, die wir plötzlich hatten um viele Bücher zu lesen. Und zwar Bücher, die wir uns selbst aussuchten. Da die englischen Bücher billiger sind, griffen wir wann immer möglich auf die Originalversionen zurück. Das hat uns bestimmt im sprachlchen Bereich massiv geholfen. Wenn wir an unsere Schulzeiten zurückdenken, wir mühsam es ist, sich durch ein Buch zu quälen, für das man sich gerade nicht interessiert. Da war das Lesen eher zum Abgewöhnen. Nicht, dass ihr jetzt denkt, wir hätten gar keine Klassiker gelesen. Nein, Goethe fanden wir auch interessant, aber erst ziemlich spät.
Als wir dann schließlich wieder mit Lehrbüchern paukten, war es anders als in der Schule, denn wir konnten unsere Stundenpläne selbst schreiben und sie an unsere Stärken und Schwächen anpassen. Zum Beispiel hatte ich (Esra) in Mathe enorme Wissensslücken, Deutsch fiel mir allerdings leicht. Also verbrachte ich ungleich mehr Zeit mit Mathe als mit Deutsch, und hatte schließlich in beiden Fächern gute Noten. In der Schule hätten wir uns nicht aussuchen können, wie lange wir an einem bestimmten Fach arbeiten. Wir hätten uns in einem Fach gelangweilt und Zeit abgesessen, während wir in einem anderen zurückfallen wären. Um in diesem Fall am Ball zu bleiben, hätten wir zusätzlich große Teile unserer auch so schon knappen Freizeit opfern müssen. Ist Nachhilfe nicht auch eine sogar anerkannte Form von Homeschooling?
Ich habe festgestellt, dass es besser ist, Mathe „am Stück“ zu lernen, also teilweise fünf Stunden pro Tag, als alle zwei Tage in 45-minutigen Schulstunden. Allein diese kleine Freiheit der Zeiteinteilung macht das Lernen enorm effektiv.
Was vermisst Ihr aus dem alten Schulalltag?
Eigentlich gar nichts. Es gibt durchaus Aspekte des Schulalltags, Schulfreunde zum Beispiel, auf die wir nicht gerne verzichten wollten, aber die Sorge erwies sich als unbegründet. Wir treffen uns regelmäßig mit unseren Freunden, auch für längere Zeit. Andere Freilerner haben meist nichts dagegen, gleich mal ein paar Wochen oder Monate mit uns zusammen Dinge zu unternehmen und an Projekten zu arbeiten. Neue Freunde konnten wir auch in Vereinen und unterwegs im Ausland finden.
Was von Euren Erfahrungen mit dem Lernen unterwegs ließe sich in den normalen Schulalltag übertragen?
ESRA: Die Schüler sollten sich mehr ihren eigenen Interessen widmen dürfen. Nur was man aus Interesse lernt, wird dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Klar, manch einer wird nie ein wirkliches Interesse für Mathe entwickeln, da muss man dann einfach durch. Aber so wie Schule momentan abläuft, hat man nur sehr wenig Zeit, die Dinge zu tun, die einen wirklich begeistern. Man lernt fast nur für Prüfungen und vergisst das Gelernte danach gleich wieder. Die Schule müsste einfach mehr Freiraum erlauben.
NOAH: Den Schülern würde ich raten: wenn du mit den angebotenen Schulmaterialien nicht zurecht kommst, suche dir alternatives Material, mit dem du besser arbeiten kannst. Zu oft habe ich im Unterricht und bei den Hausaufgaben frustriert vor irgendwelchen unlogischen Arbeitsblättern oder faden Listen gesessen, mich gelangweilt, und damit total das Interesse am eigentlichen Thema verloren. Dabei gibt es unzählige Wege, an Wissen zu kommen, und in vielen Fällen zahlt es sich aus, nach Quellen zu suchen, die sich mehr nach den eigenen individuellen Lernverhalten richten. Ob es nun Lehrvideos, nicht offizielle Lehrbücher oder Artikel aus dem Internet sind. Klar, es hört sich nach zusätzlicher Arbeit an, es lohnt sich aber auf jedem Fall, wenn man den für sich passenden Lernweg gefunden hat.
Den Lehrern würde ich raten: Gebt den Schülern mehr Freiraum und Eigenverantwortung für selbständiges Lernen. Lasst sie selbst mehr aktiv werden, und ermuntert sie, ihren eigenen Interessen nachzugehen und diese eventuell auch im Unterricht vorzustellen. Das wäre eine gute Alternative für Hausaufgaben. Und wenn ein Schüler mal nichts liefert, nicht bestrafen und Geduld haben. Lernzwang und Motivation schließen sich meiner Meinung nach gegenseitig aus.

Esra un Noah 2008 in Norwegen.

Noah mit acht Jahren auf den Azoren.

Esra letzten Dezember in Lyon, Frankreich

2008 auf einem Bootsteg in Nordnorwegen.

Calanish Standing Stones, Isle of Lewis

Gary Beach, Isle of Lewis, Schottland

Amy mit sieben Jahren in

Wohnmobil in Neuseeland, 2001

Sieben Jahre alter Noah 2004 in Frankreich auf Steinskulpturen.

DCIM100GOPRO

Familienfoto auf der Fähre nach Schweden, 2011

Unsere Kinder 2005 in der Breatgne.

Noah in der Südsee, 2001
Amy legte letztes Jahr auch erfolgreich ihren externen Realschulabschluss ab! Und kurze Zeit später auch das Abitur als Externe. Jetzt studieren alle drei.
Lernen ohne Schule bis zum Abitur
Gabi hat als Mitherausgeberin das Buch „Wir sind so Frei“ umgesetzt. Im Buch finden sich 29 Lebensgeschichten von freilernenden Familien. Die Buchvorstellung mit Gabis Vorwort findest du hier.
Wallfahrtsort Lourdes
24. April
Wir verlassen Ste Marie de la Mer recht früh, das Wetter ist trüb, was die Sache leichter macht. Wir wollen noch einen Leuchtturm suchen, Gunter findet ihn aber in der Karte nicht und schwups sind wir vorbei. Uns gefallen die Bäume in der Region weiter westlich, da könnte man auch noch mal eine Reise hinmachen, damit man mehr Zeit hat. Wir wollen nach Spanien, also schwingen wir uns wieder auf die Autobahn. Lourdes weiter westlich ist unser heutiges Ziel. Bei Carcassonne verpassen wir einen Rastplatz mit wunderbarer Aussicht auf die Stadt, ansonsten ist die Autobahnfahrt sehr ruhig.
Endlich mal ein Supermarkt ohne Höhenbeschränkung
Am späten Nachmittag erreichen wir Lourdes im besten Licht. Die Aussicht auf die Pyrenäen begeistert uns. So macht das Fahren echt Spaß. Endlich sehen wir ein Einkaufszentrum ohne Höhenbegrenzung. Wir stürmen den Supermarkt. Gunter scheint ausgehungert zu sein.
Die Gassen in Lourdes sind eng, der Busverkehr quält sich durch den Verkehr. Die Stellplatzsuche gestaltet sich schwierig in der Stadt. Die Verkehrsführung wurde geändert, wir trauen dem Navi nicht mehr. Stellplätze gibt es auch keine in unserer App angegebenen. Wir quetschen uns in der Stadt auf einen engen Platz und zahlen die Parkuhr. Gunter mag nicht mitkommen. Schade. Ich schlendere an all den Souvenirläden entlang. Wow, was für ein Kommerz! Ich kaufe einen Kühlschrankmagneten und eine Plastikflache für das berühmte Lourdes Quellwasser und fühle mich komisch dabei. Ja, deswegen gibt es da soviel Souvenirläden, weil die Leute den Kram auch kaufen.
Basilika von Lourdes
Ein magischer, energiegeladener Ort – Lourdes
Danach schaue mir den großen Platz, die Kirche und Grotte eine Stunde lang an. So viele Gläubige, dieses andächtige Beten (ich bin in einer Gruppe Italiener gelandet), die Magie des Ortes und das klare Licht – ich bin begeistert!. Mir läuft Gänsehaut über die Arme und den Rücken. Doch die Fotografin in mir ist übermächtig. Ich kann die Stimmung nicht einfach nur auf mich wirken lassen, nein, ich muss es fotografieren. Ich bin der Meinung, dass Gunter das unbedingt sehen muss! Gunter meint, dass es ihn traurig macht, die vielen schwerkranken Menschen zu sehen, die auf Heilung hoffen. Bei der Anzahl Menschen, die Lourdes jeden Tag besuchen ist der Anteil, der wirklich eine „Wunderheilung“ erfährt schwindend gering.
Marienstatue, Lourdes
Detail der Basilika, Lourdes
Prozession über den Platz vor der Kirche
Wir suchen weiter nach dem Stellplatz und finden ihn weit hinter dem Parkplatz Paradies außerhalb der Stadt (10 Euro) da stehen die Wohnmobile noch hinter den Bussen. Wir fahren mit den Rädern wieder in die Stadt hinein und kommen gerade rechtzeitig, um die Prozession in der Nacht zu fotografieren. Die Ordner haben alle Hände voll zu tun um die Menschenmassen in die gewünschte Position zu bekommen. Freundlich sind sie dabei leider nicht. Wir verdrücken uns vor Ende der Zeremonie wieder aus der Stadt, um mit den Rädern gut durch die Gassen zu kommen. Die Nacht ist sehr ruhig, nicht mal der sehr nahe Bach plätschert.
abendliche Prozession in Lourdes
abendliche Prozession in Lourdes
Roadtrip Atlantikküste Spanien, Portugal, Frankreich
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Ste Marie de la Mer, Camargue
Das Meer wartet auf uns
Das Meer wartet auf uns. Da bin ich mir sicher. Wir lenkten das Mobil wieder auf die Autobahn, um schneller ans Meer zu kommen und das obwohl Frankreich auch im Land so viel Schönes zu bieten hat. Wir sitzen also mal wieder einen Tag im Mobil und gurken Richtung Mittelmeer. Ich träume schon lange davon, die Camargue Pferde zu sehen und auch zu fotografieren. Den Umweg von etwa 100 km ist es uns also auf dem Weg ganz in den Süden von Spanien wert. Es ist bereits 19:00 Uhr, als wir endlich mit fast leerem Tank das Meer riechen. Wir tankten trotzdem noch schnell – die Gefahr stehen zu bleiben ist mir zu groß. Landschaftlich macht die Camargue auf den ersten Blick nichts her.
Ste Marie de la Mer, Camargue
Doch schon bei der Anfahrt nach Ste Marie de la Mer sahen wir die Pferdefarmen am Straßenrand. Das hat was von Wild West. Pferde überall, auch der Duft von Pferd hängt in der Luft. Das Licht ist magisch, wie es sich am Meer so gehört. Die warme Abendröte hängt in der Luft und hält sich lange in der Landschaft. In Meeresnähe finden wir einen weiten Stellplatz auf Schotter. Da das Licht sich hält, die wiehernden Pferde im Gegenlicht traumhaft aussehen, packe ich direkt ein Fahrrad raus und radle durch die Gegend. Ich bin im Erkundungsmodus. Ich fotografiere nur ein wenig, das macht mir Spaß.
Gunter ruht sich aus. Ihn macht die Camargue nicht an. Mich schon.
Logischerweise statte ich auch dem Meer einen Besuch ab. Das Mittelmeer dümpelt so vor sich hin. Es ist blau und weit. Große Felswälle liegen vor der Bucht, sie sorgen dafür, dass sich weitere Sandstände bilden. Fotografisch macht mich das Meer so eher nicht an. Es wird eh dunkel und Zeit fürs Bett.
Abends in Ste Marie de la Mer, Camargue
Nur abends ist es so menschenleer in Ste Marie de la Mer, Camargue
Nur abends ist es so menschenleer in Ste Marie de la Mer, Camargue
T-Shirt Wetter in Ste Marie de la Mer
Die Sonne weckt uns früh. Der Himmel ist knallblau. Wir laufen bei bestem T-Shirt Wetter in den Ort hinein. Es ist nicht weit, vielleicht ein Kilometer, am Strand entlang dauert es natürlich länger und ist auch mühsamer im weichen Sand zu laufen anstatt auf dem Gehweg.
Wir genießen die Sonne, das Blau, das Rauschen der Wellen und die kleinen Muscheln am Strand. Nach einer Stunde erreichen wir fotografierend den Ort. Dort erwartet uns Touristentrubel. Von jeder Ecke her tönt Musik, die sich disharmonisch in der Mitte des Platzes sammelt. Was für ein Wirrwarr an Menschen, Gassen, Souvenirläden und musikalischem Lärm.
Mir gefallen die engen Gassen, die klaren Farben und der Trubel. Das hat was von Urlaub, und den brauche ich gerade. Wir landen auf einem kleinen Trödelmarkt und ich sage gerade zu Gunter: »Wir können ja mal schauen, müssen nichts kaufen«. Da sehe ich einen langen Greifarm, den ich wunderbar zum Strandsäubern brauchen kann und schlage bei einem Euro zu.
Gunter findet Gefallen am mediterranen Baustil und den engen Gassen, er fängt an zu fotografieren. Wir sind erst ein paar Stunden später wieder am Mobil.
Es war warm geworden, ich ziehe kurze Hosen und ärmelloses T-Shirt an und stecke die Füße ins Meer und sammele Muscheln.
Leuchtturm Gascholle
In der Touristeninfo hatte ich herausgefunden, dass die berühmten Camargue Pferde am ehesten in den Salzmarschen etwas weiter östlich zu finden sind. Außerdem gibt es dort auch einen relativ nahen Parkplatz beim Leuchtturm Gascholle.
Auf der Suche nach Pferden und Flamingos
So fahren wir los auf der Suche nach Flamingos und Pferden. Ich vermute, dass wir die Pferde wohl am besten auf einer Farm finden würden. Wir besuchen die touristische Farm Méjanes, ich finde jedoch keinen Ansprechpartner.
In der Stadt hatte ich bereits ausgiebig nach einer möglichen geführten Tour zu den Pferden im Sonnenuntergang gefragt. Keine Chance. Die Touren gehen entweder um 10:00 Uhr oder um 14:00 Uhr los. Das bringt nichts im grellen Tageslicht. Also besuchen wir zuerst den Leuchtturm. Über holprige Feldwege arbeiten wir uns bis auf Sichtweite vor. Das letzte Stück trauen wir uns nicht. Ich möchte das Fahrwerk unseres Mobils nicht überstrapazieren. Der Leuchtturm sieht relativ nah aus. Ich radle allein los, Gunter brutzelt das Essen. E
s ist doch weiter als gedacht. Ich strampele mich auf der Holperstrecke ab und immer, wenn ich in der grellen Sonne Richtung Leuchtturm schaue, ist er noch genauso weit weg wie vor ein paar Minuten. 5 km später und ziemlich durchgerüttelt erreiche ich ihn schließlich doch noch. Der Leuchtturm sieht schön aus, wie ein typischer Leuchtturm eben. Hoher Turm mit Wohngebäuden.
Normalerweise wünsche ich mir so einen Leuchtturm ja als Domizil, diesen hier aber nicht. Er steht inmitten des Marschgebietes, im Sommer dürfte es hier nur so vor Stechmücken summen. Hie und da sehe ich Flamingos, aber nach Meer sieht es nicht aus. Es rauschen auch keine Wellen. Ich erfreue mich an der Geschwindigkeit, die ich mit dem Rad hinbekomme – ziemlich schnell für den holprigen Untergrund. Ich muss wohl nach der langen Anreise Bewegungsenergie abbauen. Es ist warm, der Wind ist kühl, ich bekommen Farbe, nur leicht rot, das wird schnell braun werden.
Phare Gascholle, Camargue
Flamingos
Eine kleine Brücke am Wegesrand überfliegen immer wieder Flamingos aus beiden Richtungen. Von unten aus betrachte ich die Tiere und wundere mich, dass diese langen Vögel so anmutig fliegen können. Wir haben jedenfalls einen idealen Fotospot gefunden, das Licht ist mittlerweile auch gut. Wir vergnügen uns mindestens ne Stunde, dann ziehen wir weiter.
Flamingos, Camargue
Camargue Pferde
Auf dem Rückweg versuche ich nochmal, jemanden auf der Farm zu finden, jetzt ist alles wie ausgestorben. Kein Ansprechpartner weit und breit. Wir putzen die Scheiben des Mobils, denn im grellen Abendlicht sahen wir gar nichts mehr. Der Abstecher war trotzdem nicht unnötig gewesen. Auf einer Koppel fotografiere ich die müden Pferde, die den ganzen Tag über brav Touristen befördert hatten. Das sieht man den Tieren auch an. Sie sind ästhetisch, aber abgeschafft. Nur ein kurzes Stück weiter kommen zwei Pferde auf uns zugelaufen. Diese beiden sind wohl schon eine ganze Weile frei in einem großen Areal. Wow, sie sahen majestätisch aus. Sie haben eine völlig andere Ausstrahlung und ich habe das Glück, dass das Licht passt. So bekomme ich zwar nicht die Pferdefotos, die ich mir vorgestellt hatte, aber welche, die mir der Zufall schenkt.. Dankbar schieße ich unzählige Fotos, während die beiden immer näher zu mir herankommen. Am Ende trennt uns nur noch ein Wassergraben voneinander.
Camargue Pferde
Glücklich lenke ich das Womo wieder zum Meer hin. Wir schauen uns den Stellplatz östlich der Stadt an, der gefällt uns jedoch nicht so gut wie der von der letzten Nacht. Also fahren wir wieder dorthin und schlafen müde durch die ruhige Nacht.
Probleme mit der Kamera
Im Oktober hatte sich bei der Fototour auf der bretonischen Insel Ouessant eine SD Karte in der Kamera zerbröselt. Die Kamera musste in Reparatur, alle Einstellungen waren auf Werkseinstellungen zurückgesetzt worden. Das ist schon blöd, wie lange es dauert, bis da wieder alles stimmt. Eine Einstellung hatte ich übersehen, und die bereitete mir ziemliche Schwierigkeiten. Normalerweise schaffe ich es, 1400 Fotos mit einer Batterieladung aufzunehmen. Jetzt war die Batterie jedes mal nach nur 200 Aufnahmen leer. Das stresste mich, weil ich nur drei Original Canon Batterien habe und da keine Engpässe brauchen kann. Also noch mal rein, in die Tiefen des Menüs und siehe da, ich hatte das automatische Abschalten der Kamera auf »deaktiviert« stehen. Jetzt passt endlich wieder alles.
Das hat uns heute gefallen:
Das hat uns nicht gefallen:
Roadtrip Atlantikküste Spanien, Portugal, Frankreich
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Fahrt über Emmendingen zu den Cascade de Tufs in Frankreich
20. April, Anfahrt – Deutschland, Autobahn, Emmendingen
Reisevorbereitungen und verspätete Abfahrt
Wir kamen leider wesentlich später los, als es uns lieb war. Irgendwie ist das immer so bei uns. Wenn wir einen Termin haben, merken wir, was noch alles dringend zu erledigen ist. Und dann sputen wir uns und schaffen, was das Zeug hält.
Esra war gerade in den USA und ich gewöhnte mich daran, mir keine großen Sorgen mehr zu machen, wenn er allein unterwegs ist. Doch diesmal war er soweit weg, das war wirklich sehr ungewohnt. Unser Ältester ist ein geübter Reisender, der weiß, wie man gut herumkommt. Seine Berichte werden jetzt so nach und nach im Blog eintrudeln.
Kurzes Portrait im SWR über Gabi
Dann fragte eine nette Mitarbeiterin des SWR, die meinen Vortrag über das Reisen und freien Leben im Winter in Bubenheim gehört hatte, ob Sie ein »Persönlich« über mich machen könnte. Ein kurzer 5 minütiger Beitrag sollte es werden. Das fand ich gut, es zwang mich mal wieder dazu, mich zu sortieren und in mich zu gehen. Ich sortierte also innerlich so vor mich hin, der Filmtermin näherte sich und so ganz ordentlich waren meine Gedanken noch nicht. Naja, in den wenigen Minuten kann man eh nicht allzuviel sagen. Ich nahm mir vor, endlich mal alles aufzuschreiben, was ich in den letzten Jahren an Erfahrungen und Ideen hatte.
Der Drehtag war jedenfalls sehr spannend aber auch irgendwie anstrengend. Ich stand im Mittelpunkt – und das ist ungewohnt für mich. Es fiel mir schwer, nicht in die Kamera zu schauen, warum auch immer. Vielleicht, weil ich es beim Fotografieren ganz gern habe, wenn die Leute reinschauen.
Womo hängt in der Werkstatt fest
Nun, der Drehtag lag etwa eine Woche vor Ersas Rückkehr und er bat uns drum, doch noch auf ihn zu warten. Wir warteten und da jetzt soviel Zeit ins Land gegangen war, entschlossen uns jetzt doch, vor der großen Fahrt TÜV und Inspektion zu machen. Normalerweise wäre der TÜV erst im Mai fällig gewesen, wären wir im März, wie geplant losgekommen, hätten wir die Hauptuntersuchung erst nach der Tour gemacht. Bei der Gelegenheit lasteten wir das Mobil wieder auf 3,5 t ab. Wir sind ja nur noch zu zweit oder dritt unterwegs. Somit brauchen wir nur noch alle zwei Jahre TÜV und nicht mehr jedes Jahr.
Esra bringt uns ne Grippe aus den USA mit
Esra brachte von seine USA Reise nicht nur viele Fotos und Erlebnisse mit, nein, er steckte uns mit einer Virengrippe an. Blöd! Wir quälten uns mit berstenden Kopfschmerzen und das Lastminute-Arbeiten und Fotoauswahlen fertigmachen ging wesentlich schleppender vorran.
Das Wohnmobil wollte auch mal wieder nicht ohne Mängel durch den TÜV, ja klar, die Kiste ist über 20 Jahre alt und steht immer ein halbes Jahr rum. Wir haben da auch einen Mader, der anscheinend die Manschette des Vorderrads anknabbern mag. Unsere Werkstatt wechselt gern Radlager, und die scheinen am Fahrzeug echt ne Schwachstelle zu sein, wir warteten länger als ne Woche.
Esras USA Beiträge gibt es hier.
So und jetzt wisst ihr, warum wir so spät losgekommen sind.
Zwischenstopp in Emmendingen
Auf dem Weg nach Frankreich besuchten wir noch meine Eltern in Frankenthal, dann ging es auf die Autobahn. Wir starteten diesmal direkt Richtung Süden, damit wir nicht wieder in der Bretagne Hängen bleiben, wie es uns schon so oft passierte. Meine Freundin Helen lachte sich letztens einen, als ich sagte, wir fahren nach Spanien. Sie meinte nur, dass wir das immer sagen und doch nie hinfahren. Mir war das gar nicht bewusst, aber Helen hat Recht. Wir wollen seit dem Jahr 2009 nach Spanien und schafften es bisher nie. Jetzt unterwegs merkten wir, dass unsere Reiseführer total veraltert sind. Dumm gelaufen.
ABER – diesmal, das versprech ich, schaffen wir es bis Spanien und sogar noch weiter.
Unser erster Übernachtungsplatz war in Emmendingen. Der Platz ist kostenlos, schön ruhig gelegen, mit schnellem Internet und Biowecker – da brütet eine große Krähenkolonie in den Bäumen und die sind schon sehr früh sehr laut.
Meine Freundin Maria
Leider erfuhr ich just auf diesem Platz, dass meine liebe, gute Freundin Maria gestorben war. Heulend saß ich da und sinnierte über das Leben und dessen Endlichkeit.
Meine Freundin Maria
Das erste Treffen mit Maria und ihrer Familie – sie waren vor ca. 16 Jahren auf dem Weg nach Spanien und machten Halt bei uns – veränderte mein Leben. Obwohl uns mehr als 1000 km trennen, ist Maria danach immer extrem präsent gewesen in meinem Leben. Wir fuhren fast jedes Jahr nach Schweden, besuchten unsere Freunde auf ihrer Farm. Maria und Familie unterstützten uns auf dem schwierigen Weg zum schulfreien Leben. Was habe ich lange Gespräche mit meiner Freundin gehabt: Beim Spazierengehen, auf langen Autofahrten, in der Sauna, beim Essen, beim Radfahren. Wir verbrachten viel intensive Zeiten miteinander. Vor allem der Winter 2010/11, wo wir ein Nachbarshaus gemietet hatten, war von gemeinsamen Aktivitäten geprägt. Wir hatten eine Phase, wo wir jeden Tag eine halbe Stunde zusammen mit Corrine aus England skypten. Ach, Maria. Du bist zu früh gestorben, doch ich bin unendlich dankbar, Dich kennengelernt und so viel wertvolle Stunden mit Dir verbracht zu haben! Ich werde zukünftig für uns beide die Schönheit dieser Welt bewusst genießen.
Hier ist ein Foto von Corinne, Maria und mir.
21. April – französischer Jura, Baume les Messieurs, Franche Comté
Wir wollten diesmal sicher gehen, dass wir nicht wieder in der von uns so geliebten Bretagne landen. So fuhren wir die Autobahn in Deutschland schon recht weit nach Süden. Im französischen Jura wollten wir den traumhaft schönen Wasserfall Cascade de Tufs fotografieren. Schon während der Fahrt dorthin bestaunen wir die Region. Diese markante Steilküste, die Burgen, die sich hoch oben an den Rand festklammern, das frische, saftige Frühlingsgrün der Bäume – wir saßen im Womo und staunten.
Cascade de Tufs
Der Wasserfall liegt ganz am Ende der Schlucht. Von allen Seiten erheben sich die Steilwände. Wie von einem Thron fließt Wasser über Moos plätschernd herab. Es ist leider nicht viel Wasser. So, wie das Tal halbrund ist, so ist auch der Wasserfall. Es gibt doch diese Schokoladenbrunnen – so ähnlich sah das Gebilde aus. Man kann fast um den Wasserfall herumlaufen. Wir mühten uns fotografisch sehr mit dem grellen Gegenlicht und den zahlreichen Menschen, die uns ständig ins Motiv liefen. Das war ne Herausforderung. Mit mehr Wasser wäre es wesentlich einfacher gewesen. Nun, wir müssen nehmen, was kommt.
Etwas weiter im Tal lag ein kleiner, gemütlicher Campingplatz direkt am Bach, der friedlich vor sich hin gurgelte. Dort stellten wir uns hin, packten den Tisch und die Stühle raus und aßen draußen zu Abend. Ich glaube zum ersten Mal in unserer Wohnmobilgeschichte – was schon sehr erstaunlich ist.
Kurze Radtour durchs Tal
Ich hatte wie immer Hummeln im Hintern. Da warteten noch zig Motive auf uns, die wir im vorbeifahren gesehen hatten. Wir packten die Räder aus und schnallten die Fotorucksäcke auf den Rücken und radelten los. Die Motive lauerten wirklich überall. Vielleicht waren wir nur nach dem langen Winter ausgehungert und sogen die Schönheit in uns auf.
Mir fielen die mannigfaltigen, intensiven Geräusche auf. Grillen zirpten in einer fast ohrenbetäubenden Lautstärke auf den Wiesen. So intensiv habe ich das noch nie gehört. Ich bedauerte es, nicht ein Tonaufnahmegerät gekauft zu haben. Auf meinem Amazon Wunschzettel steht es schon lange. Die Vögel zwitscherten in den angrenzenden Wäldern, das Wasser des Baches grugelte gemächlich. Die ganze Stimmung war unglaublich friedlich und ich saugte alles in mich auf. Dazu der frische Wind, der uns auf den Rädern um die Nasen und Ohren wehte, die Bewegung, die uns nach der langen Autofahrt gut tat und dieses magische, weiche Abendlicht, wie es nur in ganz frischer, sauberer Luft zu sehen ist. Dankbar nahm ich alles in mich auf. Der Tod meiner Freundin hängt wie eine dunkle Wolke über mir – ich bin unendlich traurig aber gleichzeitig nehme ich alles bewusster wahr. Das ist ein extrem intensives Wahrnehmen.
Cascade de Tufs
Neue Stative für uns beide – Rollei Carbon
Wir haben übrigens beide neue Stative. Das war schon lange überfällig, weil unsere Manfrottos doch sehr abgenutzt waren und uns dauernd wegen lockerer Scharniere Finger einklemmten, oder die Verschlüsse an den Beinen nur mit Gewalt zu öffnen waren. Ich wollte Manfrotto treu bleiben, schickte das bestellte Stativ jedoch nach ein paar Tagen zurück, weil die Schnappverschlüsse mir beim Öffnen an den Händen weh taten. Unsere Wahl fiel deswegen auf Rollei. Wir entschieden uns jetzt doch für Drehverschlüsse und Carbon und werden die Tage einen ausführlichen Testbericht veröffentlichen. Hier aber schon ganz kurz: Das macht echt Spaß mit den Rollei Carbon Stativen zu arbeiten. Das Handling ist genial.
Gunter bei der Arbeit mit dem neuen Rollei Stativ
Die Rollei Stative bei Amazon: Rollei Rock Solid Beta und Rock Solid Gamma
Das hat uns gefreut
• saftiges Grün
• Grillen auf den Wiesen unglaublich laut
• Aufmunternder Vogelgesang
• Plätschern des Baches
• Saubere Luft und der intensive Duft nach Hefe als wir an einer Brauerei vorbeiradelten
• Das Dorf auf der Bergkante sah richtig cool aus
• Rollei Stativ ist geil
Das hat uns geärgert
• Höhenbeschränkungen auf Supermarktparkplätzen, wir konnten nirgends einkaufen
• Autobahntankstellen sind unverschämt teuer, also muss man abfahren und sich dann mit Höhenbeschränkungen an den großen Supermärkten rumquälen
• Maria ist viel zu früh gestorben
Roadtrip Atlantikküste Spanien, Portugal, Frankreich
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Statusbericht aus Frankreich
Gabi und Gunter sind nun seit etwas über einer Woche unterwegs nach Spanien, während der Rest der Familie zum ersten mal zusammen in Deutschland bleibt. Zurzeit sind die beiden noch ohne mobiles Internet unterwegs, aber sobald sie Frankreich durchquert haben, sollten sie wieder regelmäßig bloggen können.
Bis dahin könnt ihr ihre Reise durch den Süden Frankreichs aber auch auf Instagram verfolgen, wo die Beiden hin und wieder Impressionen der Gegend teilen:
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Letzen Freitag lief auch ein Beitrag über Gabis Fotografie im SWR, den kannst du dir anschauen, indem ihr unten auf das Bild klickst.
Leuchtturm Kalender 2018 – Extra Seiten mit zahlreichen weiteren Fotos
Wie jedes Jahr gibt es auch für 2018 für jedes Kalenderblatt des Leuchtturm Kalenders eine extra Seite mit Infos, Reiseerlebnissen, zahlreichen weiteren Fotos, Panoramen und Zeitrafferfilmchen. Es lohnt sich also, besonders für Leuchtturmliebhaber, da mal durchzuklicken. Für diejenigen, die den Leuchturm Kalender haben und einmal auf die Extra Seiten schauen wollen und für die, die ihn nicht haben sich aber für Leuchttürme begeistern. Der Kalender bei Amazon.
Die Seiten sind fast fertig, hie und da werden wir noch kurze Filmchen und Fotos dazu hochladen. Viel Spaß!
Whitby, Yorkshire, Großbritannien
Whitby, Yorkshire, Großbritannien
Lindesness Fyr im Zeitraffer in der Nacht, Südnorwegen
Lindesness Fyr im Süden Norwegens ist der älteste und berühmteste Leuchtturm des Landes. Fotogalerie und Zeitraffer-Nachtaufnahmen.
Clochpoint Lighthouse, Schottland
Clochpoint Lighthouse, Schottland
Der Leuchtturm List Ost, Sylt
Der Leuchtturm List Ost auf Sylt ist zusammen mit seinem Zwillingsbruder List West, der älteste Gusseisenleuchtturm Deutschlands.
St. Mary’s Lighthouse, Newcastle, England
Das St. Mary’s Lighthouse bei Newcastle ist ein Leuchtturm, wie aus dem Bilderbuch. Der Turm steht auf einer kleinen Insel, die bei Ebbe zugänglich ist.
Leuchtturm Stavoren, Niederlande
Fotos des kleine Leuchtturms in Stavoren, Niederlande
Phare de Goulenez, Île de Sein, Bretagne
Phare de Goulenez ist der größte Leuchtturm auf der Île de Sein in der Bretagne. Schaut dir die Fotos des Leuchtturms und der kleinen Insel …
Corsewall Lighthouse, Galloway, Schottland
Im Norden der Halbinsel Rhins of Galloway im Südwesten Schottlands steht das Corsewall Lighthouse einsam auf hohen Klippen inmitten grüner Wiesen.
Fotogalerie des Leuchtturms vom Texel, Niederlande
Der Leuchtturm von Texel ist der einzige niederländische Ort, von dem man aus die Sonne über dem Meer auf- und untergehen sehen kann.
Flambourough Lighthouse, Yorkshire, Großbritannien
Über den steilen Küstenklippen von Yorkshire ragt das imposante Flamborough Head Lighthouse. In der Nähe nisten Basstölpel in den Bempton Cliffs.
Leuchtfeuer in Henningsvaer, Norwegen
Bei Henningsvaer auf den Lofoten, inmitten der grandiosen Natur steht ein kleines Leuchtfeuer, das in der Nacht weit über den Vestfjord strahlt.
Nordlicht am Leuchtturm List West, Sylt
Polarlicht-Alarm auf Sylt am Leuchtturm List-West. Wir hatten großes Glück, dieses in diesen Breiten extrem seltene Naturschauspiel zu beobachten und fotografieren zu können.
Auf Reisen fürs Leben und die Schulabschlüsse lernen
Für das Geo Saison Magazin beantworteten Esra und Noah ein paar Fragen zum Lernen ohne Schule. Im Magazin wurde letztes Jahr ein Auszug des Interviews abgedruckt. Im Blog haben wir mehr Platz, daher gibt es das jetzt in voller Länge.
Abitur- /Realschulabschluss ohne Schule – könnt ihr das empfehlen?
Unsere Erfahrungen mit dem Lernen ohne Schule sind durchgehend positiv. Wir wagen es trotzdem nicht, es generell zu empfehlen, denn es hängt stark von der Person ab. Im Gespräch mit anderen Schülern kristallisierten sich zwei Grundtypen heraus: die einen legen Wert auf die Routine und Bequemlichkeit, die ihnen das durchorganisierte Schulsystem bietet. Die anderen lernen lieber eigenständig und passen ihre Lernmaterialen und die Themen an ihre individuellen Stärken und Schwächen an. Es wäre natürlich ideal, wenn jeder Schüler einmal ein paar Monate Auszeit von der Schule nehmen könnte, um das selbstbestimmte Lernen auszuprobieren, doch leider macht die derzeitige Rechtslage in Deutschland das nahezu unmöglich. Für uns ist es eindeutig die richtige Lernmethode gewesen. Wir möchten vor allem „schulmüde“ Jugendliche anregen, das freie Lernen wenigstens als Option in Betracht zu ziehen.
Wie ist das überhaupt möglich – lernen ohne Schule?
Die Schule ist nicht der einzige Ort, wo man lernen kann. Wir würden sogar soweit gehen zu sahen, dass es bessere Orte zum Lernen gibt. Kleine Kinder lernen selbständig zu sprechen, zu laufen und vieles mehr, nur indem sie sich in einem geeigneten Umfeld aufhalten, beobachten und nachmachen. Das selbstbestimmte Lernen hört ja nicht mit sechs Jahren auf. Selbst Lesen und Rechnen lernen Kinder von selbst, wenn der Zeitpunkt stimmt.
Eine großer Teil des Stoffes, der in der Schule gelehrt wird, begegnet uns ständig im Alltag. Wir werden damit im täglichen Leben konfrontiert und eignen ihn uns auch ohne Schulunterricht an.
Deutsch? Wir sind alle konstant von geschriebenem Wort umgeben. Ständig sehen wir Wörter und Texte, sei es auf der Müslipackung beim Frühstück, auf Schildern beim Spazierengehen oder Autofahren oder auf und in ersten Kinderbüchern. Jedes Kind fragt sich irgendwann, was sich hinter diesen Zeichen verbirgt und geht der Sache nach. Unsere Schwester lernte zum Beispiel Lesen, indem sie uns immer wieder fragte: „Was ist das für ein Buchstabe? Und das?“ Irgendwann hatte sie es auch ohne Schule drauf.
Englisch? Im Zeitalter des Internets und der globalen Vernetzung ist es beinahe unumgänglich, dass man mit der Sprache in Kontakt kommt. Wir hatten das natürlich auf unseren Reisen. Unsere Eltern sprachen mit Leuten aus anderen Ländern Englisch, und wir hörten erstmal nur zu. Dann fingen wir an, uns für englische Bücher zu interessieren, und irgendwann konnten wir einfach Englisch lesen, schreiben und sprechen.
Geschichte und Erdkunde? Praktisch überall relevant wo es Menschen gibt.
Wir selbst hatten ja anfangs auch unsere Zweifel was das Lernen ohne „Büffeln“ betraf, das heißt Lernen aus Schulbüchern mit Lösen von künstlichen Fragestellungen, und haben auch die ersten Wochen nach unserem Austritt aus der Schule einen großen Teil unserer Zeit mit Computerspielen und Filmen verplempert. Wir hatten auf einmal viel Zeit, und diese war noch dazu unbegrenzt, also nicht nach sechs Wochen Ferien wieder vorbei.
Wir staunten, wie schnell sich unsere Tage mit sinnvollen Tätigkeiten anfüllten. Auch, wenn Erwachsene, das vielleicht nicht so sahen. Wir bastelten und bemalten zum Beispiel Warhammer Miniatur-Figuren an und hörten nebenbei Hörbücher. Um besser zu werden tauschten wir uns in Internetforen, natürlich auf Englisch, mit anderen Warhammer-Fans aus. Wir lernten das Schreiben in Englisch, übten uns im Planen von Projekten, arbeiteten künstlerisch handwerklich, saugten nebenbei Literatur in uns auf und fühlten uns dabei wohl.
Den größten Teil des für die Abschlüsse verlangten Stoffes haben wir durch unser allgemeines Interesse und unsere Neugierde drauf gehabt. Dann gibt es natürlich noch die Themen, wie Mathematik und Physik, die man mit dem Lehrbuch pauken muss. Doch auch das ist nicht mehr so im Informationszeitalter. Im Internet gibt es hervorragende Lehrvideos mit deren Hilfe wir jeden „Schulstoff“ lernen können. Das Gute daran ist, dass wir das Video wieder und wieder anschauen können, bis wir das Thema verstanden haben. Versuch das mal beim Lehrer!
Haben Eure Eltern euch unterrichtet? Wenn ja – wie lief das ab?
Nein, haben sie nicht. Wir sind als Familie gemeinsam monatelang in der Natur unterwegs gewesen. Trotzdem hatten wir die Freiheit, unseren Tagesablauf selbst zu gestalten und viel Zeit unseren Interessen und Ambitionen nachzugehen. Auch in der Zeit, vor den Prüfungen, haben wir selbst entschieden, wann und wie wir das Lernen dafür angehen. Lehrer in diesem Sinn hatten wir keine.
Was habt Ihr anderen Schülern voraus? Was haben sie Euch voraus?
Wir sind wahrscheinlich selbstständiger und auch besser organisiert. Der gewöhnliche Klassenunterricht vermittelt zwar viel Fachwissen, aber manche Dinge kann man dort einfach nicht verlässlich lernen: Eigeninitiative, wie man sich auf eigene Faust etwas beibringt, oder die Fähigkeit sich selbst mit aufkommenden Problem auseinander zu setzen. All dies sind unserer Meinung nach Kompetenzen, welche im späteren Leben unschätzbar wertvoll sind.
In der Schule gab es Projektwochen, wo genau das vermittelt werden sollte. Doch kaum waren die Projektwochen rum, stand da wieder der Lehrer vor uns und sagte, was wir wann zu tun hatten.
Wir haben als Freilerner viel mehr Zeit, uns selbst zu finden. Wir konnten die unterschiedlichsten Sachen ausprobieren und die Themen finden, die uns interessierten und Spaß machten. Auf diese Weise lernten wir vieles fast schon nebenbei und brauchten relativ wenig Zeit für die Prüfungsvorbereitung. Für das Abi lernte ich insgesamt ein Dreivierteljahr, Noah setzte sich zwei Monate mit dem Lehrstoff für den Realschulabschluss auseinander.
Auf den ersten Blick scheint das Leben in der Schule bequemer zu sein. Der Lehrplan steht fest, die Schulbücher werden angegeben. Man schreibt ständig Tests und übt die Prüfungssituation dadurch. Man weiss einfach besser, wo man steht.
Als wir zu den Abitur/Realschulprüfungen erschienen, hatten wir schon seit Jahren keinen Test mehr geschrieben oder irgendwelche Prüfungen abgelegt. Es fiel uns schwer, einzuschätzen inwiefern wir den Anforderungen des Lehrplans beim Lernen gerecht geworden waren, ganz zu schweigen von der ungemeinen Nervosität, die durch diese Unsicherheit hervorgerufen wurde.
Reisen bildet, sagt man. Was habt ihr auf Euren Reisen gelernt, was für das Abi/den Realschulabschluss wichtig war?
Als erstes fällt uns da Englisch ein. Permanent waren wir von Englisch umgeben. Es fing mit kleinen Gesprächen an, mit Schildern über Läden und so weiter. Doch schon bald lasen wir auch unsere Bücher in Englisch, und redeten problemlos mit Leuten über jedes Thema. Somit waren wir schnell auf einem Sprachniveau, welches mit schulischen Mitteln, wie dem Lernen von Vokabeln und Grammatik, kaum zu erreichen ist. Eine Stunde intensives Gespräch mit Muttersprachlern am Strand bringt mehr Sprachübung als vier Wochen Schulunterricht. Dadurch mussten wir für unsere Englischprüfungen im Prinzip nichts lernen und bestanden mit Bestnoten.
Auch in Fächern wie Geografie, Biologie und Geschichte half uns unser umfangreiches Allgemeinwissen. Dieses hatten wir uns unterwegs mühelos angeeignet – im Gespräch mit Forschern und Seeleuten, durch den Besuch kulturell signifikanter Schauplätze oder einfach beim Erkunden der Landschaften.
Da wir mehr in der Natur als in Museen unterwegs gewesen waren, musste ich hauptsächlich Geschichte, Mathe und Physik für das Abi lernen.
Und umgekehrt: Was lehrt euch das Reisen, was die Schule nicht kann? (Ein Beispiel wäre toll.)
Wir lernten aus eigenem Antrieb und Neugier sehr viel über die Länder, die wir bereisten, und über die Leute, die dort leben. Jede Gegend der Welt hat so seine Eigenheiten, und diese kommen einem durch einen langen Aufenthalt dort näher, als sie es durch Lesen eines Schulbuches je könnten.
Unsere Eltern sind Naturfotografen, sie fotografieren hauptsächlich Küste und das Meer. Wir verbringen viel Zeit mit Wanderungen und nehmen dabei natürlich den Müll, der überall herumliegt wahr. In unserem Reiseblog schreiben wir gemeinsam über Umweltthemen. So suchen wir uns interessante Leute, die wir zum Thema Müll interviewen können. Wir helfen dabei, Müll aufzusammeln, schauen uns genau an, was an den Stränden liegt. Wir sehen, wo wirklich viel Dreck und Plastik angespült wird, wo es Intitativen gibt, um die Strände zu reinigen. In der Bretagne wies uns eine Frau, Muscheln zum Essen sammelte drauf hin, dass die schwarzen Flecken auf den Felsen noch Ölrückstände vom Tankerunglück vor 20 Jahren seien. Die hatten wir vorher nicht wahrgenommen.
Auf den Lofoten lernten wir von einer deutschen Biologin alles über die Lärmverschmutzung im Meer und welche Auswirkungen das auf die Wale hat. Wir hatten den Kopfhörer der mit dem Hydrophon verbunden war auf den Ohren und hörten, wie laut das Kreuzfahrschiff in der Ferne war. Wir hörten auch den ohrenbetäubenden Lärm der seismischen Messungen für die Ölindustrie und bemerkten, dass an diesen Tagen überhaupt keine Wale im riesigen Vestfjord waren.
Interessant war es auch, gemeinsam „Moby Dick“ als Audiobuch zu hören, dann auf Waltour zu gehen und Pottwale zu sehen. Abends auf dem Campingplatz trafen wir eine Norwegerin, die aus einer Walfängerfamilie stammte und unterhielt uns noch stundenlang mit ihr. Durch solche Erlebnisse wird Interesse angeregt, welches wir dann natürlich vervollständigten, indem wir im Internet und in der Wikipedia recherchierten.
Ihr seid beide früher in eine staatliche Schule gegangen. Wie anders ist das Lernen auf Reisen?
Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, vor allem bei den Fächern, die wir auf Reisen „so nebenbei“ lernten. Wir nahmen kein Schulbuch in die Hand, bis die Prüfungen kurz bevorstanden. Wir verfolgten frei unsere Interessen und eigneten uns eine bleibende Allgemeinbildung an – weil wir es wollten, weil es uns Spaß machte, und weil wir selbstbestimmt entscheiden konnten, was wir wann machten.
Ein ganz wichtiger Faktor ist die Zeit, die wir plötzlich hatten um viele Bücher zu lesen. Und zwar Bücher, die wir uns selbst aussuchten. Da die englischen Bücher billiger sind, griffen wir wann immer möglich auf die Originalversionen zurück. Das hat uns bestimmt im sprachlchen Bereich massiv geholfen. Wenn wir an unsere Schulzeiten zurückdenken, wir mühsam es ist, sich durch ein Buch zu quälen, für das man sich gerade nicht interessiert. Da war das Lesen eher zum Abgewöhnen. Nicht, dass ihr jetzt denkt, wir hätten gar keine Klassiker gelesen. Nein, Goethe fanden wir auch interessant, aber erst ziemlich spät.
Als wir dann schließlich wieder mit Lehrbüchern paukten, war es anders als in der Schule, denn wir konnten unsere Stundenpläne selbst schreiben und sie an unsere Stärken und Schwächen anpassen. Zum Beispiel hatte ich (Esra) in Mathe enorme Wissensslücken, Deutsch fiel mir allerdings leicht. Also verbrachte ich ungleich mehr Zeit mit Mathe als mit Deutsch, und hatte schließlich in beiden Fächern gute Noten. In der Schule hätten wir uns nicht aussuchen können, wie lange wir an einem bestimmten Fach arbeiten. Wir hätten uns in einem Fach gelangweilt und Zeit abgesessen, während wir in einem anderen zurückfallen wären. Um in diesem Fall am Ball zu bleiben, hätten wir zusätzlich große Teile unserer auch so schon knappen Freizeit opfern müssen. Ist Nachhilfe nicht auch eine sogar anerkannte Form von Homeschooling?
Ich habe festgestellt, dass es besser ist, Mathe „am Stück“ zu lernen, also teilweise fünf Stunden pro Tag, als alle zwei Tage in 45-minutigen Schulstunden. Allein diese kleine Freiheit der Zeiteinteilung macht das Lernen enorm effektiv.
Was vermisst Ihr aus dem alten Schulalltag?
Eigentlich gar nichts. Es gibt durchaus Aspekte des Schulalltags, Schulfreunde zum Beispiel, auf die wir nicht gerne verzichten wollten, aber die Sorge erwies sich als unbegründet. Wir treffen uns regelmäßig mit unseren Freunden, auch für längere Zeit. Andere Freilerner haben meist nichts dagegen, gleich mal ein paar Wochen oder Monate mit uns zusammen Dinge zu unternehmen und an Projekten zu arbeiten. Neue Freunde konnten wir auch in Vereinen und unterwegs im Ausland finden.
Was von Euren Erfahrungen mit dem Lernen unterwegs ließe sich in den normalen Schulalltag übertragen?
ESRA: Die Schüler sollten sich mehr ihren eigenen Interessen widmen dürfen. Nur was man aus Interesse lernt, wird dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Klar, manch einer wird nie ein wirkliches Interesse für Mathe entwickeln, da muss man dann einfach durch. Aber so wie Schule momentan abläuft, hat man nur sehr wenig Zeit, die Dinge zu tun, die einen wirklich begeistern. Man lernt fast nur für Prüfungen und vergisst das Gelernte danach gleich wieder. Die Schule müsste einfach mehr Freiraum erlauben.
NOAH: Den Schülern würde ich raten: wenn du mit den angebotenen Schulmaterialien nicht zurecht kommst, suche dir alternatives Material, mit dem du besser arbeiten kannst. Zu oft habe ich im Unterricht und bei den Hausaufgaben frustriert vor irgendwelchen unlogischen Arbeitsblättern oder faden Listen gesessen, mich gelangweilt, und damit total das Interesse am eigentlichen Thema verloren. Dabei gibt es unzählige Wege, an Wissen zu kommen, und in vielen Fällen zahlt es sich aus, nach Quellen zu suchen, die sich mehr nach den eigenen individuellen Lernverhalten richten. Ob es nun Lehrvideos, nicht offizielle Lehrbücher oder Artikel aus dem Internet sind. Klar, es hört sich nach zusätzlicher Arbeit an, es lohnt sich aber auf jedem Fall, wenn man den für sich passenden Lernweg gefunden hat.
Den Lehrern würde ich raten: Gebt den Schülern mehr Freiraum und Eigenverantwortung für selbständiges Lernen. Lasst sie selbst mehr aktiv werden, und ermuntert sie, ihren eigenen Interessen nachzugehen und diese eventuell auch im Unterricht vorzustellen. Das wäre eine gute Alternative für Hausaufgaben. Und wenn ein Schüler mal nichts liefert, nicht bestrafen und Geduld haben. Lernzwang und Motivation schließen sich meiner Meinung nach gegenseitig aus.
Amy legte letztes Jahr auch erfolgreich ihren externen Realschulabschluss ab! Und kurze Zeit später auch das Abitur als Externe. Jetzt studieren alle drei.
Lernen ohne Schule bis zum Abitur
Gabi hat als Mitherausgeberin das Buch „Wir sind so Frei“ umgesetzt. Im Buch finden sich 29 Lebensgeschichten von freilernenden Familien. Die Buchvorstellung mit Gabis Vorwort findest du hier.