Heute abend um 18:45-19:30 Uhr redet Esra über seine Erfahrung zum Abi ohne Schule in der Landesschau beim SWR, Rheinland Pfalz!
Ein herzliches Dankeschön an das Team beim SWR! Das hat uns Spaß gemacht!
Ein herzliches Dankeschön an das Team beim SWR! Das hat uns Spaß gemacht!
Anmerkung im Jahr 2026 – Esra studierte nach dem externen Abitur Geographie in Mainz, Göteborg, Schweden und Monterey, Californien. Zur Zeit in arbeitet er in Uppsala in Schweden an seiner Doktorarbeit.
Über die Jahre kam immer und immer wieder die gleiche Frage auf, wenn wir von unseren monatelangen Auslandsreisen erzählten: „Wie läuft das eigentlich bei euch mit der Schule? Machst du einen Abschluss?“
Nein, ich war seit Jahren nicht in der Schule, aber ja, ich habe jetzt einen Abschluss. Vor einigen Monaten habe ich in Baden-Württemberg das Abitur als externer Prüfling abgelegt. Wie das im Einzelnen ablief, will ich hier einmal erzählen. Vielleicht beantwortet es die ein oder andere Frage, die du über mein schulisches Schaffen der letzten Jahre hast.
Im SWR wurden Gabi und ich zum Abi interviewt.
Wer einen Abschluss will, muss zur Schule gehen. So war es in Deutschland immer gewesen und so wird es hier auch immer sein. Oder?
Was viele nicht wissen: man kann das Abitur auch machen, ohne einen einzigen Tag zur Schule gegangen zu sein. Das Schulfremdenabitur ist dem regulären Abi gleichwertig. Es ist eben nur etwa so weit verbreitet, wie Koalas in Kanada
Wer das Abitur als externer Schüler macht, legt nicht fünf Abiturprüfungen ab, wie in Baden-Württemberg üblich. Man muss sich gleich zwölf Prüfungen unterziehen. Dafür fallen allerdings die kompletten Noten, die man in den Jahren der Oberstufe zu sammeln hat, weg – man war ja nicht im Unterricht.
Auf diese Art einen Abschluss zu erlangen ist bestimmt nicht für jeden das Richtige – man muss ganz auf sich alleine gestellt, ohne Lehrer, Hausaufgaben und Klausuren den Stoff der Oberstufe aneignen, und hat im Schreiben von Prüfungen keine Erfahrung, wenn es dann hart auf hart kommt. Einigen ist diese Art des Vorbereitens aber wie auf den Leib geschneidert. Immerhin kann man in seiner eigenen Geschwindigkeit lernen und muss „nur“ die Abiturprüfungen machen. Den abwechselnden Stress und die Öde des Oberstufenunterrichts kann man sich sparen.
Für mich war das genau die richtige Entscheidung, das Abitur als externer Schüler abzulegen. Bis zur zehnten Klasse habe ich (meistens) die Schule besucht, und war immer ein mittelmäßiger bis schlechter Schüler. Ich war der typische, völlig desinteressierte Jugendliche, der seine Zeit im Klassenzimmer absaß, wie ein Inhaftierter seine Zeit hinter Gittern. Es gab kaum ein Fach, das mich interessierte. Ich hörte mit einem Ohr halbherzig dem Lehrer zu, während ich mein Hausaufgabenheft mit Cartoons verzierte, oder mit meinen Sitznachbarn schmutzige Witze austauschte. Eine Eins zählte in meinem Zeugnis zu den ausgestorbenen Arten, dafür tummelten sich dort die ein oder andere Vier, und gelegentlich auch mal eine Fünf.
Immer wieder hatte ich aber die Gelegenheit, mal die Schule für ein paar Wochen zu verlassen und mit meiner Mutter, einer leidenschaftlichen Fotografin, auf Reisen zu gehen. Wir nutzen schon alle Ferien zum Wegfahren, doch es war uns nicht genug. Einmal unternahm meine Familie sogar eine sechsmonatige Reise. Währenddessen verbrachte ich keine Minute in einem Schulhaus, Schulbücher interessierten mich auch überhaupt nicht. Seltsamerweise lernten ich und meine Geschwister in dieser Zeit trotzdem enorm viel.
Der Unterschied zu vorher war, dass ich nun keinen Zwang mehr hatte, etwas Bestimmtes bis zu einem vorgegebenen Datum zu lernen. Jetzt konnte ich machen, was ich wollte, im wahrsten Sinne des Wortes. Und auf Reisen hat man so viele Gelegenheiten, etwas Neues zu erfahren, so dass man selbst beim besten Willen nicht darum herum kommt, neues Wissen aufzunehmen.
Wir trafen Fischer, Kapitäne, Jäger, Meeresbiologen, andere Reisende und redeten sowieso mit fast jedem, der uns über den Weg lief. Wir waren aktiv neugierig und nach einem halben Jahr in Skandinavien und Großbritannien wusste ich enorm viel über diese Länder und die Leute, die dort leben. Außerdem hatte sich mein schmächtiges Schul-Englisch wie von selbst zu einem brauchbaren Verständigungsmittel weiterentwickelt. Ich hatte ohne bewusste Anstrengung etwas erreicht, woran ich in der Schule jahrelang gescheitert war.
Ich lebte, statt das Leben in der Schule zu simulieren.
Nach dieser monatelangen Reiseerfahrung wollten meine Geschwister und ich nicht mehr in die Schule zurück. Wir wollten reisen und gemeinsam die Welt kennen lernen!
Meine Eltern entschieden sich, ihr Hobby, die Fotografie, zu ihrem Beruf zu machen. So waren wir jetzt beruflich viel in Europa unterwegs, auf der Suche nach den richtigen Motiven oder nach Projekten, die wir machen könnten. Und wir waren von nun an „Homeschooler“, also Heim-Lerner, auch wenn wir unterwegs waren.
Man sollte hier vielleicht noch erwähnen: Homeschooling kann viele verschiedene Formen annehmen. Teileweise läuft es so ab, dass die Eltern die Rolle des Lehrers übernehmen, einen Stundenplan aufsetzen und Hausaufgaben aufgeben. Es gibt aber auch die Sorte Eltern, die auf den selbstständigen Lerndrang ihrer Kinder vertrauen und ihnen keinen Druck machen. So war es bei mir; meine Eltern haben mich kein einziges Mal angetrieben, etwas zu lernen. Ich habe es aus rein eigenem Interesse getan.
Viele Dinge hätte ich anders nie so intensiv lernen und erfahren können – in mancher Hinsicht ist eine lange Reise die beste Bildung, die ein Jugendlicher bekommen kann. Man lernt die Dinge nämlich nicht einfach, man entwickelt schnell eine Leidenschaft dafür. Und wenn man etwas leidenschaftlich tut, fällt es einem um ein Vielfaches leichter und macht Spaß, statt lästig zu sein. Vieles von dem, was ich später für Erdkunde brauchen würde, war für mich Allgemeinwissen. Wie funktioniert Globalisierung, und wie beeinflusst sie die Tier- und Pflanzenwelt einer bestimmten Region, wie hängen Umweltresourcen und Wirtschaft zusammen, und vor allem, wie eignet man sich solches Wissen schnell an?
Genauso lernte ich viel über Geschichte, wenn wir an einem historischen Ort waren und dort mit den Leuten redeten. Was mein Interesse einmal geweckt, las ich später nochmal intensiv nach, um mehr in Erfahrung zu bringen.
Außerdem lernte ich, wie man schreibt. Ich bin zwar bei weitem kein Kandidat für den Literaturnobelpreis, aber beim Schreiben für unseren Reiseblog eignete ich mir ein gewisses stilistisches Grundwissen an.
Und selbst die Fächer, die man durch Reisen nicht „wie durch Osmose“ lernt, hatte ich bis zu den Abiprüfungen durch selbständiges Lernen gemeistert.
Wenn man lernen muss, aber sich die Zeit dazu selbst einteilen kann, wird es eventuell ewig dauern, bis man sich endlich dazu aufrafft – es gibt ja viel interessantere Dinge!
Irgendwann merkt man aber, dass man jetzt in die Puschen kommen muss, wenn man doch wissen will, was ein Integral ist oder was es mit Vektoren auf sich hat. Ich hätte es vorher nicht für möglich gehalten, aber auf einmal war ich neugierig auf Mathe, ich wollte es unbedingt lernen. Und wenn man auch noch den ganzen Tag Zeit dazu hat, dann geht es natürlich gleich viel leichter von der Hand, als in der Schule. Dort muss man lernen, hat aber dafür nur vier Schulstunden pro Woche zur Verfügung.
Mit den konkreten Vorbereitungen auf die Abiturprüfungen fing ich etwa ein Jahr vor dem geplanten Abschlusstermin an, doch wir waren zwischendurch in Norwegen und Schweden, so lernte ich effektiv nur acht oder neun Monate.
Ich fing mit Mathe an. Ich war in Mathe immer schlecht gewesen, doch jetzt war es eines meiner Hauptfächer – die kann man sich beim externen Abitur nicht aussuchen. Kernfächer sind Deutsch, Mathe, Englisch und Geschichte.
Viele Wochen lang war es das einzige Fach, mit dem ich mich beschäftigte. Ich hatte die Khan-Academy entdeckt, eine ausführliche Sammlung an englischsprachigen Lehrvideos im Internet, die ich einfach so lange immer wieder anschaute, bis ich wusste, was Salman Khan mir erzählen wollte. Zwar waren sie für das amerikanische Schulsystem ausgelegt, und ich musste das ein oder andere Thema anderswo besorgen, oder ich lernte Dinge, die für mich irrelevant waren – aber ohne die Khan-Academy wäre es mir echt schwergefallen. Ein Buch darüber, Die Khan-Academy: Die Revolution für die Schule von morgen, gibt es auch in Deutsch.
Wie ich Mathe lernte bescheibe ich in meinem Blog.
Im August fuhren wir dann nach Norwegen, die Reise dauerte drei Monate. Ich hatte mir vorgenommen, dennoch zu lernen, das würde ich schon schaffen. Eine utopische Fantasie, wie ich schnell einsah, denn auf Reisen gibt es weitaus Interessanteres zu tun, als die Nase in Bücher zu stecken. Dann eben nach der Reise!
Im November legte ich dann mit Volldampf los. Die schriftlichen Prüfungen waren nur noch fünf Monate entfernt, und bis auf Mathe hatte ich noch nichts gemacht (und selbst da fehlte noch einiges). Also ran an die Arbeit! Ich setzte mir ein Ziel: Jeden Tag fünf Stunden pauken, ein Tag in der Woche ist frei.
Mit dem Druck der sich bedrohlich nähernden Prüfungen fiel es mir dann auch leichter als gedacht, dieses Schema auch einzuhalten. Die Tatsache, dass ich mir den Lehrplan selbst zuschneiden konnte und er sich daher stark nach meinen individuellen Lerngewohnheiten und Wissenslücken richtete, erleichterte mir das Lernen enorm. Ich konnte mich auf genau das konzentrieren, wo es fehlte. In Mathe wollte ich eine Eins, also lernte ich sehr intensiv. In Geschichte hatte ich noch große Lücken, da ich immerhin auch am Stoff interessiert war, war es leichter als ich befürchtet hatte.
Englisch priorisierte ich gar nicht. Das war mein Ass im Ärmel, denn durch das viele Reisen und die vielen englischsprachigen Freunde, hatte ich die Sprache fließend drauf. Zudem las ich viel und schaute Filme und Serien nur in Englisch an, hier musste ich mir also keine Sorgen machen. Ich zog mir noch die Pflichtlektüre rein, das wars.
Fünf Monate stopfte ich so systematisch eine Wissenslücke nach der anderen. In der Schule wäre viel Zeit allein daran verloren gegangen, Unterricht über Sachen abzusitzen, die ich bereits beherrschte. Dafür hätte sie anderswo gefehlt – ich verbrachte zum Beispiel weit mehr Zeit mit Mathe als meine Mit-Abiturienten in der Schule.
In den letzten Monaten stand ich dann auch im Kontakt mit den Lehrern, die mir die Prüfungen abnehmen würden. Sie waren sehr hilfsbereit und unterstützen mich mit Probeklausuren und zusätzlichem Lernstoff. Außerdem boten sie mir an, in der Woche vor dem Abitur in die Schule zu kommen, um die Mitschüler und das Kollegium kennen zu lernen. Das nahm ich natürlich gerne an.
Als sich die anfangs gefürchteten Prüfungstermine näherten, fand ich es gar nicht mehr so fürchterlich, denn ich fühlte mich erstklassig vorbereitet. Im Gegensatz zu den anderen Abiturienten hatte ich fünf Monate lang intensive Prüfungsvorbereitungen gehabt. Sie hatten regulären Unterricht – der bereitet natürlich auch vor, aber man hat zwischendurch unzählige Klausuren, Epochalnoten und anderen Kram, der am Ende in der Prüfung nicht drankommen wird. Das ist weniger zielstrebig. Andererseits wurde ich aber über den gesamten dreijährigen Lehrstoff auf einem Schlag geprüft.
In den vier schriftlichen Prüfungen schnitt ich weit besser ab, als erträumt (die Ergebnisse bekam ich nebenbei erwähnt erst zwei Monate nach den Prüfungen). In Deutsch 12 Punkte, in Mathe 14, in Englisch auch 14, und 9 in Geschichte. Dann kamen in diesen Fächern noch mündliche Prüfungen hinterher – die verliefen auch gut, wenn auch nicht ganz so gut wie die schriftlichen. Anfangs war ich sehr nervös. Vor allem in der ersten Prüfung, Mathe, machte ich deswegen einige Fehler. Ich bekam „nur“ 11 Punkte. Deutsch und Geschichte liefen passabel – 9 und 8 Punkte – da hätte ich ein paar Stunden mehr investieren können.
In Englisch räumte ich ab. Wie gesagt, das war mein Ass im Ärmel. Die drei Prüfer waren sehr froh darüber, mir alle 15 Punkte geben zu können, denn ich war der erste, der diese spezielle Form der mündlichen Prüfung ablegte.
Als ich diese erste große Hürde hinter mir hatte, kam es noch einmal dick hinterher: Ich hatte nur acht Wochen Zeit, um mich auf vier weitere mündliche Prüfungen vorzubereiten. Musik, Geografie, Latein und Physik. Da ich in den Monaten davor alle Hände voll mit dem ersten Prüfungsteil zu tun gehabt hatte, war in diesen Fächern noch fast gar nichts geschehen. Oh je.
Naja, nichts wie ran, es gab keine Zeit zu verlieren! Ich lernte weiterhin jeden Tag um die fünf Stunden. Ich musste die gesamte Musiktheorie der Oberstufe lernen, und in Physik hatte ich zuvor auch keinen Finger gerührt. Zum Glück würden die letzten vier Fächer auf dem Niveau zweistündiger Kurse geprüft werden, nicht vierstündiger.
Schließlich kamen die Prüfungen, doch diesmal hatte ich weit mehr Zweifel an meinen Fähigkeiten, als ich sie bei den ersten acht Prüfungen gehabt hatte.
Die Zweifel erwiesen sich als weitgehend überflüssig. Es waren immerhin mündliche Prüfungen, und die Tatsache, dass ich äußerst gerne und noch dazu viel rede (das habe ich mir wohl unterwegs angewöhnt…), kam mir in den mündlichen Prüfungen sehr zugute.
Vielleicht half mir auch der Umstand, dass ich insgesamt acht mündliche Prüfungen ablegen musste, und nicht nur eine oder zwei, wie das normalerweise der Fall ist. So hatte ich schon recht viel Übung im Bestehen von mündlichen Prüfungen. Ich wusste bei weitem nicht alles, wonach mich die Prüfer fragten, aber ich wusste, wie ich trotzdem etwas draus machen konnte.
In Physik zum Beispiel scheiterte ich erbärmlich an den Rechenaufgaben, die man mir in der Vorbereitungszeit hingelegt hatte. Ich hatte keine Rechenpraxis. Dafür konnte ich die Prüfer aber mit meinem Verständnis der Vorgänge überzeugen, denn ich hatte den Stoff wochenlang gelernt und wie ein Schwamm aufgesogen. Am Ende gab mir das Prüfungskommitee ganze 10 Punkte.
In Musik kam natürlich das Thema dran, welches mir gar nicht lag – Impressionismus. Ich erzählte alles, was ich davon wusste, und ließ nebenbei noch einiges von dem Wissen einfließen, welches ich von den anderen Musikperioden hatte. Das gab ganze 12 Punkte für „umfangreiches Fachwissen“. Mündliche Prüfungen waren doch nicht so schlimm, vor allem nicht auf Nebenfachniveau.
In Geografie, einem meiner Lieblingsfächer, hatte ich zu allem eine Antwort parat und räumte alle 15 Punkte ab.
Selbst in Latein, meinem alten Erzfeind, bekam ich zu meiner großen Überraschung acht Punkte. Allerdings mit etwas Glück, da es sich hier um eine Präsentationsprüfung handelte – das heißt, ich durfte die möglichen Abfragethemen selbst wählen. So konnte ich meine sehr bescheidenen Übersetzungskenntnisse mit geschichtlichem Hintergrundwissen verstärken, denn ich konnte ja gezielt lernen.
Unterm Strich hatte ich am Ende einen Notenschnitt von 1,8. Das war um Welten besser als jedes einzelne Zeugnis, das ich meinen früheren Schuljahren ausgehändigt bekommen hatte.
Ein paar Tage nach der letzten Prüfung ging es zum Abi-Ball. Es wurden aufwändige Reden geschwungen und ein Film gezeigt, den meine Mit-Abiturienten gedreht hatten. Hinterher wurden die Zeugnisse ausgehändigt. Jeder wurde namentlich auf die Bühne gerufen, um sein Zeugnis in Empfang zu nehmen. Nur bei einigen Wenigen sprach der Schulleiter noch ein kurzes Wort, zum Beispiel bei dem Kandidaten mit den besten Abi-Schnitt, oder wenn jemand einen angesehenen Preis gewonnen hatte. Als ich an der Reihe war, erzählte er der gesamten Versammlung die Umstände meines Abschlusses.
„Normalerweise freuen wir Lehrer uns, wenn unsere Schüler nach Jahren in unserer Obhut endlich das Abitur erlangen.“ sagte er. „Doch der Herr Reichert hier kam nur für die Abschlussprüfungen an unsere Schule, und hatte sich den ganzen Stoff auch noch selbst beigebracht. Wir kamen uns fast überflüssig vor!“
Er erzählte von meinem Berg an Prüfungen und betonte auch noch meine Endnote. Der ganze Saal applaudierte laut, und ich war stolz, wie ein Sportler auf dem Siegerpodium.
Bis zum Tag der letzten Prüfung war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich auch alles gut hinbekommen würde. Was, wenn ich eine Prüfung verhauen würde? Was, wenn ich am Ende einen lausigen Schnitt hätte? Mit 1,8 hatte ich nämlich auf keinem Fall gerechnet.
Um so besser fühlte es sich an, das Abiturzeugnis mit einer Eins vor dem Komma in der Hand zu halten. Und als der Schulleiter es so vor dem ganzen Saal formulierte, wusste ich: Ich hatte wirklich etwas Bemerkenswertes erreicht, weil ich es mir fest vorgenommen hatte. Für mich war das Schulfremdenabitur genau die richtige Entscheidung gewesen!
Noch eine Anmerkung: Ich war in dieser Zeit bei der Clonlara School angemeldet, einer Fernschule, die maximale Freiheit beim Lernen erlaubt. Ich konnte also machen was auch immer ich wollte, es war meine Sache. Wenn ich aber organisatorische Unterstützung brauchte, standen mir Karen und Matthias Kern, meine Schulberater immer zur Seite. Sie halfen mir, das Anmeldungsschreiben aufzusetzten oder sagten mir, wo ich die Lehrpläne finden kann. Außerdem ließen sie mich bei ihnen in Markdorf am Bodensee wohnen, während ich die Prüfungen hatte. Ich machte das Abi in Baden-Württemberg, weil sie dort das Zentralabitur haben – da weiß man schon vorher, wie die Prüfungen ungefähr aussehen werden, und kann besser lernen. Mittlerweile sind Karen und Matthias nicht mehr bei Clonlara aktiv, sondern haben ihre eigene „Schule“ eröffnet, Kern-Bildung. Sie spezialisieren sich nun darauf, Leuten wie mir bei Fragen zum externen Abschluss zur Seite zu stehen. Sie unterrichten jedoch nicht, das muss man schon selbst tun. Doch für die wertvollen Tips und Tricks, mit denen sie mich unterstützt haben, bin ich sehr dankbar!
Ohne gute Lehrbücher kann man sich nicht wirklich auf eine Prüfung vorbereiten. Ich hatte zum Glück ein paar Tips von Karen und Matthias und von den Lehrern bekommen. Diese Bücher kann ich jedem empfehlen, der auch das Abitur in BW anbelegen möchte:
Abitur-Training Mathematik / Analytische Geometrie: Bayern
Geschichte – Deutschland im 19. Jahrhundert bis 1933
Ingo Fechner interviewte Amy und Gabi zum Thema Freilernen. Schau dir den Freilernen Kongress mit extrem praktisch anwendbaren Infos an.
Hier unten steht noch eine Bildergalerie , die uns unterwegs beim Lernen und Erfahrungen-sammeln zeigt.
Für eine größere Darstellung klickt bitte auf die Bilder.
Ein paar von meinen Texten hier im Blog:
Im moment gibt es ein kostenloses eBook zum Thema Lernen und externe Abschlüsse im Bonusbereich!!!

kostenloses eBook: Langzeitreisen und externes Abitur
Hol Dir unsere eBooks!
Das Buch über Freilerner Erfahrungen – „Wir sind so frei“, Gabi Reichert, Karen Kern, Stefanie Mohsennia, Heike Weimer
PS Mittlerweile legten auch die beiden Geschwister Noah und Amy ihr Abitur als Nichtschüler in der Externenprüfung ab. Esra hat sein Bachelorstudium in Geographie im August 2019 mit Bestnote beendet. Noah studiert Kulturanthropologie und Philosophie. Amy hat in der Corona Krise ihr Studium der Filmwissenschaften und Amerikanistik begonnen. Das Studieren daheim fällt ihr nicht super schwer – aber schade, sie hätte sich jetzt so sehr auf den normalen UNI Betrieb mit Bibliotheken und das Kennenlernen von Kommilitonen gefreut.
Das Freilernen ist die ideale Vorbereitung für ein Studium an der Universität, weil selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen dort sehr wichtig ist.
Amy’s Abiturbericht:
Wie ihr ja schon wisst, war ich im Sommer zusammen mit meiner Freundin mit dem Rad in Schweden und Dänemark unterwegs. Es war ein Abenteuer, wie es im Buche steht: mit einer Landkarte und unseren Siebensachen sind wir losgezogen, und haben den Großteil der Planung erst an der entsprechenden Straßenkreuzung unternommen. Vielleicht bewegen diese sieben Gründe den ein oder anderen dazu, für die nächste Reise das Fahrrad als Transportmittel in Betracht zu ziehen…
Wer mit dem Rad unterwegs ist, hat keine Verpflichtungen. Vor allem in Schweden, wo man nahezu überall für eine Nacht campen darf, sind wir einfach in den Tag hineingefahren. Wir wussten ja, dass wir unser Zelt einfach auf irgendeine Wiese stellen konnten, wenn wir uns danach fühlten. Wir konnten den Tag nach Lust und Laune gestalten, ohne Rücksicht auf Termine oder Verabredungen nehmen zu müssen.
Einige Zeit lang fuhren wir am Göta-Kanal entlang, doch wir legten viele hundert Kilometer zurück, ohne uns nach einem ausgeschilderten Weg zu richten. In der unteren Ecke unserer großen Landkarte lag Göteborg, und oft fuhren wir einfach von Ortschaft zu Ortschaft, solange wir unserem Ziel näher kamen.
Und auch im Fall einer Panne ist man nicht aufgeschmissen – die allermeisten Fahrrad-Krankheiten lassen sich mit einem Schraubenschlüssel, ein paar Tropfen Öl und etwas Geschick im Nu wieder kurieren. Fahrräder sind relativ unkompliziert, und das macht sie zum Idealen Reisegefährt.
Es gibt kaum eine CO2-neutraleres Transportmittel, als das Fahrrad. Wir durchquerten zwei Länder von einem Ende zum anderen und verbrauchten dabei keinen Tropfen Treibstoff. Auch unser Stromverbrauch war nicht der Rede wert: Wir hatten eine Taschenlampe dabei, um Abends Tagebuch zu schreiben, das wars. Und wo andere im Urlaub leben wie Gott in Frankreich und dabei Berge an Müll produzieren, da fielen bei uns nur ein paar Milchkartons, Müsli-Schachteln und Bananenschalen an.
Anstatt mit Benzin liefen unsere Motoren mit Obst, Käsebroten und schwedischen Zimtrollen. Den ganzen Tag lang futterten wir Unmengen an allem, was sich in schwedischen Supermärkten finden ließ. Zwei Stunden nach dem Frühstück hatten wir ein Zweites, dann gingen wir essen, und dann gab es ein weiteres Mittagessen vor dem Abendessen. Ich war rund um die Uhr hungrig, und ich aß auch entsprechend viel.
Unter anderen Umständen wäre ich schnell rund wie eine Melone geworden. Doch wir verbrannten die Kalorien fast schneller, als wir sie hinterherschieben konnten. Nach der Reise brachte ich tatsächlich vier Kilo weniger auf die Waage als zuvor.
Und auch die Muskelbildung konnten wir fast täglich beobachten. Meine Freundin fuhr völlig untrainiert los. In den ersten drei Tagen hatten sie einen gehörigen Muskelkater, doch schon nach kurzer Zeit konnten wir fahren bis es dunkel wurde, ohne es in den Beinen zu spüren. Unsere Körper gewöhnten sich unglaublich schnell an die Beanspruchungen.
Je hungriger man ist, desto besser schmeckt es. Einmal saßen wir irgendwo in der Nähe des Vätternsees im Gras und wollten Müsli essen, ohne Geschirr schmutzig zu machen. Also futterten wir das Müsli mit den Fingern und spülten jeden Bissen mit Milch direkt aus dem Karton runter. Käsebrote bereiteten wir auch nicht erst aufwändig vor: Wir bissen einfach abwechselnd in das Brot und den Keil Käse.
Doch auch wenn wir oft aßen wie die Barbaren, es schmeckte immer köstlich. Bei unserem Appetit wurde jede Pommes-Bude zum exquisiten Fünf-Sterne-Restaurant.
Wir hatten keine Benzinkosten, keine Auto-Miete, keine Hotelübernachtungen – Im Grunde gaben wir den Großteil des Geld für Essen aus. In Dänemark zahlten wir etwas mehr, denn da mussten wir auf Campingplätzen übernachten. Wildcampen ist dort verboten.
Wir verbrachten noch ein oder zwei Wochen bei Freunden, und so beliefen sich unsere Kosten für eine fünfwöchige Reise auf unter 500 € pro Person, inklusive Zug- und Fährfahrt.
Dabei waren wir nicht geizig. Wir schmissen zwar nicht mit Geld um uns, aber wenn uns beispielsweise der Duft aus einer offenen Restaurant-Tür lockte, zögerten wir nicht lange.
Wir brauchten auch keine teure Ausrüstung: ich fuhr auf dem 25 Jahre alten Drahtesel meines Vaters, und für meine Freundin kauften wir zwei Wochen vor Reisebeginn ein Rad auf dem Flohmarkt, für 250 €. Dazu ein paar wasserdichte Taschen, und die Reise konnte beginnen. Nur bei der Radfahrhose sollte man nicht geizig sein, die soll einem bei den vielen Stunden im Sattel wertvolle Dienste leisten.
Diesen Anspruch stellen viele Reisearten, und es ist auch kein Geheimnis: je langsamer und simpler das Fortbewegungsmittel, desto mehr bekommt man von seiner Umgebung mit. Im Zug saust alles am Fenster vorbei, auf dem Fahrrad hingegen nimmt man die Eindrücke des Landes mit allen fünf Sinnen wahr. Wir sahen viele Details in der Landschaft, das Wasser der Seen, hörten die Bäume im Wind rauschen und trafen Leute in den Ortschaften. Wir rochen die frische Luft, den Geruch von Harz und Nadeln im Wald oder den Duft von nassem Gras. Wir fühlten den Fahrtwind im Gesicht, den Sonnenschein, aber auch den Regen. Das Gehirn kann durch die Stimulation aller Sinne viel mehr Eindrücke abspeichern, und die Erinnerungen sind daher viel intensiver.
Auch mit den Leuten standen wir mehr im Kontakt, denn es ist einfach, von Fahrrad aus ein Gespräch anzufangen. Wenn wir nach dem Weg fragten, führte das meistens zu weiteren, interessierten Fragen, und wir plauderten oft ein paar Minuten am Straßenrand.
Und alle waren gastfreundlich: am ersten Abend suchten wir in Norrköping nach einem Platz zum Übernachten und fanden uns irgendwann auf dem Gelände eines Hunde-Clubs wieder. Die letzten Mitglieder machten sich gerade auf den Nachhauseweg, und als wir nach dem nächstgelegenen Campingplatz fragten, sagten sie: „Ach, es ist doch schon spät. Warum stellt ihr euer Zelt nicht einfach hier auf, ich sperr euch noch schnell das Badezimmer auf.“
Und das passierte uns nicht nur einmal.
Während wir Schweden einmal von der Ostküste bis an die Westküste duchquerten, bekam ich erst ein Gefühl dafür, wie groß das Land überhaupt ist. Nicht, dass ich es vorher viel kleiner eingeschätzt hätte, aber eine Landkarte ist doch sehr abstrakt, und bei unseren Durchquerungen mit dem Wohnmobil ist halt alles einfach vorbeigerauscht. Wenn man aber die gesamte Strecke mit eigener Muskelkraft zurückgelegt hat, dann weiß man danach, wie viele Hügel, Wälder und Seen zwischen Ost und West liegen. Ernest Hemmingway hat das einmal schön in Worte gefasst:
„Die Konturen eines Landes lernt man am besten auf dem Fahrrad kennen, denn man muss die Hügel mit Mühe hochfahren und saust sie dann wieder runter. So behält man sie in Erinnerung, wie sie wirklich sind, während in einem Auto nur die höchsten Berge einen Eindruck hinterlassen. Man hat keine so akkurate Erinnerung an ein Land, das man durchfahren hat, wie an eines, durch das man geradelt ist.“
Wenn ich jetzt auch die Karte schaue und unsere Route mit dem Finger nachfahre, kommen bei jedem Ortsnamen Erinnerungen hoch, und ich sehe die Landschaft wieder vor mir. Ich bin schon oft mit dem Auto durch Schweden mitgefahren, doch erst auf dem Fahrrad habe ich das Land richtig kennengelernt.
Alles in Allem war die Reise ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Wir fuhren immer der Nase nach in das Ungewisse und erlebten dabei ein Abenteuer, wie man es anders kaum erleben kann. Wer Freiheit und Spontanität schätzt, dem kann ich eine Reise per Fahrrad nur wärmstens ans Herz legen. Wir hatten uns anfangs viele Sorgen gemacht, ob wir uns vielleicht etwas zu viel vorgenommen hatten (bzw etwas zu wenig geplant), doch schon nach wenigen Tagen erkannten wir, dass die Sorgen weitgehend überflüssig waren. Ich kann es kaum erwarten, mich auf die nächste Reise zu begeben!
Mit dem Bericht geht’s die Tage weiter!
Auf der kleinen Insel Litløy in der norwegischen Arktis sitzen wir am warmen Feuer und haben den Finger auf der Landkarte. Nicholas, einer der Volontäre, kommt aus Lyon. „ Nächstes Jahr müsst ihr mich besuchen kommen. Ich wohne in Lyon und das ist eine wunderbare Stadt. Übrigens ist die ganze Region sehenswert.“
Nicholas kehrte letzten Sommer von seiner Weltreise zurück. Er hatte unser Gespräch noch in Erinnerung und lud uns ein. Anfang Dezember wäre am besten für unseren Besuch. Er schwärmte vom Lichterfest und wie viele Fotomotive das bietet. Ja, super, sofort sagten wir zu. Um uns herum herrschte das übliche Weihnachtsgedöhns mit „Stille Nacht Gedudel“ im regnerisch, trüben Deutschland. Ich hing beim Bearbeiten der Fotos emtotional noch im skandinavischen Sommer fest.
Eher unmotiviert fuhren wir los, die Autobahn war glücklicherweise frei, wenn auch etwas älter und enger. Die Maut kostete bis Lyon 35 Euro und das war es wert, wir konnten stressfrei fahren.
Nicholas wohnt mitten in Lyon, im alten denkmalgeschützten Stadtkern. Wir fanden seine Straße ohne Probleme, aber keinen Parkplatz. Die Autos, meist Kleinwagen, parkten buchstäblich Stoßstange an Stoßstange. Wir hielten kurz in einer Ausfahrt, um das Gepäck auszuladen. Wir hatten eine ganze Ladung spezielle Biersorten für Nicholas dabei. Deutsches Bier ist in Frankreich teuer, und unser Bus hat mehr als genug Ladekapazität.
Die Parkplatzsuche hinterher dauerte länger als eine Stunde. Ein legales Fleckchen, wo unser Bus hineingepasst hätte, war nicht zu finden. Nach unzähligen Schleifen durch enge Einbahnstraßen parkte Gunter das Auto zehn Blocks entfernt am Straßenrand in einer Kurve.
Nicholas Wohnung ist gemütlich, und wir machten es uns erst mal bequem. Nicholas ist Couchsurfer und läd gern Leute ein. Dieses Wochenende ist das begehrteste des Jahres. Zwei italienische Couchsurfer hatten kurzfristig abgesagt, da hatten wir für uns mehr als genügend Platz. Die umklappbaren Sofas reichten vollkommen aus.
Morgens gingen wir auf den Markt, der fast täglich am Boulevard-de-la-Croix-Rousse hügelaufwärts stattfindet. Die Auswahl an Käse, Gemüse und frischem Fleisch war unglaublich. Wenn schon Frankreich, dann natürlich auch kulinarisch! Käse, frisches Baguette und zum Frühstück Schokocroissants – herrlich!
Am folgenden Abend zogen wir erstmals hinunter in die Stadt. Lichterfest? Was würde das wohl bedeuten? Wir sind keine Stadtmenschen, und haben so etwas auch noch nicht erlebt. Ich stellte mir vor, dass da ein paar Häuser bunt angestrahlt werden würden.
Plötzlich waren wir mitten drin im Menschentrubel auf dem Place de Terreaux. Das Rathaus und das Kunstmuseum waren angestahlt, aber wie! Ein roter Vorhang wurde auf das Rathaus projiziert und bewegte sich wie im Wind wehend. Die Musik setzte ein, der Vorhang wurde aufgezogen – virtuell natürlich – und die Vorstellung startete. Wow! Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken! Ein multimedialer Streifzug durch die Kunstgeschichte folgte: Tanz, Musik und Malerei wurden auf den kompletten Fronten des Rathauses und des nebenan stehenden Kunstmuseums umwerfend plastisch präsentiert. DAS ist also eine Lichtershow?! JETZT erst konnte ich mir etwas drunter vorstellen! Ich war völlig überwältigt.
Mit den 5reicherts waren noch einige Millionen andere Besucher in die Stadt gekommen, um das Fête des Lumieres zu erleben. An jeder Ecke gab es eine andere Aufführung. Überall wurde heißer Glühwein angeboten, teilweise sogar kostenlos. Der Duft von Wein und Crepes hing in den engen Gassen. Nicholas hatte alles im Blick und schleuste uns zielgerichtet durch die Menschenmenge. Nur ihm in dem Gedränge zu folgen, war nicht einfach, weil er dunkel gekleidet war. Ich hätte ihm fast einen kitschigen LED-Kopfschmuck gekauft, die von Straßenhändlern angeboten wurden. Wenigstens fuhren keine Autos, aber für die unglaublichen Fußgängermassen waren extra Einbahnstraßen eingerichtet worden.
Am ersten Abend schauten wir die Installationen auf der Halbinsel zwischen der Rhone und der Saone an. Am nächsten Abend erkundeten wir die engen Gassen jenseits der Saone. Inzwischen waren wir voll auf Stadt, Trubel und Lichtershow eingestellt.
Lyon-Lichterfest,-Dezember-2014
Am dritten Abend fuhren wir mit der Bergbahn den Hang hinauf zur Basilika Notre Dame de Fourvière. Wir standen ewig in einer langen Schlange, weil die Fahrt an diesem Tag zur Feier des Lichterfestes kostenfrei war. Oben auf der Höhe war es kaum möglich, einen Platz an der Balustrade zu bekommen, soviele Menschen drängten sich für eine gute Aussicht an die Mauer.
Nach dem Gottesdienst warfen wir auch einen Blick ins Innere der Basilika. Freundliche Mönche sprachen uns sofort an. Das lag wohl an den Stativen, wir sahen wohl wie ernsthafte Fotografen aus. Sie erzählten uns, dass es im Sommer möglich ist, eine Tour durch die verschlungenen Gänge der Basilika zu buchen, jetzt im Winter leider nicht – das nehmen wir uns unbedingt für den nächsten Besuch vor.
Draußen wurde in der fortschreitenden Dämmerung per Kran eine giganitsche Discokugel in Zeitlupe über die Spitzen der Kirche gehievt. Deren Licht strahlte über die ganze Stadt, gleich daneben leuchtete der Schriftzug „Merci Marie“. Zum Dank an die Jungfrau Maria, welche die Stadt mehrmals vor Unheil gerettet hatte. (Mehr dazu im Infokasten).
Nicholas merkte an, dass man nach all den sinnlichen Outdoor-Eindrücken – Nieselregen und Kälte, bunte Lichter, Filme, laute Musik. Glühweinduft und Menschenmengen – den kulinarischen Genuß nicht außer Acht lassen dürfe. Wir müßten etwa 16 Euro für ein dreigängiges Menü pro Person kalkulieren. Das von unserem Gastgeber empfohlene petite Restaurante war gemütlich eingerichtet, nicht super nobel, aber gepflegt. Der Blick auf das Menü war allerdings frustrierend: die Preise ware just für die Tage des Lichtfestes deftig angepasst worden. Angebot und Nachfrage! Ein Menü kostete nun 20 Euro – bei sechs Leuten macht das ganz schön was aus. Speziell wenn man, wie wir, mit einem begrenzten Budget viel reist. Nicholas war sauer und beschwerte sich auch laut. Doch die Bedienung versuchte sich rauszureden, es wäre ja nur einen Euro teuer als sonst, haha.
Trotzdem schmeckte es gut! Und es war auch ein Erlebnis, welches zur Abrundung der Reise einfach dazugehört. Der Salat war hervorragend. Der Hauptgang in Ordnung, nur die Portionen waren für unsere Männer etwas zu klein geraten. Immerhin waren wir schon drei Tage lang durch die Stadt gezogen und hatten viele Kalorien verbrannt.
Lyon lernten wir erst richtig nach dem Fest kennen. Ich weiß nicht, ob es besser gewesen wäre, ein paar Tage vorher zu kommen, um sich einzugewöhnen, bevor man sich wagemutig in die Besuchermassen stürzt, immerhin liefen wir zusammen mit den anderen 4 Millionen Besuchern durch die Stadt!
Wir haben keine Städtetour mehr unternommen, seit wir im Jahr 2000 mit drei Kleinkindern durch San Francisco gezogen waren. Damals war es uns mit den kleinen Kinder viel zu stressig gewesen. Aber, um ganz ehrlich zu sein: die Städtetour hat uns wahnsinnig gut gefallen! Lyon ist echt genial!
Tagsüber trennten wir uns, die Kids zogen allein los und bummelten durch Galerien und Comicbuchläden. Wir fotografierten die öffentlichen Plätze und am frühen Abend den Trubel von Autos und Menschen. In diesem Gewusel fühlte ich mich richtig gut und kreativ gefordert!
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Mit einer halben Million Einwohnern in der Kernstadt ist Lyon nach Paris und Marseille die drittgrößte Kernstadt des Landes. Die gesamte Metropolregion Lyon, mit 2.2 Millionen Einwohnern, ist aber nach Paris und vor Marseille die zweitgrößte Frankreichs.Die Altstadt und ein Teil der Halbinsel Lyons wurden 1998 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.Historisch ist die Stadt eng mit den Canuts, den Seidenwebern, verknüpft, deren Handwerk während der Industriellen Revolution die treibende Wirtschaftskraft war. Darüber hinaus ist Lyon als Stadt des Lichtes bekannt, dem zu Ehren jährlich am 8. Dezember die „Fête des Lumières“ gefeiert wird.
Das Fest der Lichter drückt die Dankbarkeit gegenüber Maria, der Mutter Jesu aus. Jeder Haushalt bestückte dafür seine Fenstersimse mit brennenden Kerzen. Der Ursprung des Festes geht auf das Pestjahr 1643 zurück, als die Stadtoberen versprachen, der Heiligen Maria Tribute zu zollen, wenn sie die Pest aus der Stadt heraushalten würde.
1852 sollte eine Statue der Jungfrau Maria auf dem Fourvière Hügel, wo die Basilika steht, errichtet werden. Am Tag der Feierlichkeiten, am 8. Dezember zog aber ein Sturm auf, und die Verantwortlichen wollten das Fest hastig abblasen. Die Einwohner Lyons hatten dem Fest schon entgegengefiebert und entzündeten spontan Kerzen überall in der Stadt. Zum Glück ließ der Sturm während des Tages nach, die Leute zogen mit Fackeln durch die Straßen und sangen „Vive Marie!“
Seitdem wird alljährlich im Dezember das „Fête des Lumières“ gefeiert. Es ist eines der drei größten Volksfeste der Welt, nach dem Karneval von Rio und dem Münchner Oktoberfest. Vier Millionen Besucher komen dafür jedes Jahr nach Lyon, die Straßen der Stadt sind bis zum Bersten mit feierndem, gut gelaunten Volk gefüllt.
Lyon hat noch viel mehr mit Licht zu tun. Die Brüder Auguste und Louis Lumière drehten hier 1895 den ersten Film der Welt.
Der Lyoner Lichtplaner Roland Jéol setzte 1989 den weltweit ersten Lichtmasterplan in Kraft. Jéol lässt seitdem Hunderte Bauwerke und andere Objekte in Lyon ausleuchten. Seine Dienste sind auch in vielen französischen und auch europäischen Städten gefragt.
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Galerie: Die verschiedenen Facetten der Kathedrale Saint-Jean-Baptiste
Achtung: Das Lichterfest 2015 wurde aufgrund der Anschläge in Paris auf 2016 verschoben.
